LUXEMBURG
LUC SPADA

Macht euch bereit, liebes Volk. Sie sind wieder da. Nicht einmal so wirklich überraschend, nicht einmal leise und definitiv nicht unauffällig, sprießen sie wie Pilze aus dem Boden: Weihnachtsmärkte.

Auf einmal sind sie da. Überall leuchten und fliegen und knallen einem die reizprovozierenden Finessen überehrgeizig um die Ohren, vors Auge oder geradewegs in die Nase hinein. Noch einen Pfannkuchen mit einer Extraportion Schoko und viel Amaretto?

Sicher doch.

Mit viel Mühe und Not kann man sich noch so gerade zum Glühwein-Stand schleppen, um die Vielzahl an Sinneswahrnehmungen im Glühwein zu ertränken. Dann setzt die Kälte wieder ein. Und neuer Glühwein. Und wieder Kälte. Und so weiter.

Und wann überhaupt gedenken diese vier blöden Vögel, sich vom Heizstrahler wegzubewegen, um mir und meinen Freunden Platz zu machen, denn wir konsumieren viel mehr. Also sollten wir auch ein Vorrecht auf einen Platz im Warmen haben. Frechheit.

Weihnachtsmarkt, Schobermesse, Kirmes, es ist alles das Gleiche. Nur unterschiedlich dekoriert, und es sind mehr Proleten auf der Schobermesse als beim Weihnachtsmarkt anzutreffen. Dafür mehr Banker beim Weihnachtsmarkt. Wobei Proleten und Banker sich eigentlich kaum unterscheiden. Spätestens nach dem zweiten Glühwein mit Schuss.

Überhaupt begegnet man all den Menschen, denen man das ganze Jahr nicht begegnet. Solche Events sind wie moderne Todesanzeigen-Seiten. Nur umgekehrt. Tauchst du beim Weihnachtsmarkt auf, lebst du. Tust du das nicht, bist du wahrscheinlich tot oder zumindest schwer krank. Oh, lange nicht gesehen. Wir sollten mal wieder was machen, bevor wir uns hier nicht mehr wiedersehen.

Die ganzen Afterwork-Leute verlagern ihre Besäufnisse aus der Cocktail-Lounge vor den Glühwein-Stand, die LehrerInnen begegnen ihren SchülerInnen, und der/die PolitikerIn ist selbstverständlich jederzeit für Selfies zu haben.

Es ist eine komische Stimmung, die sich hier verbreitet. Ich denke an solchen „Treffpunkten“ immer, dass es jederzeit zu einer Massenschlägerei kommen könnte.

Die Grenze zwischen Aggression und Freude, Konsum und Romantik, Stress und Gemütlichkeit verläuft erschreckend dünnhäutig.

Überall, wo es so sehr blinkt, so sehr leuchtet und Friede-Freude-Eierkuchen-Musik lautstark läuft, vermute ich eine Krise, eine Bedrohung im Hintergrund. Oder anders ausgedrückt: Ich werde achtsamer für Abgründe, wenn die Oberfläche zu plastisch wirkt und allzu sehr glänzt. Der Obdachlose neben der Weihnachtskrippe. Das sich anschreiende Paar neben dem Kerzenstand. Das blaue Auge im Gesicht einer Frau, die nervös an ihrer Zigarette zieht, während ihr Mann sich den nächsten Glühwein reinpfeift.

Solche Orte sind auch immer symptomatisch für die aktuelle Gemütslage der Menschheit. Und die scheint an einem Wendepunkt zu stehen, und ich weiß, dass das nur Gedanken sind und ich nur ein kleiner Schreiber einer kleinen Zeitung, aber sie sind nunmal. Danke für die Aufmerksamkeit.