CHRISTINE MANDY

Über die Abschaffung des Deutschunterrichts in der Grundschule

Die Debatten um das Luxemburgische nehmen kein Ende. Am vergangenen Donnerstag widmete sich das Feuilleton „Die Warte“ ganz dem Thema „Eis Sprooch“. In einem Interview von Marie-Laure Rolland kam der Soziologe Fernand Fehlen zu Wort. Sein konkreter Vorschlag: Die Alphabetisierung, also das Vermitteln der Lese- und Schreibkompetenz, auf Luxemburgisch und die Abschaffung des Deutschunterrichts in der Grundschule.

Einfach wie „Bonjour“?

Es ist ein gewagter Vorschlag, dem man einiges entgegensetzen muss. Ist es nicht illusorisch zu glauben, dass im „Lycée“, wo der Deutschunterricht wieder eingeführt werden soll, fundierte Sprachkenntnisse wie „deus ex machina“ urplötzlich präsent sind? Welche Medien hat Fehlen im Sinn, die in seinen Augen wie ein wahres Wundermittel beim Erlernen der Sprache wirken sollen? Sollen wir Siebenjährige bitten, Zeitung zu lesen oder sollen wir sie den ganzen Tag vor die Glotze setzen, in der Hoffnung, dass Dieter Bohlen ihnen Grammatik vermittelt? Findet man im Fernsehen und Internet die bestgeeignetste Referenzsprache vor? Ist es überhaupt selbstverständlich, deutsche Medien konsumieren zu wollen, wenn einem die Sprache zunächst fremd ist und was passiert mit den Kindern, die keinen Zugang zu deutschen Medien haben - wie beispielsweise frankophone Schüler? Fehlen sieht hierbei keinerlei Probleme. „Les jeunes luxembourgophones l’apprendront très vite au lycée. Les autres n’ont pas besoin de l’apprendre“. Doch was genau ist damit gemeint, die „anderen“ müssten das Deutsche nicht erlernen? Wird früher oder später der Deutschunterricht auch im „Lycée“ abgeschafft? Oder wird er hier nur als Wahlfach angeboten? Vielleicht ist damit auch gemeint, dass die „anderen“, die Nicht-Luxemburger, auf internationale- und Privatschulen ausweichen sollen. Die eine Schule für „uns“, die andere für die „anderen“. Da ränne sie uns gleich wieder durch die Finger, die Integration, die durch die gemeinsame, luxemburgische Alphabetisierung ermöglicht worden wäre.

Ein weiter Weg

Wie sieht es ferner mit den Nebenfächern wie Musik, Geographie und Geschichte in der Grundschule aus? In welcher Sprache sollen sie gelehrt werden? Da die Alphabetisierung auf Luxemburgisch stattfinden soll und die Schüler somit zunächst nur Texte in ihrer Muttersprache lesen und verstehen könnten, bliebe ja eigentlich nur das Luxemburgische als Unterrichtssprache übrig. Das würde bedeuten, dass wir neue Fachliteratur bräuchten, sowohl für das Luxemburgische selbst als auch für die Nebenfächer, Lehrer müssten weitergebildet werden. Nun erscheint es mir doch erstaunlich, dass man diese Kosten ohne Weiteres auf sich nehmen würde, wo das doch - zu Recht - eines der Hauptargumente gegen die Übersetzung aller Gesetzestexte auf Luxemburgisch ist. Abgesehen davon, muss es geeignete Freizeitlektüre für Kinder im Einschulungsalter geben, die ihre ersten Bücher lesen wollen, sowie luxemburgische Jugendliteratur. Es ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche ohnehin wenig lesen, da wollen sie es sicher erst recht nicht in einer Sprache tun, die ihnen verstaubt und „uncool“ erscheint. Das Luxemburgische hat, und das ist leider eine Tatsache, bei jungen Menschen ein Image-Problem, dem man vorher dringend entgegenwirken müsste.

„Parléieren“ - ein Ideal?

Doch wozu überhaupt das Ganze? Man könnte ohne größeren Aufwand einfach einen luxemburgischen Orthographiekurs in der Grundschule einführen und hätte damit auch etwas für unsere Sprache getan. Fernand Fehlen nennt zwei Gründe beziehungsweise Ziele. Erstens möchte er für unsere Sprache eine neue Entwicklungsdynamik schaffen. Seine These: Das Luxemburgische kann nur dann mehr Eigenständigkeit erreichen, wenn es sich von seinem Ursprung, dem Deutschen, emanzipiert. Auf der anderen Seite soll auch das Französische gestärkt werden. Ob es eine gute Lösung ist, zwei Sprachen auf Kosten einer anderen zu stärken, sei dahingestellt. Die Tatsache, dass viele Luxemburger sich heute schwer tun mit dem Französischen, ist ein Argument dafür, den Französischunterricht effizienter zu gestalten und keines dafür, die schulischen Anforderungen herunterzuschrauben indem eine Sprache abgeschafft wird.

Verbindet man nun diese zwei Ziele, läuft Fehlens Vorschlag wohl auf Folgendes hinaus: Der Luxemburger beherrscht das Deutsche weniger gut und wird, entgegen der aktuellen Tendenz, eher auf französisches Wortgut zurückgreifen. Was Fehlen nun aber als Eigenständigkeit, als fortschreitende Standardisierung des Luxemburgischen tarnt - man kann keine eigenständigen linguistischen Elemente aus dem Hut zaubern, wo keine sind - entpuppt sich in Wahrheit als Angleichung ans Französische, vielleicht aus dem melancholischen Gedanken an die Zeiten heraus, in denen das Französische noch die elitäre Sprache der Luxemburger war. Fehlen findet: „Il faut défendre la tradition francophone du Luxembourg.“ Ich aber bin nicht der Meinung, dass wir etwas gewonnen hätten, wenn wir vermehrt „Avion“ anstatt „Fliger“ sagen würden und „Crayon“ anstatt „Bläistëft“. Nicht unsere Art zu sprechen wäre damit gehobener, sondern lediglich unsere Nasenspitzen... Es liegt nun einmal in der Natur eines ehemaligen moselfränkischen Dialekts, dem Deutschen nah zu sein und das Luxemburgische sollte um seiner selbst willen gestärkt werden. Der Multilinguismus allerdings gehört keineswegs zu den Schwächen, die ausgemerzt werden müssen.