LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Covid-19: Regierung will Entwicklung der Neuinfektionen abwarten, ehe sie neue Schritte unternimmt

Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) wollte auf ihrer gestrigen, gemeinsamen Pressekonferenz mit Premier Xavier Bettel (DP) im Anschluss an den Regierungsrat zwar noch nicht von einer zweiten Infektionswelle sprechen, doch der Direktor der „Santé“, Dr. Jean-Claude Schmit, hatte einige Stunden zuvor in einer an die Ärzteschaft verschickte „Lettre circulaire“ bereits von einer zweiten Welle gesprochen, würden sich doch viele Personen nicht mehr an die sanitären Regeln halten: „Notre pays se trouve actuellement face à une deuxième vague d’infections COVID-19 suite au déconfinement progressif. Le sentiment de liberté retrouvée conduit malheureusement de nombreuses personnes à ne plus respecter les consignes de distanciation physique et les gestes barrières“. Die Krisenzelle wurde inzwischen dann auch wieder reaktiviert.

66 Neuinfektionen

Auch die Covid-19-Taskforce spricht in ihrer neuesten Analyse der Fallzahlen von einer zweiten Welle: „Die Daten entsprechen einem exponentiellen Wachstum mit einer Verdopplungszeit von etwa 8 Tagen. Obwohl dieser Anstieg zwar langsamer ist als Anfang März, ist er jedoch eine recht klare Indikation einer zweiten Welle.“
Der Regierungschef bezeichnete die aktuelle Lage gestern als ernst, aber nicht katastrophal; oberstes Ziel bleibe immer noch, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Weniger testen sei keine Option, die Regierung bleibe bei ihrer „Large Scale Testing“-Strategie, klammere aber fortan die Grenzgänger aus der Statistik aus. Gestern wurden diese aber noch berücksichtigt, wobei die Zahlen mit 66 Neuinfektionen (Einwohner und Nichtansässige) nicht mehr ganz so dramatisch wie an den Vortagen war - mit einem vorläufigen Rekord von 100 Neuinfektionen am Dienstag. Auf Covid-19 positiv getestet wurden in Luxemburg inzwischen 4.214 Personen; das Durchschnittsalter liegt bei 44 Jahren. Einen neuen Corona-bedingten Todesfall gab es gestern nicht zu beklagen; die Zahl der Verstorbenen bleibt demnach unverändert bei 111.
Seit Beginn der Krise wurden bislang insgesamt 302.812 Corona-Tests durchgeführt. Als geheilt gelten inzwischen 4.247 Personen. Aktive Infektionen gibt es wieder 764. Hospitalisiert sind im Moment 38 Leute (Covid-19 und Verdachtsfälle), von denen vier auf der Intensivstation liegen. Entlassen wurden bislang 981 Corona-Patienten. Die effektive Reproduktionszahl liegt momentan in Luxemburg bei 1,16.
Dass Luxemburg seit Dienstag vom deutschen Robert-Koch-Institut als Risikogebiet eingestuft ist, was bedeutet, dass Luxemburger, die nach Deutschland einreisen, mit einer vierzehntägigen Quarantäne belegt werden sollen, und Luxemburg zuvor auch schon von Belgien auf eine „Liste orange“ gesetzt wurde, sorgt bekanntlich für viel Aufregung in der Bevölkerung, was Xavier Bettel zum Anlass nimmt, die Situation auch noch einmal auf dem morgigen EU-Gipfel zur Sprache zu bringen, dürfe ein Land, das viel testet, doch nicht bestraft werden.
Es hänge jetzt von den Zahlen ab, ob die Regierung weitere Maßnahmen, will heißen neue Einschränkungen beschließen werde, wobei die Experten aber noch ein paar Tage brauchen würden, um die Lage einzuschätzen. Er hoffe aber, so Bettel, dass die Regierung keine neuen Schritte unternehmen müsse, aber notfalls komme der Regierungsrat am Sonntag eben zu einer weiteren Krisensitzung zusammen. Das neue Covid-19-Gesetz, das heute Nachmittag vom Parlament verabschiedet werden soll, sei indes „bitter nötig“, zeigt sich der Premier überzeugt, der noch einmal auf die Wichtigkeit der sanitären Regeln hinwies. Die Regierung habe jedenfalls in diesem Dossier nichts zu verstecken, wie Bettel auf Kritiken der Oppositionspolitiker reagierte.

„Eine Butterfahrt ist keine Reise“

Auch Paulette Lenert erinnerte noch einmal an die Wichtigkeit der „Large Scale Testing“-Strategie, dadurch sei auch die Dunkelziffer bedeutend niedriger als in anderen Ländern. Auch in Bezug auf das normale Testen sei Luxemburg aktiver als die meisten anderen Länder. Jeder Infizierte habe seine eigene „Story”, so die Gesundheitsministerin, die auch darauf hinwies, dass Feiern und Feste im privaten Bereich die häufigsten Infektionsherde darstellen würden. Das Virus sitze nicht mit dem Taschenrechner da und rechne aus, ob ausreichend Leute da seien, um sich auszubreiten. Das Risiko werde jedenfalls nicht kleiner, wenn man zu Hause die Tür schließe, dabei aber nicht auf die Abstandsregeln achte.
Erschreckt zeigte sich Lenert indes über den aktuellen Rush auf die Arztpraxen, um sich dort im Hinblick auf einen Auslandsaufenthalt testen zu lassen. Wer nur nach Trier fahren wolle, der sollte von einem Arztbesuch absehen. Wer eine Urlaubsreise antreten wolle, und diese ohne Test stornieren müsse, der sollte sich jedoch testen lassen können. Xavier Bettel sprach dann auch von einem großen Unterschied zwischen einer Butterfahrt und einer Reise.
Was nun die Einreisebeschränkungen nach Deutschland anbelangen, so spricht der Premierminister von widersprüchlichen Signalen. Leider erfahre er vieles erst aus den Medien... •