TRIER
PATRICK WELTER

Trier: „Die Welt steht Kopf. Eine Kulturgeschichte des Karnevals“ - Eine Ausstellung, die auch einem Luxemburger ein Denkmal setzt

Es ist Jahre her, das ich zum letzten Mal im Simeonstift in Trier war. Ich mag Stadtmuseen und ihre Art, mit der eigenen Geschichte umzugehen. In Trier ist das natürlich besonders spannend. Aber jetzt widmet sich das Museum dem Karneval unter der Überschrift „Die Welt steht Kopf. Eine Kulturgeschichte des Karnevals.“ Insbesondere die Sache mit der Kulturgeschichte macht mich skeptisch. Als gebürtiger Rheinländer verbinde ich mit Karneval vor allem sechs anstrengend-fröhliche Tage von Schwerdonnerstag (Weiberfastnacht) bis zum Veilchen-Dienstag. Umzüge, Maskenbälle, kalte Füße und vor allem viel Spaß - den Norddeutsche nie verstehen werden. Aber Karneval im Museum? Klingt akademisch und langweilig…

Ein großer Irrtum, wie sich schon nach wenigen Schritten zeigt. Dafür sorgt Jutta Albrecht, die mich durch die Ausstellung führt. Einerseits war Albrecht als Historikerin an der Konzeption der Ausstellung beteiligt. Andererseits ist sie eine Aktive des Karnevals, 1995/1996 bildete sie zusammen mit ihrem Mann das Prinzenpaar der Stadt Trier. Praktisch zu jedem Exponat kann sie fachliches und auch anekdotisches beisteuern. Es folgen zwei unterhaltsame Stunden.

Uralte Anfänge

Das Motto „Die Welt steht Kopf“ geht zurück bis zu den Römern, als Herr und Sklave für einen Tag die Rollen tauschten. Einige Jahrhunderte später, unter der Fuchtel von Mutter Kirche und ihrer verordneten Fastenzeiten, erlebte der Karneval eine erste Blüte. Eine handgeschriebene Fastnachtsordnung von 1590 zeigt, dass auch das wilde Treiben nicht ohne Regeln ablief. Dazu kommen die vielen Wege und Verzweigungen, die der Karneval nahm. Manchmal waren es auch Sackgassen: Strenge Protestanten - aus rheinischer Sicht von Natur aus humorlos - wie der Prediger Osiander bereiteten etwa dem „Narrenschiff“ ein Ende.

Von Bruegel bis Spitzweg

Die Trierer Ausstellung führt anhand von 200 Exponaten, darunter eine Replik von Pieter Bruegels „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ und die originale Spitzweg-Miniatur „Aschermittwoch“, durch die Geschichte; unterstützt von etlichen multimedialen Stationen. Schließlich gehört auch Musik dazu - Stichwort Narhalla-Marsch. Das Museum zeigt auch die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen und die, für den Karneval nicht unerheblichen, Veränderungen der Fastenzeiten in den Regionen. So markierte die in den frankophonen Ländern heute noch beliebte „Galette des Rois“ das Ende einer Weihnachtlichen Fastenzeit. Unterschiede bleiben bis heute: So endet der rheinische Karneval an Aschermittwoch, 40 Tage vor Ostern, dagegen die luxemburgisch-belgische Karnevalsvariante an „Laetare“, dem Sonntag von Mitfasten.

Von der Revolution zum Karneval

Triers älteste Karnevalsgesellschaft „Heuschreck“ ist ein Ergebnis des Zeitgeistes der Revolution von 1848. Der Name ist eine Entlehnung aus den „Fliegenden Blättern“. Ursprünglich im damals linken Spektrum angesiedelt, einer der führenden Köpfe saß im Paulskirchen-Parlament, wurde der Heuschreck nach 1850 „brav,“ wie die Historikerin Albrecht erläutert. Heute ist der „Heuschreck“ die Trierer Karnevalsgesellschaft schlechthin, dazu gibt es 16 weitere in Trier und den Nachbarorten.

Louis Scheuer - der tragische Karnevalist

Die Zeit von der Jahrhundertwende bis zur Machtergreifung der Nazis gehört zu den produktivsten des Trierischen Karnevals, geprägt von einem Mann: Louis Scheuer. Scheuer, ein Luxemburger, gründete vor 1900 in Trier eine private Handelsschule, die über vier Jahrzehnte hinweg einen exzellenten Ruf hatte. Das Entscheidende war aber die andere Seite des Multitalents Louis Scheuer: Er textete, komponierte, arrangierte, führte Regie und schrieb mit seiner Musik und seinen Revuen nicht nur für die Trierer und die Karnevalsgesellschaft „Heuschreck“, sondern machte sich bald mit seinen Musikstücken auch einen Namen im Ausland und Übersee, nicht nur zu Karneval. Für Scheuer, einen Juden, war nach der Machtergreifung der NSDAP bald Schluss: Seine Schule wurde arisiert, seine Revuen verboten und Karneval gab es für ihn auch nicht mehr. Er floh nach Frankfurt und überlebte den Krieg mit Glück, dort starb er in den 1950ern. Scheuer kehrte aber nie wieder nach Trier zurück, für das er 1924 die Revue „Mein Trier, wie lieb’ ich dich“ geschrieben hatte. In den Wirren des Krieges und vermutlich schon in der Reichspogromnacht 1938 gingen die Texte und Kompositionen von Louis Scheuer unwiederbringlich verloren.

Braune Spuren

Andere dagegen, darunter ein bekannter Kaufhausbesitzer, machten eine ziemlich braune Karriere in der feinen Karnevalsgesellschaft, die auch nach dem Krieg unbeeindruckt weiterging. „Schwamm drüber!“ hieß die Losung. Lange war keine Rede von Louis Scheuer. Erst als die Historikerin Albrecht, die sich viel mit jüdischem Leben in Trier befasst, 1998 eine Chronik zu 150 Jahren „Heuschreck“ erarbeitete, entdeckte sie den unterschlagenen Komponisten und Karnevalisten. „Bis dahin hatte ich noch nie etwas von Louis Scheuer gehört“, stellt Albrecht fest. Man merkt ihr an, dass sie dieses Totschweigen ziemlich unbegreiflich findet.

Trier und sein Karneval standen aber mit dem Vergessen der „1.000 Jahre“ nicht allein. Erst Jahrzehnte nach dem Krieg setzten sich die Karnevalshochburgen wie Köln mit der Nazi-Vergangenheit auseinander, schließlich auch Trier.

Ein gesellschaftliches Ereignis

Der große Saal im Obergeschoss zeigt den Karneval in seiner aktuellen Ausprägung mit allem, was dazu gehört: Vom Prinzen-Ornat über Orden und schönste Kostüme bis zum Umzug. Man streift auf der einen Seite die internationale Variante des Karnevals und zeigt auf der anderen ein Bühnenbild, das den Hintergrund für den schon brasilianisch anmutenden „Sonnengott von Zalawen“ (Zurlauben) von 2017 bildet.

Vor allem wird aber deutlich, dass der Karneval, insbesondere mit seinen Bällen und Sitzungen, wieder ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges ist. Jährlich wird eine überregionale Größe aus Politik und Medien mit dem „Kaiser-Augustus-Orden“ der Trierer Karnevalsgesellschaften ausgezeichnet.

Die Ausstellung geht standesgemäß an Aschermittwoch 2020 zu Ende.