LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Beispiele für erfolgreiche Ausgründungen oder Spin-offs von Forschungsinstituten gibt es eine ganze Reihe

Ihr Roboter ist hüfthoch, weiß, niedlich und hilfreich. Denn der „QTrobot“ unterstützt autistische Kinder dabei, ihre Umwelt besser zu verstehen und zu lernen. Er wird von LuxAI produziert. Das Unternehmen hat Dr. Aida Nazarikhorram gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Dr. Pouyan Ziafati gegründet. Beide haben zuvor am „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) geforscht. Dort fanden sie heraus, dass Spiele und Geschichten sowie eine einfache Mimik sich von dem Roboter gut wiederholen lassen. Der Roboter, der auf Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch kommunizieren kann, eignet sich auch für den Einsatz im Umgang mit Down-Syndrom-Kindern oder Senioren. Er wird in Luxemburg konzipiert und vermietet oder verkauft. LuxAI hat bislang 40 Roboter verkauft, für 250 liegen Anfragen vor.

Solche Ausgründungen sind in Luxemburg keine Seltenheit mehr - und finden in vielen Forschungsbereichen statt. Mal sind es Reifeneigenschaften, mal digitalisierte Informationen aus der Medizin, mal Wasserspeicherung: So genannte Spin-offs gibt es mehr, als man denkt. Und sie stammen von ganz unterschiedlichen Forschungsinstitutionen. Wir stellen hier einige vor.

Da ist beispielsweise Daniel Schmidt. Der Forscher beschäftigt sich am LIST mit den Eigenschaften von Reifen. „Gummi ist nicht gleich Gummi“, lautet sein Credo. Schmidt untersucht Reifenwiderstand, Haftung auf trockenem und feuchtem Grund, Energieverbrauch, Bremseigenschaften und Abrieb. Im Rahmen eines Sechs-Jahres-Programmes arbeitet der Forscher sehr eng mit dem internationalen Reifenhersteller in Colmar-Berg zusammen. Dabei profitiert er von dem „Industrial Partnership Block Grant“ (IPBG), einem speziellen Stipendienprogramm für Doktoranden in der Industrie. Für Goodyear bringt das wichtige Erkenntnisse, beispielsweise für „Off the road Reifen“ (OTR), wie sie für Bagger, Betonmischer, Traktoren oder andere Nutzfahrzeuge hergestellt werden. Erst im April gab Goodyear bekannt, hier 32 Millionen Euro zu investieren. Darüber hinaus baut Goodyear in Düdelingen eine zweite Reifenfabrik, in die 77 Millionen Euro fließen, damit dort 500.000 Premium-Pkw-Reifen jährlich hergestellt werden. Ab 2020 soll es losgehen. Gut möglich, dass Schmidt dann Chef seines eigenen Unternehmens ist.

Verkehrsverhalten und Fischfang

Vielleicht würde das so ein Erfolg wie Motion-S, das erste Spin-off der Universität Luxemburg. Seine Gründer machten sich 2014 selbstständig mit dem Ziel, Verkehr grüner und effizienter zu machen. Seither schätzen sie Verkehrsrisiken ebenso ein wie das Verhalten von Fahrern, verbessern das Fahrverhalten – und heimsen eine Menge Preise ein. Das erreichen sie vor allem über die Auswertung von Daten und Apps. Längst helfen die Analyse von über 50 Telematic-Parametern beim Flottenmanagement und vielen anderen Fragen. Die drei Gründer Dr. German Castignani (CTO), Guido von Scheffer (CEO) und Dr. Raphaël Frank haben einen Erfolg geschaffen. Motion-S ist längst aus dem Luxlab-Inkubator nach Remich gezogen – und stellt weiter ein.

Mit Daten beschäftigt sich auch Ramona Pelich, die am LIST zur Verwendung von Daten über den maritimen Verkehr forscht, um so die Überwachung und Flutvorhersage zu verbessern. Dabei arbeitet sie eng mit LuxSpace zusammen. Das Unternehmen betreibt von Betzdorf aus Mikrosatelliten, die unter anderem den Schiffsverkehr überwachen. An solchen Daten sind Rohstoffhändler, der Fischhandel, Aufsichtsbehörden, Regierungen, Eurostat oder auch der Marine Stewardship Council (MSC) interessiert. Sie ermöglichen beispielsweise den Herkunftsnachweis von Fisch oder die Einschätzung von Röhölpreisen, neuerdings geht es aber auch um Wasserqualität. Das rasch wachsende Unternehmen wurde 2004 gegründet und beschäftigt mehr als 60 Mitarbeiter.

Um Wasser geht es auch bei RTC4water, das steht für „Real Time Control for Water“. Das Unternehmen wurde 2014 von drei Ingenieuren gegründet, die sich zuvor am LIST mit mathematischen Modellen und der Verteilung von Wasser und Abwasser beschäftigt hatten. Ihr Ziel: vorhandene Abwasser und Trinkwasserverteilungsinfrastruktur besser zu nutzen, indem sie Künstliche-Intelligenz-basierte Netzwerkmanagement-Software-Tools entwickeln und implementieren. Zu den Kunden gehören zahlreiche Gemeinden, von denen die einen verstärkt eigene Quellen nutzen wollen, während die anderen weniger Energie verbrauchen wollen. Wieder andere wollen Trinkwasser im Verbund mit Nachbargemeinden speichern, Geld beim Einkauf sparen oder Abwassersysteme optimieren. Das Spin-off ist so erfolgreich, dass es in neue Geschäftsräume nach Roeser gezogen ist. Dr. Georges Schutz, Dr. Alex Cornelissen und David Fiorelli haben mit ihrer Forschung eine echte Marktlücke entdeckt.

Digitalisierte Medizin und Oberflächenanalyse

Das geht auch Andreas Kremer so. Der Gründer von ITTM Solutions hat vorher am „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ (LCSB) geforscht. Sein Unternehmen ist ebenfalls ein Spin-off. Kremer hatte einen Bedarf für Daten in der Medizin gesehen. „Unser Motto lautet: Die richtige Information am richtigen Ort zur richtigen Zeit und im richtigen Kontext“, erklärt er. ITTM steht denn auch für „Information Technology for Translational Medicine“. Datenanlyse und –bereinigung, Visualisierung und Aufbereitung gehören zu den Angeboten des Unternehmens. Kremer ist stolz darauf, dass sein Unternehmen Teil des Europäischen „Smart4Health“-Programms ist.

Eine der jüngeren Ausgründungen des LIST ist „Luxembourg Ion Optical Nano-Systems sàrl“, kurz Lion, das 2017ausgegründet wurde. Es vermarktet Vector Sims 500, das Oberflächen analysieren kann, die 10.000 mal kleiner sind als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Dazu wird ein leistungsstarkes Mikroskop mit bildgebenden Verfahren kombiniert. Das patentierte Verfahren geht auf eine Zusammenarbeit zwischen dem LIST und Zeiss zurück. Die Gründer – David Dowsett und und Tom Wirtz – gewannen 2018 den Preis des „Fonds National de la Recherche“ für außergewöhnliche Forschung. Noch sitzen sie im Technoport 2 – doch natürlich haben sie das Wachstum im Blick.

Die allermeisten Ausgründungen halten übrigens engen Kontakt zu den Forschungseinrichtungen. Das ist für beide Seiten von Vorteil – und kann zu weiteren Unternehmen führen.