LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Bei „The Poetic Voice“ werden Nachwuchsautoren gecastet

Im vergangenen Jahr gewann er den „Prix Laurence“: Nicolas Calmes betritt zusammen mit Luc François die Bühne. Am vergangenen Samstag moderierten die „New Literary Voices“-Mitglieder, eine Gruppe, die literarische Texte sammelt, teilt und rezensiert, die nunmehr zweite Ausgabe von „Poetic Voice“, eine Castingshow für junge Schreibbegeisterte zwischen 16 und 26 Jahren. Diese gliedert sich in eine Reihe anderer Veranstaltungen ein, die in den vergangenen zwei Wochen im Rahmen des „LiteraTour“-Festivals in Bettemburg stattfanden.

Zwischen Humor und Spannung

Die Moderation wirkt charmant-unbeholfen, wenn Luc François etwa fragt, wer denn „schon einmal über ein WLAN-Kabel gestolpert“ sei, oder als „Notfallwitz“ proklamiert, er und sein Kollege Calmes hätten große Nasen. Dennoch schaffen sie es gerade dadurch, für eine lockere und ungezwungene Stimmung zu sorgen. Der Zuschauer weiß, dass es lustig zugehen wird an diesem Abend, gleichzeitig fällt sein Blick gespannt auf die drei Buzzer sowie den diesjährigen Buchpräis-Laureaten Roland Meyer, Autorin Laurence Klopp und „Versus You“-Frontsänger Eric Rosenfeld, die bereits höchst konzentriert dahinter Platz genommen haben.

Neun Kandidaten, neun Gewinner

Dann tritt auch schon die erste Kandidatin auf, die 19-jährige Marie Chelius. Die Jury dreht ihr den Rücken zu. Wie bei der Gesangs-Castingshow „The Voice“, an der sich das Format inspiriert, soll sie den Kandidaten nicht sehen, um sich bei der Bewertung nicht von der äußeren Erscheinung beeinflussen zu lassen. Mit ihren englischen Gedichten legt Marie die Messlatte direkt ziemlich hoch. Zwei der drei Stühle drehen sich für sie um, nachdem mehrmals energisch mit der Faust auf den Buzzer gehauen werden musste, bis dieser mit seinem Signalton reagiert hat. „Ech hoffen et buzzeren der vill“, stellt Rosenfeld am Anfang fest, „dat ass esou cool“. Und dieser Wunsch geht in Erfüllung.

Nur die 23-jährige Diane Weibel hat sich die Messlatte mit dem Vorhaben, allein ein Theaterstück mit politisch-historischem Inhalt und vielen verschiedenen Figuren vorzutragen, wohl etwas zu hoch gelegt. Aber auch für sie hält die Jury Lob und ermunternde Worte bereit. „Deng Pointe ware gutt“, findet Rosenfeld und Meyer ruft zum Applaus für ihren Mut auf.

Verlierer gibt es an dem Abend sowieso keine. Roland Meyer schwärmt: „Et ass super flott, do ze sëtzen. Déi Jonk liese vill och fir eis perséinlech an dat ass immens schéin.“

Auf die Frage hin, ob literarisches Schreiben mit Hilfe solcher Veranstaltungen wieder populärer werden würde, antwortet Laurence Klopp, es sei in ihren Augen niemals unpopulär gewesen. Es handle sich beim Schreiben dem Wesen nach eben um eine solitäre Aktivität. Demnach ist der Abend vor allem als wertvoller Anlass und Möglichkeit zu betrachten, selbst verfasste Texte zu teilen und zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis zu machen.

Von Gameboys, Mördern und Fliegen

Die Texte der insgesamt neun Kandidaten erstrecken sich über alle Textgattungen. Von Prosa über Lyrik bis hin zu dem eben erwähnten Drama ist alles dabei, und das in vier Sprachen.

Neben den schon erwähnten Kandidaten trägt die 18-jährige Elsa Hengel gleich drei komplett unterschiedliche Texte vor, spricht poetisch von ihrem Leben als „eine einzige ungetroffene Entscheidung“ und von ihrer Feindin, der Fliege, womit sie Meyer überzeugt. „Meng Astellung war: Du drécks op de Knäppchen, wann d’Méck vreckt“, lautet dessen Feedback. Es schließen der 17-jährige Lukas Kooy an, der es mit seinem Text schon ins diesjährige Finale des „Prix Laurence“ geschafft hat, die 25-jährige Sandy Heep, bei der Rosenfeld sich umgedreht hat, als er „gemerkt hat“, dass sie „sich“ mit ihrem Mörder-Protagonisten „nicht selbst zensiert“, der 19-jährige, diesjährige „Prix Laurence“-Gewinner Antoine Pohu, der mit seinem Vortragsstil beeindrucken kann, der ebenfalls 19-jährige Ognyan Darinov, die 16-jährige Lexi Nickels, die Rosenfeld ein „Krass!“ über die Lippen kommen lässt, und der 26-jährige Melvin Hatto, der von seiner Kindheit mit Gameboys und „Jicken“ erzählt.

Störenfriede und rasches Ende

Zwischen den Lesebeiträgen gab es musikalische Unterhaltung von der Band „Epicure“. Einen leicht bitteren Nachgeschmack hinterließ die Tatsache, dass manche Gäste, die sich scheinbar mehr für Musik als die literarischen Texte interessierten, die weiteren Vorträge mit lautstarken Unterhaltungen störten. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen war außerdem, dass die Regeln spontan geändert wurden und der Kandidat sich, wenn mehre Jurymitglieder für ihn gebuzzert hatten, nicht sofort entscheiden musste, mit wem er zusammenarbeiten wollte. Es gab auch keine offizielle Verkündung mehr, die verraten hätte, wer sich nun mit wem zusammentun würde. Der bis dahin sehr gelungene und unterhaltsame Abend endete abrupt mit einem sogenannten „open stage“. Hier hätte man sich eventuell etwas anderes überlegen können. Dass nicht der eine Sieger verkündet wurde, ist auf der anderen Seite eine sehr gute Entscheidung. Konstruktive Kritik nämlich ist beim Schreiben sehr erwünscht, Konkurrenzdenken hingegen fehl am Platz.