LUXEMBURG
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„Et wor emol e Kanonéier“: Ralph Lange vom Museum „Dräi Eechelen“ über die Geschichte der Kanone und ihren Einfluss auf den Alltag im Großherzogtum

Fort Thüngen ist ein außergewöhnliches historisches Gebäude, 1732 bis 1733 errichtet, beherbergt es seit 2012 das Museum „Dräi Eechelen“. Aktuell wird man bereits am Eingang des „Musée Dräi Eechelen“ von einem Geschütz, einem sogenannten „Dreipfünder“, begrüßt, das herausgeputzt vor einem der Schießschachte der Festung positioniert ist - als Einstimmung auf die Ausstellung „Et wor emol e Kanonéier - L’artillerie au Luxembourg“.

So schwer wie ein Fiat 500

„Aus der mächtigen Festung Luxemburg sind leider nur drei Kanonen erhalten. Und keine einzige hat auch nur einen Schuss auf potenzielle Feinde abgegeben“, erzählt Ralph Lange, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum. Ganz im Gegenteil, „ihren letzten Einsatz verdanken diese äußerst friedfertigen Exemplare einem freudigen Ereignis: 121 Salutschüssen zur Geburt von Großherzog Jean 1921.“ Die Aufschrift „Carlsruhe“ und „1834“ rahmen auf den Geschossen dekorativ den Zapfen am Ende der bronzenen Kanonenläufe ein, die darüber hinaus „mit einer Nummer und dem Gewicht in Pfund gekennzeichnet sind“, erklärt Lange. Zum Vergleich: Ein Rohr wiegt immerhin etwas weniger als der erste Fiat 500.

Drei dieser Kanonen existieren noch: Eine Kanone steht in den Kasernen der Luxemburger Armee auf dem Herrenberg in Diekirch, „eine weitere war bis zu den Renovierungsarbeiten in den Petrusskasematten aufgestellt. Und eben eine dritte, die hier im ‚Musée Dräi Eechelen‘ zu sehen ist“ - und sicherlich ein Schmuckstück der Ausstellung ist. Die Ausstellung, die noch bis zum 22. März 2020 zu sehen ist, lässt sich in drei Themenbereiche einteilen, so Lange, der seit Oktober 2018 im Museum arbeitet: „Zum einen ist da das Thema Artillerie und die Geschichte der Festung und auch die Geschichte Luxemburgs. Aber auch die Geschichte der Präzision kann man hier in der Ausstellung nachverfolgen“, sagt Lange.

In der Ausstellung im Museum, das durchschnittlich 30.000 Besucher anlockt, wird so die Entwicklung der Artillerie vom ausgehenden Mittelalter bis in die Moderne in Luxemburg dargestellt. Im Laufe der burgundischen, spanischen, französischen, österreichischen, holländischen und preußischen Herrschaft seien dann die Geschütze erobert und zurückerobert, getauscht, verkauft und eingeschmolzen worden.

Sechs Exemplare, die in der gleichen Kanonen-Form gegossen worden waren und von denen die Luxemburger Freiwilligenkompagnie nach dem Ende der Festung 1867 fünf übernahm, sind wohl wieder eingeschmolzen worden, verrät Lange. Da fand nämlich quasi ein großer Ausverkauf statt. Alleine über 600 Tonnen Schwarzpulver seien verkauft worden.

In der Nähe von Darmstadt, in Bensheim, wurde nun für die Kanone „nach historischen Maßstäben eine neue Lafette angefertigt.“ Dieter Ruppert, so der Schreiner, der auf „Spritzenräder, Wagenräder, Lafettenräder, Kanonenräder, Restaurierung alter Kutschen und Schlitten spezialisiert sei, habe auch schon für Königshäuser gearbeitet.

Lëtzebuerger Journal

Kanone wieder aufgerüstet

Mit genauen Maßen entstand die Lafette für die Kanone aus dem ehemaligen Fort Thüngen, die für die Ausstellung „Et wor emol e Kanonéier“ ebenfalls in Szene gesetzt wird.

„Wie und warum diese Kanonen nach Luxemburg gekommen sind, war bis vor kurzem unbekannt. Dabei erzählen sie eine abenteuerliche Geschichte, die heute in Hessen ihre Fortsetzung findet“, erklärt Lange. Im Jahr 1830 war in Belgien die Revolution ausgebrochen. Die preußische Besatzung der Festung Luxemburg wollte mit allen Mitteln verhindern, dass das Kriegstreiben sich auf das Großherzogtum ausdehnte und rüstete sich für den Ernstfall.

„Zu diesem Anlass wurden unter anderem zwischen der Artilleriedirektion der Festung, der Bundesversammlung in Frankfurt und der Geschützgießerei in Karlsruhe schließlich im Jahr 1834 neun dreipfündige Kanonen nach Luxemburg geliefert“, erklärt der Museumsmitarbeiter.

Kanonen seien die Schlüsselelemente jeder Festung gewesen, auch der in Luxemburg, erklärt Lange. Die Verstärkung der Feuerkraft wiederum „hat zu Verbesserungen in der Verteidigungskunst geführt.“ Bollwerke wuchsen aus den Stadtmauern heraus, Kasematten wurden ausgegraben, Forts befestigt, Pulvermagazine und Kugelgärten angelegt und verbessert, beschreibt Lange die Situation, was er auch in dem Ausstellungskatalog thematisiert. Wagenhäuser für Lafetten werden errichtet, Laboratorien erbaut, Gießereien eingerichtet. „Wie durch Dom Nicolas Spirlet, den letzten Abt des Benediktinerklosters St. Hubert, der 1771 den St.-Michael-Hochofen in den Ardennen errichten ließ“ - auch im Alltag drehte sich alles um die schweren Geschütze. Und das Hauptproblem war immer „der Transport der vielpfündigen Geschütze.“

AUSSTELLUNG

„Et wor emol e Kanonéier“

Zur Ausstellung ist ein Katalog herausgegeben worden, der nicht nur im Museum, sondern auch im Buchhandel zu erhalten ist. Auf über 270 Seiten wird die Ausstellung im „Musée Dräi Eechelen“, die noch bis zum 22. März 2020 zu sehen ist, präsentiert. Kulturministerin Sam Tanson hat ein Grußwort für das Werk verfasst, an dem Cécile Arnould, Änder Bruns, Bruno Colson, Simone Feis, Ralph Lange, François Reinert und Guy Thewes gearbeitet haben. Das Werk gewährt einen Blick in die Geschichte der Artillerie, man lernt - wie in der Ausstellung - Persönlichkeiten wie Joseph-Baptiste de Blochhausen kennen oder auch das thematische Wirken von Reichsgraf Lambert Joseph Marchand d’Ansembourg, der Kugeln, Bomben oder auch Granaten geliefert hat. Eindrucksvoll werden die historischen Dokumente in Szene gesetzt und die Geschichte mit Bildern aufgezeigt. 

Preis für den Katalog: 33 Euro  ISBN: 978-2-87985-617-9