DÜDELINGEN
CORDELIA CHATON

Zehn Jahre „Innovative Medicines Initiative“ (IMI)

Ein Dialyse-Patient muss während des Urlaubs zum Arzt. Der hat Zugriff auf die aktuellen Daten und die letzten Behandlungen und weiß schon, welche Medikamente der Patient nicht verträgt.

Starke Rückenschmerzen einer Patientin werden vom Arzt und einer Osteopathin behandelt. Jeder weiß genau, was der andere tut und erhält automatisch gemessene Rückmeldungen von der Patientin, die zur Anpassung der Behandlung führen.

Das sind zwei Beispiele von vielen, die zeigen, wie Medizin sich verändert. Dabei sind immer öfter ganz unterschiedliche Gruppen beteiligt: Pharma-Konzerne, Start-ups, Biotech-Unternehmen, Patientenvertretungen, Krankenhäuser oder Labore. Damit das Zusammenspiel organisiert funktioniert, Geld gespart wird und neue Lösungen entstehen, hat die EU vor zehn Jahren die „Innovative Medicines Initiative“ (IMI) ins Leben gerufen. Gestern lud die staatliche Agentur Luxinnovation mitsamt ihren Partnern zu einer ganztägigen Networking-Konferenz ins „Laboratoire national de santé“ (LNS) in Düdelingen. Die Partner sind neben dem LNS das „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ (LCSB), die „Integrated Biobank of Luxembourg“ (IBBL) und das „Luxembourg Institute of Health“(LIH).

Vor Ort ging es darum, was IMI genau ist, aber auch darum, wer mitmacht und was sich hier im Land tut. Wie werden Daten in der Medizin genutzt? Wie sieht es mit „Best Practice“ aus? Es ist ein interessantes, sehr bewegtes Feld, von dem die breite Öffentlichkeit nicht sehr viel mitbekommt. Eine gute Gelegenheit also, mal einen Blick auf die Entwicklung zu werfen. Denn selten findet ein IMI-Event hier statt, die meisten sind in Brüssel.

Von dort kam auch die IMI-Verantwortliche Magali Poinot, die einen Überblick darüber gab, was genau unter IMI zu verstehen ist, das als größtes „Public Private Partnership“ der Welt im Gesundheitsbereich gilt. „Das Netzwerk soll sich durch ganz Europa ziehen“, unterstrich sie.

„Wir brauchen neue Modelle und Public Private Partnerships. Deshalb haben wir IMI vor zehn Jahren gestartet.“ Das Ziel war eine neutrale Plattform, die eine offene Zusammenarbeit ermöglicht. Sie bezog und bezieht sich auf Themen wie Antibiotika-Resistenzen, Diabetes, Gefäßerkrankungen, psychiatrische Leiden, Krebs, Immunerkrankungen, Impfungen und viele andere Themen, die viele Patienten betreffen.

Heute machen mehr als 11.500 Forscher bei IMI mit. Und Partner wie die „Bill and Melinda Gates Foundation“, der „Welcome Trust“, „Autism Speaks“ und andere haben bis heute mehr als 150 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Ziel ist immer, Projekte im Bereich Gesundheit zu fördern, bei denen mehrere Partner zusammen arbeiten und vor allem den Datenaustausch mit zu berücksichtigen. „Die Schwierigkeit lag oft darin, eine gemeinsame Sprache zu finden“, erinnert sich Poinot. Das Budget aller IMI-Projekte für die Zeit von 2014 bis 2020 umfasst rund 1,6 Milliarden Euro seitens der EU, 1,4 Milliarden Euro seitens der Pharmaindustrie und über 200 Millionen seitens der Partner. Insgesamt kommen so 3,276 Milliarden Euro zusammen.

Mit der Industrie fängt alles an

Zu Beginn eines IMI-Projekts legt die Industrie ein Thema fest. Der europäische Pharmaverband „European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations“ (EFPIA), zu dem Unternehmen wie Nokia, Zeiss, Varian oder auch Fuji Flim gehören, macht hier mit. „Wir wollen die Integration von Wissen und Technologie, aber auch von Geschäftsmodellen, Abläufen, klinischen und sozialen Faktoren sowie von Produkten und Gesetzen. Europa soll ganz vorn mitspielen“, erklärt EFPIA-Vertreterin Dr. Magda Chlebus. In der Regel sind an einem IMI-Projekt fünf bis zehn Pharma-Unternehmen beteiligt. „Allein deren Zusammenarbeit wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen“, unterstreicht Poinot. Danach werden die anderen Partner eingebunden, also kleine und mittlere Unternehmern, Patientenvertretungen, die EU-Kommission, Forschungsinstitute, Wissenschaftler und andere. Wenn ein Thema festgelegt und von allen abgesegnet worden ist, findet eine öffentliche Ausschreibung statt. Der ganze Prozess dauert rund anderthalb bis zwei Jahre.

„Bei einem typischen IMI-Projekt machen beispielsweise acht Pharma-Konzerne, neun öffentliche Träger, fünf kleine und mittlere Unternehmen sowie eine Patientenvertretung mit“, erklärt die IMI-Verantwortliche Poinot.

Die Ausschreibungen laufen, derzeit beispielsweise gibt es eine zum Thema Fettleibigkeit, die am 22. Januar startet. Weitere sind auf der Webseite einsehbar. Die Ausschreibungen werden von Webinars begleitet, bei denen Fragen gestellt werden können und bei denen man schon die beteiligten Partner kennen lernen kann.

Veränderungen in Luxemburg

In Luxemburg gibt es seit rund fünf Jahren eine viel engere Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern (CHL, CHEM, CHdN, HRS), dem LIH, der Universität, dem LSCB, der IBBL und dem LNS. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur enger, sondern auch deutlich fokussierter, nämlich auf die Bereiche Darmkrebs und Parkinson. Unterstützt werden diese Anstrengungen von den Ministerien, und zwar vom Gesundheitsministerium, vom Forschungsministerium und vom Wirtschaftsministerium. Bislang ist gibt es keine offizielle Bezeichnung, aber intern wird häufig vom „Medical Research Team Luxembourg“ gesprochen. Der Begriff mag auch dafür stehen, dass es einen erhöhten Bedarf nicht nur an Zusammenarbeit, sondern auch an Führung gibt. Beteiligte würden es begrüßen, wenn ein Ministerium diese Koordination übernähme.

Die Ziele der Zusammenarbeit in Luxemburg liegen vor allem in Erkenntnissen für Patienten in Luxemburg. Das ist in sofern neu, weil bislang Forscher vor allem auf Veröffentlichungen erpicht waren, die ihnen wiederum weitere Aufträge und somit ein Einkommen sicherten.

Allerdings verlangt die Integration von allen erhöhte Anstrengungen. Dafür können Infrastrukturen wie die Sequenzierung, Einrichtungen für klinische Tests oder die Biobank von allen genutzt werden. An den Kliniken findet mehr Forschung und Entwicklung statt. Die neue Kooperation mag der Grund sein, warum Luxemburg außerordentlich erfolgreich darin ist, IMI-Ausschreibungen zu gewinnen. Über einige berichteten Fachleute gestern. Die Berichte dienten auch dazu, Luxemburger Leuchtturmprojekte vorzuzeigen.


www.imi.europa.eu