KÖLN
INGO ZWANK

Unterwegs am Elften im Elften in der närrischen Hochburg Köln samt designiertem Dreigestirn

Konfetti, Luftschlangen, rote Clownsnasen: Am Elften im Elften, also dem 11. November eines jeden Jahres, werden die Narren wieder auf die Straßen gelassen - vor allem in den Hochburgen am Rhein zeigt sich das bunte Treiben. In Köln beispielsweise veranstalten die „Ostermänner“, wie sich die Mitglieder der Willi Ostermann Gesellschaft Köln 1967 e. V. nennen, die traditionelle Sessionseröffnung auf dem Heumarkt inmitten der Kölner Altstadt - in diesem Jahr bereits zum 50. Mal. Traditionell hat das neue, dann noch designierte Kölner Dreigestirn, gemeinsam mit dem Kölner Stadtoberhaupt und dem Präsidenten des Festkomitees des Kölner Karnevals an dieser Stelle seinen ersten öffentlichen Auftritt. Es bestand die so Möglichkeit, das Dreigestirn an diesem Tag etwas zu begleiten.

„Diese Session stellt das Veedel in den Mittelpunkt: ‚Et Hätz schleiht em Veedel‘ ist das Motto für die Kölner Karnevalssession 2020 - also ‚Das Herz schlägt im Viertel‘ auf Hochdeutsch“, erklärt uns Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, im Vorfeld des großen Auftritts auf dem Heumarkt. Damit rücke das Festkomitee „die kölschen Stadtviertel bewusst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit - in der Karnevalszeit, aber auch darüber hinaus“, sagt Kunkelkorn. „Die Veedel sind die Keimzelle aller Karnevalsaktivitäten. Denn hier sind unzählige Karnevalsgesellschaften aktiv, hier haben aber auch der Schulkarneval und die Pfarrsitzungen ihr Zuhause. Quer durchs Veedel geht der handgemachte Zoch, der Karnevalsumzug, der die Menschen schon Monate vorher zusammenbringt, um Kostüme zu schneidern und Wagen zu bauen. Und nicht zuletzt steht hier die ‚Kneipe op d’r Eck‘, in der man am Abend ‚En uns’rem Veedel‘ anstimmt und mit Nachbarn feiert. Das Sessionsmotto sei damit nicht nur eine Hommage an die 86 kölschen Veedel, „wobei es mittlerweile sicherlich an die 100 sind, es soll den vielen karnevalistischen Aktivitäten in den Stadtvierteln auch Rückenwind geben - vor allem den rund 50 Zügen, die zwischen Weiberfastnacht und Veilchendienstag in Köln stattfinden“ - hier sei nun einmal der Karneval entstanden. Das designierte Kölner Dreigestirn der Session 2020 kommt übrigens aus dem Reiter-Korps „Jan von Werth“ von 1925 e.V. Als Prinz Christian II., Bauer Frank und Jungfrau Griet wollen Christian Krath, Frank Breuer und Ralf Schumacher durch die Kölner Säle und durch die Straßen ziehen und das Sessionsmotto mit Leben füllen. „Wir sind sicher, dass das jecke Trio das wunderbar machen wird“, erklärt Kuckelkorn. „Denn einerseits stammen sie aus einem großen und traditionsreichen Korps, andererseits kennen aber alle drei auch den Veedelskarneval und die kleinen Veranstaltungen in Pfarrgemeinden, Seniorenheimen und Schulen in allen Facetten aus eigener Erfahrung.“

„Nach 35 Jahren stellt Jan von Werth erstmals wieder das Dreigestirn. Davon ein Teil zu sein - das fühlt sich sehr besonders an“, erklärt der designierte Prinz Christian Krath. „Wir drei freuen uns daher wie jeck auf die kommende Session und auf die vielen unterschiedlichen Menschen, die mit uns feiern werden - egal wie alt sie sind oder wo sie geboren wurden. Das werden sicher unglaubliche Erfahrungen, die wir nie vergessen werden.“

Es darf auch geklüngelt werden

Dass es aber nichts Ernsteres als den Karneval gibt, zeigt sich an der straffen Protollführung, steht doch zuerst der Antrittsbesuch im Rathaus an. Als „Hochamt der Toleranz“ beschrieb Oberbürgermeisterin Henriette Reker den Karneval am Rhein, und „jeder der damit ein Problem hat, gegenüber Andersdenkenden, Andersliebenden und -lebenden, dem müssen wir als Gemeinschaft die Stirn bieten. Jeder, der nach Köln kommt und meine, er könnte bei seinen Konzerten intolerante Ideen und Parolen verkaufen, muss mit dem Widerstand der Kölner rechnen. Wer versucht, unsere Toleranz zu missbrauchen, der ist kein Vertreter von Meinungsfreiheit, sondern von Dummheit“, so das Stadtoberhaupt in Richtung des Rappers Kollegah (ohne ihn beim Namen zu nennen), der gestern einen Auftritt in Köln hatte und dem immer wieder frauenverachtende, homophobe und antisemitische Sprüche und Liedtexte vorgeworfen werden. Also auch politische Botschaften dürfen durchaus mal an die Narren gebracht werden, womit feststeht: Zum einen gibt es nichts Ernsteres als den Karneval, oder den Fastelovend. Schaut man sich alleine das Protokoll an, das Ex-Prinz Marcus Gottschalk vom Festkomitee ohne Zweifel fest im Griff hat, das offizielle Brimborium im Rathaus samt Signatur mit goldenem, mit weiß Gott was an Brillanten besetztem Füllfederhalter und Gelöbnis vor der Oberbürgermeisterin, kommt schnell der Eindruck einer „verschworenen alteingesessenen Gesellschaft“ in Narrenschiff, Anzug und Orden auf. Nicht ohne Grund schwebt im altehrwürdigen Gürzenich der Geist des Kölschen Klüngels über einem - der ist bekanntlich berühmt-berüchtigt. Denn wenn man Klüngel sagt, dann meint man Köln - heißt das doch „Beziehungen knüpfen“, „vernetzt sein“. In jeder Rede, ob von Oberbürgermeisterin, Festkomitee oder Dreigestirn, taucht da auch vermehrt der Dank an die Wirtschaft auf… Ein Schelm, … aber so ein Prinzen-Dasein kostet ja auch gut sechsstellig.

Zum anderen, mit Blick auf das eine, driften selten Theorie und Praxis bezüglich des Mottos „Et Hätz schleiht em Veedel“ soweit auseinander. In einer echten Veedels-Kneipe in der Altstadt/Süd erzählt uns Karin „mit K“, waschechte Kölnerin mit rüstigen „über 70“ aus dem Viertel Maria im Kapitol („Darum sind wir auch alle heilig!“, sagt sie mit einem Schmunzeln), dass „die vom Festkomitee doch gar nicht mehr wissen, wie richtig Fastelovend gefeiert wird.“ Sie reden zwar davon, „und das stimmt auch so“, nur selbst könnten sie es nicht mehr. Bei Kölsch einfach schunkeln, seinen Nachbarn, „egal, wer es ist oder wo er herkommt“ in den Arm zu nehmen, „dat is et Veedel, dat is Fastelovend im Veedel - un nix so jet stiefes“, sagt die rüstige Dame im närrisch-jecken Outfit. Das Fastelovend eben nicht mehr das ist, was es mal war, beschreibt Karin mit den „Suff-Orgien“ die nur noch stattfinden würden. „Aber das darf man ja gar nicht laut sagen“, stellt Karin fest. Kleine diesbezügliche Bilanz noch am Rande: Das Ordnungsamt sowie die Feuerwehr der Stadt Köln sprachen auf Nachfrage hin von einer „verhältnismäßig ruhigen Lage“. Es sei deutlich weniger los gewesen als in den beiden Jahren zuvor, als der 11. November auf Samstag und Sonntag fiel. Bis 16.00 gab es 184 Einsätze, 2018 waren es 275.