COLETTE MART

Die Frage, wie viele Flüchtlinge Europa verkraften und integrieren kann, bewegt derzeit die internationale Presse und die Politik. Das Bild des toten Kindes Aylan ging um die Welt, obwohl davon auszugehen ist, dass mittlerweile bereits tausende Kinder im Mittelmeer ertranken, die lange niemand sehen wollte. Vier Millionen Syrer sind auf der Flucht, hundert Tausende syrischer Kinder leben in gefährlichen und prekären Bedingungen; aber dieses eine Bild bewegte die Welt zu einem Zeitpunkt, an dem Solidarität gebraucht wird, damit die europäischen Regierungen auch Akzeptanz für die Aufnahme von Flüchtlingen erhalten.

Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich bemüht, die potenziellen Flüchtlinge der Gegenwart und der nahen Zukunft zusammenzuzählen; es könnten durchaus ein paar Millionen sein, die gemeinsamen mit den 508 Millionen Europäern in Europa leben könnten, dies umso mehr, da auch auf dem Arbeitsmarkt vielfach Platz ist für Zuwanderer, auch hier in Luxemburg.

Trotzdem stellen sich sowohl die Bürger, als auch Medien immer mehr Fragen darüber, wieso es so weit kommen konnte, wieso die internationale Staatengemeinschaft nicht früher in die Krisengebiete des Nahen Ostens eingegriffen hat, und wieso denn so ein großer Flächenbrand entstand, der den verheerenden Namen IS, Islamischer Staat trägt.

Deshalb sollte in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass die Entstehung des IS auch mit dem Irak-Krieg der Amerikaner zu tun hat. Den Europäern fällt es allgemein emotional schwer, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen, dies aufgrund der unendlichen Dankbarkeit, die Westeuropa bis heute für die ehemaligen Befreier Europas empfindet.

Und doch erinnerte Gregor Gysi kürzlich in einer beachtlichen Rede vor dem Bundestag daran, dass der Krieg, den Amerika 2003 gegen den Irak anzettelte und der dazu beitrug, die ganze Region zu destabilisieren, auf einer Lüge und Manipulation der Weltbevölkerung gründete, und dass westeuropäische Länder noch immer viel an Waffenlieferungen an den Nahen Osten verdienen.

Wie festgestellt werden konnte, sind Kriege in Afghanistan, in Irak und in Syrien kaum zu gewinnen, weil weder Amerika noch Europa die komplexen historischen Entwicklungen, die lokalen Allianzen oder auch religiöse Zusammenhänge von der Distanz her und von einem anderen kulturellen Kontext her auch richtig einschätzen können. Sowohl Amerika als auch Europa haben durchaus ihren Beitrag zur Destabilisierung des Nahen Ostens geleistet. Auch wenn Obama verschiedentlich Zaudern in der Weltpolitik vorgeworfen wurde, so ist ihm doch hoch anzurechnen, dass er nicht mit Lügen und Manipulation komplexe Zusammenhänge ignoriert.

Europa versucht jetzt, die Flüchtlingskrise zu meistern in einem internationalen politischen Rahmen, in dem die UNO-Instanzen versagt haben, weil auch hier vielfach nationale Interessen gemeinsame Entscheidungen, die von Bedeutung wären für den Weltfrieden, boykottieren. Darüber hinaus wird das kulturelle Wissen um regionalpolitische Lösungen einfach unterschätzt, und ungenügend in den politischen Dialog eingebunden.