HAMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Liebe stirbt nie“ - Das Phantom der Oper lebt in Hamburg weiter

Nachdem „The Phantom of the Opera“ sich ab 1986 zu einem Welterfolg mauserte, kam dem Komponisten Andrew Lloyd Webber die Idee, eine Fortsetzung zu schreiben. Er sprach mit dem Schriftsteller Frederick Forsyth über das Thema, der schließlich 1999 den Roman „The Phantom of Manhattan“ veröffentlichte. Erst 2006 nahm Baron Lloyd-Webber das Projekt, basierend auf diesem Buch, in Angriff, zusammen mit Ben Elton, mit dem er 2000 „The Beautiful Game“ verfasste. Das Resultat, „Love Never Dies“, das 2010 seine Premiere in London feierte. Das Musical lief anschließend in Melbourne und Sydney, Kopenhagen und Wien. Die deutsche Firma Stage Entertainment produzierte eine überarbeitete Fassung von „Liebe stirbt nie“, welche Simon Phillips inszeniert, und die am 15. Oktober im Stage-Operettenhaus in Hamburg Premiere feierte.

Des Phantoms Freakshow

Vor zehn Jahren verließ das Phantom (Gardar Thor Cortes) Paris und betreibt nun unter dem Namen Mister Y („Why“ ausgesprochen) auf der New Yorker Vergnügungsinsel Coney Island eine Freakshow und ein Varietétheater namens „Phantasma“. Madame Giry (Masha Karell) und ihre Tochter Meg (Ina Trabesinger) haben ihn begleitet.Die drei kuriosen Gestalten Fleck (Lauren Barrand), Squelch (Paul Tabone) und Gangle (Jack-Allen Anderson) treten als Attraktionen auf und sind seine Handlanger. Das Phantom denkt immer noch an Christine Daaé (Rachel Anne Moore), die eine bekannte Sängerin geworden ist. Mit einem Trick lockt er sie, ihren Mann Raoul de Chagny (Yngve Gasoy-Romdal) und ihren zehnjährigen Sohn Gustave (Kim Benedikt) nach New York. Er verlangt von ihr, ein Lied in seinem Theater zu singen, ansonsten würde ihr ganzes Glück zerstört werden. Christine beichtet ihm, dass Gustave sein Sohn ist.

Unwahrscheinlich

Das größte Problem des Musicals ist die zehn Jahre anhaltende Liebe zwischen dem entstellten Phantom und der bildhübschen Christine. Dass er sie nicht vergessen hat und komplett süchtig nach ihr ist, kann man verstehe. Dass sie ihn noch liebt oder überhaupt liebte und damals ein Kind mit ihm zeugte, ist nicht unbedingt nachzuvollziehen. In dem kitschig überzogenen Schluss wird versucht, die Liebe ein letztes Mal glaubhaft erscheinen zu lassen, indem - vergeblich - auf die Tränendrüsen gedrückt wird. Warum Madame Giry das Phantom begleitete, wird auch nicht geklärt, genauso wenig wie die Hoffnungen von Meg dem Phantom gegenüber. Die Show wird von ein paar flotten Songs untermalt, wie „So sehr fehlt mir dein Gesang“ oder „Einst in einer andern Zeit“, doch berühren tut die Geschichte nicht, die durch eine ausgereifte Bühnentechnik von Set- und Kostümdesignerin Gabriela Tylesova lediglich zu einem visuellen Erlebnis wird.

Zu viel Oper

Warum Stage unbedingt auf unbekannte Namen im Musicalbereich setzt, ist nach der Premiere ein Rätsel, hat man in Deutschland doch potenziell bessere Musical-Sänger und Sängerinnen. Der isländische Tenor Gardar Thor Cortes ist sicher ein begabter Opernsänger, doch als Musicalsänger suchte er in leisen Tonlagen zu oft nach den Worten: So wurde zum Beispiel aus „nichts“ „nirts“, oder er verschluckte die Wörter ganz einfach. Nur mit der vollen Entfaltung seiner Stimme konnte er einigermaßen gefallen.

Die amerikanische Sopranistin Rachel Anne Moore hatte weniger Sprachprobleme und ihre Stimme klang ansprechend, doch arteten fast alle ihre Songs in die hohen und langgezogenen Tonlagen des Opernfachs aus. Yngve Gasoy-Romdal war dagegen einfach perfekt in der Rolle des dem Alkohol verfallenen Raoul, der mit dem Phantom um Christine wettet. Wunderbar meisterte ebenfalls der junge Kim Benedikt seine Aufgabe.

„Liebe stirbt nie“ fehlt in Hamburg wie in London eine packende und vor allem glaubhafte Geschichte. Hinzu kommt, dass die Hauptfigur sprachliche Probleme hat - ja, er kann sich noch verbessern.

Das Musical ist nicht der große Wurf!


Weitere Informationen und Tickets unter www.stage-entertainment.de