LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Im Interview mit dem Soziologen Dr. Thomas Lenz über Familien- und Schulsprachen, die Alphabetisierung und Bildungschancen

Mit der demografischen Zusammensetzung verändert sich auch das Bild der Muttersprachen in Luxemburg, was wiederum einen Einfluss auf die Bildungslaufbahn von Schülern hat. „Vor zehn Jahren lag der Anteil der Kinder im Fondamental, die zuhause primär Luxemburgisch gesprochen haben, noch bei über 50 Prozent. Der Trend zeigt ganz klar in eine Richtung“, sagt Dr. Thomas Lenz vom „Luxembourg Centre for Educational Testing“ (LUCET), ein Forschungszen-trum der Universität Luxemburg.

So sprachen im Schuljahr 2016/17 noch 36 Prozent aller Schüler zuhause in erster Linie Luxemburgisch. Für 27 Prozent war Portugiesisch die primäre Umgangssprache. Die verbleibenden 36 Prozent setzten sich aus einer Vielzahl an anderen Sprachen zusammen. Allerdings müsse man dem Soziologen zufolge die Statistiken differenzierter betrachten. „In vielen Familien verhält es sich so, dass über 30 Prozent zuhause mehr als eins Sprache sprechen. Da gibt es neben einer Hauptsprache eine oder zwei sekundäre Sprachen“, sagt der Koordinator des zweiten, Ende 2018 erschienenen nationalen Bildungsberichts.

Zweifel an der „Sprungbrett“-Funktion

Doch was bedeutet diese Entwicklung für den Stellenwert des Luxemburgischen, dem eine Integrationsfunktion beigemessen wird und die weitere schulische Entwicklung von Kindern? „Die Idee hinter der Integrationssprache lautet, dass sich alle Kinder auf Luxemburgisch verständigen können. Es soll eine Sprache sein, die alle irgendwie beherrschen. Das scheint zunächst einmal relativ gut zu funktionieren, wenn man sich den Zyklus 1 in der Grundschule ansieht“. Lenz bezieht sich auf Datenerhebungen über das Luxemburgisch-Hörverstehen, denen zufolge fast 40 Prozent das „Niveau Socle“ erreichten, die große Mehrheit - zwischen 55 und 61 Prozent - aber das „Niveau Avancé“.

Befunde im Bildungsbericht zeigten allerdings auch klar, dass die sprachliche Ausgangslage mit ein Faktor für den weiteren schulischen Parcours darstellt. „Im Bildungsbericht haben wir uns angeschaut, wie sich die Fähigkeiten, Luxemburgisch zu verstehen, auf die Leistung im Hörverstehen Deutsch zwei Jahre später auswirken.“ Das Ergebnis: Kinder mit einem luxemburgischen oder deutschen Hintergrund weisen ein gutes Hörverständnis im Deutschen auf. „Bei Kindern mit portugiesischem Familienhintergrund funktioniert das hingegen häufig nicht so gut, da gehen die Leistungen relativ stark nach unten“ - obwohl ihr Hörverstehen des Luxemburgischen zwei Jahre zuvor vergleichbar mit dem gebürtiger Luxemburger war. „Diese Idee des Luxemburgischen als Sprungbrett, um Deutsch zu erlernen, das scheint zumindest für Kinder mit portugiesischem oder französischem Sprachhintergrund häufig schlecht zu funktionieren“, erklärt Lenz. Mit der Konsequenz, dass man sich mit der Frage auseinandersetzen müsste, ob nicht eher die deutsche Sprache stärker gefördert werden müsse.

Welcher Platz für die Familiensprache im Bildungssystem?

Mit dem Programm der mehrsprachigen Frühförderung in der Kleinkindbetreuung, das im Herbst 2017 angelaufen ist, soll auch die Muttersprache ihren Platz in der spielerischen Sprachenförderung finden. Doch wie ist es um den Platz von Muttersprachen allgemein im Bildungssystem bestellt, wenn das andere als die Schulsprachen sind. „Es gab Projekte, die haben gezeigt, dass wenn man eine Familiensprache fördert, das einen positiven Effekt auf den Fremdsprachenerwerb haben kann“, erklärt Lenz. Persönlich warnt der Koordinator des Bildungsberichts allerdings davor, „das Curriculum noch mehr mit sprachlicher Förderung zu überlasten“. Das Sprachenprogramm in Luxemburg sei ohnehin schon sehr fordernd. Für sinnvoll hält es der Koordinator des nationalen Bildungsberichts hingegen, „übersprachliche Prozesse stärker hervorzustreichen“.

Der Bildungsbericht zeigt auch, dass sich die Ausgangssituation und sich daraus ergebende Schwierigkeiten im Erlernen von Fremdsprachen ebenfalls auf die weitere schulische Laufbahn auswirken. Der sprachliche Hintergrund hänge häufig mit dem sozioökonomischen Status der Familie zusammen. Beide Faktoren hätten einen starken Einfluss auf die schulischen Leistungen und die Orientierung am Ende des Fondamental. Für alle Schüler gilt auch, dass die sprachlichen Kompetenzen ebenfalls einen Einfluss auf die Leistungen in Fächern wie Mathematik oder Naturwissenschaften haben. So weist etwa Christine Schiltz in einem Beitrag nach, „dass das sprachliche Profil und der sprachliche Kontext numerische und mathematische Prozesse beeinflussen“. So zeigte sich etwa, dass die Sprache einen Einfluss darauf hat, wie mathematische Aufgaben im Gehirn gelöst werden.

Ansprüche an Deutsch und Französisch „immer noch sehr hoch“

Insgesamt ist Lenz der Meinung, dass es in den vergangenen Jahren viele Entwicklungen im Schulsystem gab. „Das System bleibt aber immer noch vergleichsweise stark auf einen Schüler ausgerichtet, den es in dieser Form immer weniger gibt“, meint Lenz. Er denkt an den Typus des Schülers aus einer luxemburgischsprachigen Familie, der einen frühen familiären Kontakt zum Französischen hat. Außerdem seien die Anforderungen an die Schulsprachen Deutsch und Französisch immer noch sehr hoch, „quasi auf Muttersprachler-Niveau“. Für Kinder, die eher naturwissenschaftlich begabt seien, sei das eine Hürde. Als einen Schritt in die richtige Richtung sieht Lenz daher die Differenzierung der Sprachprofile, die im vergangenen Schuljahr eingeführt wurde (Basiskurs/Leistungskurs).

bildungsbericht.lu