LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Warum wir uns auf eigene Maßstäbe konzentrieren sollten

„Es wird sehr viel über Dich hergezogen“, erklärte mir meine damalige beste Freundin. Ich versuchte, mich von ihren Worten nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen, und betrat den Klassenraum. Eine Gruppe Jungs saß um einen Tisch und lachte. Ich beachtete sie nicht, weil ich es nicht für wichtig hielt, zu wissen, worüber sie sprachen. Doch da tippte mich die Freundin auf die Schulter. „Siehst Du?“, meinte sie, „jetzt sind alle verstummt. Weil Du hereingekommen bist“. Ich warf noch einmal einen Blick auf die Jungs und musste feststellen, dass sie Recht hatte und sich alle zu uns umgedreht hatten.

Paranoia und Misstrauen

So dankbar ich meiner Freundin auch war, dass sie mich darauf aufmerksam machte und mir über alles berichtete, was sie heimlich mitgehört hatte, hätte ich die Wahl gehabt, ich hätte es nicht wissen wollen. Sie bewirkte mit ihren Worten, dass ich stärkere Antennen entwickelte, dass ich meine Aufmerksamkeit viel zu sehr auf das Verhalten der anderen richtete. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass ich paranoid wurde. Denn womit ich nicht umgehen konnte, waren nicht die Sticheleien, die es zweifellos gab. Was an mir nagte, war mein immer größer werdendes Misstrauen.

Es sind nicht die eigentlichen Taten und nicht die Worte der anderen, die wehtun. Es sind die nicht explizit gemachten Gedanken, die hinter diesen Taten stecken könnten. Es ist die feindselige Grundhaltung, die wir dahinter vermuten. Mich beschäftigte nicht, was jemand zu oder über mich sagte, sondern wie er wohl innerlich über mich dachte und zu mir stand. Wie ich mich selbst sah, diese Frage vergaß ich mir zu stellen.

Veränderung für immer?

Ich war in Sorge, meine gesamte Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie meine Sicht auf menschliche Beziehungen könnten sich, vielleicht unwiderruflich, verändern. Noch viel mehr Angst als darum, was meine Erlebnisse mit meiner Gefühlswelt anstellen könnten, hatte ich um mein globales Lebensgefühl und Menschenbild.

Bis heute fällt es mir schwer, mich zu dem Thema zu äußern. Weil Mobbing ein Stigma ist. Weil da diese Befürchtung ist, dass für immer etwas an mir haftet, das Spott und Feindseligkeiten wie ein Magnet auf sich zieht, und das ich niemals abschütteln kann. Der eigenen Vorstellung nach könnte das „Outing“ alte Geister aufwecken und den Spuk von neuem beginnen lassen.

Denn auf die Frage, „Warum ich?“, erhält man niemals eine Antwort. Und wie sollte man im Glauben sein, nun etwas hinter sich gelassen und davor bewahrt zu sein, wenn man nicht weiß, was der Auslöser war und ob er nicht noch da ist?

Zweifel können weichen

Mir blieb nur übrig, selbst nach Antworten zu suchen. Ich glaube nun nicht, dass alles, das uns nicht umbringt, per se stärker macht. Wer einmal begonnen hat, zu misstrauen, für den bleibt Vertrauen für immer ein Kampf. Und das ist eine Schwäche, die sich nicht wie ein Wunder in eine Stärke umkehrt.

Aber ich habe gewagt, das zu tun, vor dem wir immer gewarnt und abgehalten werden: Ich habe mich selbst in Frage gestellt. Und das hat mich wirklich bestärkt. Denn wo man eigene Zweifel säht, kann man letztlich Bestätigung ernten. Nicht jedes Übel, nicht jeder Schicksalsschlag gibt diese Möglichkeit vor, nur das eigene Gericht, dem man sich unterzieht. Das Schicksal nimmt uns keine Zweifel und gibt uns keine Bestätigung. Das können nur wir selbst.  

Unglücklicherweise wird uns heute vermittelt, dass das etwas Schlechtes sei, sich in Frage zu stellen, dass wir den Fehler niemals bei uns suchen sollen. Doch ich behaupte das Gegenteil: Auf uns müssen wir uns konzentrieren. Auf die eigene Erwartungshaltung, nicht die der anderen. Denn wie sollen wir verstehen, was uns widerfährt und wie andere uns sehen, wenn wir nicht zumindest versuchen, aus uns selbst herauszutreten und uns aus der Distanz zu beobachten? Das Unterbinden von Zweifeln wird uns, zusammen mit einem Kopftätscheln, viel zu selbstverständlich ans Herz gelegt.

Eigenverantwortung

Es geht aber nicht nur darum, Fehler zu erkennen und zu beheben, damit andere uns mit anderen Augen sehen. Es geht darum, wie wir uns sehen, ob wir sind, wer wir sein wollen. Egozentrismus ist viel zu negativ konnotiert. Er entspricht unserer Wahrnehmungsrealität. Für uns zählt nun einmal an erster Stelle, ob wir mit uns selbst klarkommen. Und das kann nur, wer sich dem eigenen Gericht unterzieht und an sich arbeitet. Mit Narzissmus hat das nichts zu tun. Wir müssen uns mindestens und dürfen uns höchstens so weit lieben, dass wir es aushalten, uns der eigenen Kritik auszusetzen.

Der positive Effekt ist, dass wir uns so auch von der Meinung anderer abkapseln, weil wir uns den eigenen Ansprüchen sicherer werden. Das wird nicht länger der Scheinmagie der allgemeinen Stromrichtung, der Uniformität, der Zugehörigkeit verfallen.

Natürlich ist es von Belang, wie wir auf andere wirken. Aber ich glaube, im Endeffekt haben wir gar keine Angst, bei anderen nicht gut anzukommen. Wenn wir glauben, dass sie uns nicht mögen, verunsichert das, weil wir uns so mit Schwächen von uns konfrontiert sehen, die wir selbst nicht akzeptieren wollen. Selbstbewusstsein und Unsicherheiten hängen gar nicht an anderen. Sie hängen an uns und unseren Maßstäben. Mal heißt es, an dem einen, mal an dem anderen zu schrauben.