LUXEMBURG
MARCO MENG

Studie von ING Luxembourg: Hälfte der Jobs könnten Roboter übernehmen

Der technische Fortschritt ändert den Arbeitsmarkt, spätestens seit dem Einsatz der ersten Roboter in der Industrie ist das Allgemeinwissen. Wie sehr aber die Automatisierung die Arbeitswelt verändern kann und womöglich in den nächsten Jahrzehnten auch wird, veranschaulicht eine Untersuchung, die ING Luxembourg in Zusammenarbeit mit der Statistikbehörde Statec machte.

In dieser „noch nie dagewesenen Studie über ‚robotisierbare‘ Berufe im Großherzogtum“, so ING Luxembourg, wurden auf Basis der Wahrscheinlichkeit einer Robotisierung bestimmter Tätigkeitsbereichen erstellt, anlehnend an einen Messwert, der von dem Ökonom Carl Frey und dem Ingenieur Michael Osborne für die Vereinigten Staaten entwickelt wurde. „Obgleich die Automatisierung durch Robotik für gewisse Arbeitsfelder eine Bedrohung darstellt, so bietet sie ebenfalls neue Möglichkeiten für Wirtschaft und Arbeitsmarkt“, erklärt ING Luxembourg.

Auch wenn die Zahlen dem Betrachter - vor allem, wenn er Arbeitnehmer ist - vielleicht zuerst ein mulmiges Gefühl bereitet, so wird bei näherer Betrachtung auch klar, dass nicht jeder Beruf, der theoretisch von einer Maschine erledigt werden könnte - ob Verkäufer, Friseur, Koch oder auch Mannequin -, die Umsetzung in die Praxisgelingen würde. Nicht alle Kunden würden das annehmen. Je anspruchsvoller eine Tätigkeit ist oder je kreativer, umso weniger „robotisabel“ ist eine Arbeit. Dennoch: Das Potenzial ist groß. 99.807 Arbeitsplätze in Luxemburg - das sind 52 Prozent aller Jobs - könnten von Robotern ersetzt werden, erklärt Philippe Ledent, Senior Ökonom, die ING-Studie. „Allerdings darf man nicht vergessen, dass der technische Fortschritt auch stets neue Wirtschaftssektoren mit neuen Arbeitsplätzen und Berufen schafft.“

Luc Verbeken, Geschäftsführer der ING Luxemburg zitiert in diesem Zusammenhang den österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Peter Schumpeter, der auf die „schöpferische Zerstörungskraft“ des Kapitalismus hingewiesen hatte. Der Revolution in der Industrie folge momentan die in den Dienstleistungen, denke man nur an Big Data oder die Möglichkeiten der mobilen Digitalisierung.

Automatisierung schafft auch Chancen

Halte man sich vor Augen, erklärt Ledent, dass die Industrieländer derzeit durch eine älter werdende Gesellschaft, einen Mangel an Facharbeitern und immer weniger jungen Arbeitnehmern gekennzeichnet seien, erkenne man die Herausforderungen, die in Zukunft noch akuter würden. Die Lösung liege darin, den technischen Fortschritt zu anzunehmen und zu adaptieren. „Neue Wirtschaftssektoren werden neue innovative Unternehmen schaffen“, sagt er und weist darauf hin, dass der technische Fortschritt stets auch eine Transformation bei den Berufen bedeutete.

Jeder dritte Job in Luxemburg

Die Frage, die die Untersuchung zu beantworten versucht ist die, bis zu welchem Grad die verschiedenen Berufe „vollautomatisiert“ werden können. Frey und Osborne hatten in ihrer Studie in den USA dargelegt, dass dort 47 Prozent der Arbeiten eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, automatisiert zu werden. In Luxemburg könnte ebenfalls jede zweite berufliche Tätigkeit verschwinden - zumindest in der Form, wie sie heute ausgeübt wird. Mit 93 Prozent ist in Luxemburg bei den Verwaltungstätigkeiten die Möglichkeit einer Automatisierung am höchsten. Aber auch 13 Prozent der Managertätigkeiten sind durch Roboter ersetzbar, im Handwerk wären es laut Studie 69 Prozent. Insgesamt haben im Land 37 Prozent der Tätigkeiten eine hohe Wahrscheinlichkeit mehr als 70 Prozent einer Automatisierung, bei jeder dritten liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen 30 und 70 Prozent, während bei einem weiteren Drittel der Berufe die Wahrscheinlichkeit nur gering ist. Da Büro-Verwaltungsaufgaben häufig von Grenzgängern ausgeübt werden, ist bei ihnen die Chance der Automatisierung mit 56 Prozent ein wenig höher als bei Einheimischen. Angst vor den Möglichkeiten, wie sie die Untersuchung veranschaulichen, mögen als erster Reflex zwar verständlich sein, doch tatsächlich ist die Automatisierung kein neues Phänomen, sondern immer schon praktiziert worden, seit Menschen wirtschaften. Einher mit der Automatisierung ging auch eine enorme Steigerung der Produktivität. Die Studie solle nun ermöglichen, die Möglichkeiten besser zu verstehen und die Chancen daraus zu nutzen. Und die Automatisierung bringe mehr Nutzen als sie eine Bedrohung sei. Schließlich habe sich der technische Fortschritt stets als wesentlicher Wachstumsmotor erwiesen.