LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Das „Zentrum fir d’Lëtzebuergescht“ soll mit dem Erstellen eines neuen Wörterbuchs beauftragt werden. Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung heißt es: „Sur la base d’initiatives existantes, les mots et expressions luxembourgeois tombés en désuétude seront recensés et documentés dans un dictionnaire.“ Ganz so einfach sei das aber nicht, denn zuerst braucht das neue Wörterbuch eine eigene Identität und damit einen Mehrwert gegenüber existierender Literatur, wie die Studentin im Master Germanistik, Christine Mandy, erklärt.

„Der Kommissar für das Luxemburgische, Marc Barthelemy, erklärt, dass das neue Wörterbuch der Forschung dienen und die dokumentarische Erfassung veralteter Wörter ermöglichen soll, dass es aber auch als Nachschlagewerk gedacht ist, das das Verständnis älterer Texte erleichtert. Jean-François Gangler hat nun allerdings schon 1847 das ‚Lexicon der Luxemburger Umgangssprache‘ zusammengestellt. Es ist online für jeden zugänglich und umfasst viele Wörter, die zur Entstehungszeit des Lexikons gebräuchlich waren, heute aber nicht mehr. Wenn es also noch ein weiteres Wörterbuch geben wird, so sollte es demgegenüber einen Mehrwert mit sich bringen.

Stutzig macht, dass der oben zitierte Abschnitt sich im Koalitionsvertrag in das Kapitel ‚Education, Enfance et Jeunesse‘ und den Unterpunkt ‚Promouvoir la langue luxembourgeoise‘ eingliedert. Das lässt ein wenig an dem neutralen Forschungsinteresse zweifeln. Ob womöglich die Absicht dahintersteckt, die aufgeführten Wörter in den Sprachgebrauch zu reintegrieren? Barthelemy glaubt zwar nicht daran, bedauert aber, dass ‚ausländische‘ Wörter auch dann benutzt werden, wenn sich mit luxemburgischen das Gleiche ausdrücken ließe.

Sollte das Wörterbuch nun einen sprachpuristischen Zweck verfolgen, wäre das aus linguistischer Sicht wenig sinnvoll. Sprachwissenschaftlerin Hilke Elsen vermutet nämlich, dass indigenes Wortgut nur ein Viertel des Gesamtwortschatzes des Deutschen ausmacht. Für das Luxemburgische, ein moselfränkischer Dialekt mit französischem Einfluss, ist der Anteil an eigenem Wortschatz, der seinen Ursprung nicht in anderen Sprachen hat, umso geringer. Dennoch wirken die meisten Lehnwörter nicht fremd, weil sie assimiliert, also orthographisch und phonetisch angepasst wurden. Die Unterscheidung zwischen ‚fremden‘ und eigenen Wörtern ist demnach problematisch. Von Alter und Frequenz der Wörter kann nicht auf deren ‚Fremdheitsgrad‘ geschlossen werden. Ein Wörterbuch mit rein luxemburgischem Wortgut würde sehr dünn ausfallen und fälschlicherweise die Botschaft vermitteln, dem Wandel einer Sprache sei mit Melancholie entgegenzublicken.

Das Veralten von Wörtern ist außerdem oft auf außersprachliche Faktoren, nicht jedoch ‚Sprachschluderei‘ zurückzuführen. So sind luxemburgische Berufsbezeichnungen wie der ‚Lompekréimer‘ oder der ‚Dëppegéisser‘ heute nicht mehr gebräuchlich, weil die zugehörigen Tätigkeiten nicht mehr existieren.

Womöglich sollte man das Konzept noch einmal überdenken und statt eines Wörterbuchs ein umfassenderes Werk anstreben, in dem zusätzlich soziohistorische sowie kultur- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte beleuchtet werden und auch andere sprachliche Elemente wie Verbformen, Wortbildungsaffixe und Deklinationsformen mit einbezogen werden, die ebenfalls dem Sprachwandel unterworfen sind.“