NIC. DICKEN

Als man den europäischen Bürgern im Jahre 2005 weismachen wollte, die EU, also das Konglomerat aus Staaten vom Atlantik bis zur russisch-ukrainischen Grenze, sei eine „Wertegemeinschaft“, haben viele idealistisch und gut gesinnte Menschen dies zum Anlass und Vorwand genommen, einer europäischen Verfassung, also einem Grundgesetz für die Gemeinschaft von immerhin 28 Staaten, ihre Zustimmung zu geben. Europa, der leuchtende Stern in einer Welt, die von nationalen Egoismen zerfressen wird, Europa, das den Weg zeigt zu einer besseren, einer menschlicheren, einer verständnisbereiten und -fähigen Welt, Europa als Anker von Humanismus und in einer von Profit und Rücksichtslosigkeit bestimmten Völkergemeinschaft, Europa, das Völker verbinden und Menschen hier und in allen Erdteilen den Weg zu einer würdigeren, schöneren und lebenswerteren Existenz führen will. Welch hehrer Gedanke, welch großartiges Zeugnis für Menschlichkeit und Brüderlichkeit!

Gerade mal oder eher nur knapp zehn Jahre später zeigt dieses schöne Europa, dieser Quell und Inbegriff von Solidarität, dieses Muster an Demokratie, humanistischer Tradition und Kulturbewusstsein, sein wahres Gesicht. Stacheldraht - NATO-Qualität, bitteschön! -, drei Meter hohe Gitterzäune, nicht nur bei uns, sondern sogar auf dem afrikanischem Kontinent, sollen uns heute und vor allem auch künftig davor schützen, dass die Menschen aus anderen Ländern und Erdteilen, denen wir das alles vorgegaukelt haben, sich an Ort und Stelle über unsere schönen Versprechungen Gewissheit verschaffen. Europa wird heute, knapp zehn Jahre später, medial durch glatzköpfige, stieräugige und brandschatzende Vollidioten, durch egoistische Schmarotzer und lamentierende Weicheier verkörpert, die nicht einmal imstande sind, den durch den Arbeitseifer und ehrlichen Schweiß früherer Generationen geschaffenen Wohlstand zu erhalten und weiter zu führen. Wir sperren uns gegen die Einreise von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und kämpfen für das Recht von Waffenproduzenten und -händlern, ihre Ware gewinnbringend in eben diese Gebiete zu exportieren. Wäre es nicht so langsam an der Zeit, gemeinsam mit unseren „transatlantischen Freunden“, jenen Leuten und Firmen, die sich mit dem durch ihre Profitgier geschaffenen Elend von zig Millionen Menschen in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten so wundersam bereichert haben, die Rechnung zu präsentieren für all das Unheil, das mit ihrer tatkräftigen Unterstützung in den letzten Jahrzehnten angerichtet wurde?

Kann ein denkender europäischer Bürger angesichts der täglich durch Zeitungen und Fernsehen ausgestrahlten Bilder vom Flüchtlingselend von Hunderttausenden Menschen nachts noch ruhig schlafen?

Ist das jenes Europa, das Schuman und Monnet sich ausgedacht hatten? Ist das jene „Wertegemeinschaft“, die uns die nach wie vor sich selbst ernst nehmenden „Lider“ verklickern wollten? Ihre Positionen sind sicher, Extras für gastronomisch und önologisch verbrämte „Nachtsitzungen“ inklusive. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.