LUXEMBURG
DANIEL OLY

Food4All: Zwei junge Unternehmerinnen sagen der Lebensmittelverschwendung den Kampf an - und werden zum preisgekrönten Vorzeige-FoodTech-Startup

Knapp ein Drittel aller Lebensmittel, die jährlich produziert werden, wird überhaupt nicht verbraucht; eine große Verschwendung angesichts weiterhin existierender Hungersnöte in Krisengebieten und einer Epidemie an Unter- und Überernährung. Besonders ärgerlich ist dabei, dass sehr viele Lebensmittel gekauft und danach nicht verbraucht werden.

Mit dieser Verschwendung will das Startup Food4All aufräumen. Operationell ist die Startup erst seit Oktober 2018, dennoch hat sie bereits Preise und Anerkennung einheimsen können, zuletzt gewann die Idee bei der „Mind & Market“-Konferenz von Deloitte den Jury- und Publikumspreis. Etwas, worauf die beiden Gründerinnen stolz sind. „Ein Jury- und Publikumspreis zugleich zeigt doch, dass die Menschen bereit und engagiert für diesen Wandel sind“, betont eine der beiden Gründerinnen, Ilana Devillers. „Das war großartig“, unterstreicht auch Co-Gründerin Xenia Ashby.

Visibilität für Produkte

Mit Food4All verpartnerte Einzelhändler können so Produkte in ihrem Sortiment, die kurz vor dem Verfall stehen, in einem speziell dafür hergerichteten Bereich ihres Supermarktes anbieten. Zudem sorgt Food4All mit den Labeln für mehr direkte Visibilität der Produkte. Die Produkte werden natürlich auf ihre Qualität geprüft und stehen dann vergünstigt zum Verkauf. Und da spielen die Händler mit? „Die Supermärkte sind dieser Idee gegenüber sehr offen“, erklärt Devillers. „Es ist recht einfach, die Händler für das Konzept zu begeistern. Immerhin geht es um gutes Geld“, mutmaßt sie. „Schlimmer sind die Verbraucher an sich, die ungeplant einkaufen, vermeintlich ,schlechtes‘ Gemüse links liegen lassen und den Unterschied zwischen Verfalls- und Verbrauchsdatum nicht erkennen.“

Mit der App, der Ladenfläche und dem Angebot wollen die beiden Startup-Gründerinnen deshalb einen echten Mentalitäts-Wandel herbei führen. „Wir wollen eine Community schaffen, die verantwortlicher mit dem Essen und den Ressourcen umgeht“, meint Ashby. Deshalb zeige die App auch, wie viel Geld konkret durch die Einkäufe gespart wurde. „Es sind immer die kleinen Dinge - kleine Tipps, kleine Kniffe, kleine Summen. Aber das addiert sich schnell“, betont sie.

Das hat für Verbraucher deshalb auch viele Vorteile: Sie zahlen im Schnitt bis zu 50 Prozent weniger für dasselbe Produkt und wissen später, wie viel Geld sie insgesamt gespart haben - dank einer passenden Smartphone-Anwendung. Zudem bietet es Kunden die Möglichkeit, Produkte zu kaufen, die ansonsten weggeworfen würden. Die Food4All-Stände sind zudem leicht zu erkennen und die Produkte eindeutig markiert. In der App finden sich nicht nur Produkte, sondern auch Hinweise, wie und was damit gekocht werden kann - leckere Rezepte für jedermann. Das kam den Erfinderinnen auch ganz leicht: „Wir essen beide gern, gut und kochen viel“, erklärt Ashby lachend.

Bei der geplanten Aufklärungsarbeit ist deshalb auch politischer Wille gefragt. „Da ist Luxemburg aber auf dem richtigen Weg, ein echtes Vorbild zu sein“, meint Devillers. So hätten der vormalige Agrarminister Fernand Etgen und die Staatssekretärin für Wirtschaft, Francine Closener, mit ihren Initiativen hervorragende Arbeit geleistet. „Es kann aber auch noch besser werden“, meint Ashby. „Es gibt eindeutig noch Luft nach oben.“ Die beiden spüren aber eindeutig einen Ruck zur Veränderung, wie auch das Plastiktütenverbot aufzeige. „Das Thema ist aber so komplex“, meint Devillers. „Einfache Lösungen gibt es da keine.“ Luxemburg selbst sei für den Sektor aber das perfekte Pflaster. „Hier gibt es sehr viel Potenzial für diesen Sektor - und nicht nur für Banken, Versicherungsunternehmen und FinTech“, erklärt Ashby.

Die Idee zur Startup sei 2015 entstanden, erklärt die Gründerin weiter. „Die Idee kam uns, als wir uns während unseres Studiums näher mit dem typischen Essensbudget für Studenten beschäftigten“, sagt sie. „Das beschränkte Budget führt nämlich zum sparsamen Essen - aber auch sehr gern zu ungesundem Essen mit Fertig-Produkten.“ Damit nicht genug: Das abgepackte Essen sei zudem allein durch den ganzen Verpackungsmüll verschwenderisch. „Da mussten wir etwas machen“, unterstreicht Ashby.

„Nach einigen Skandalen, bei denen Supermärkte mit ihren Abfallpraktiken ins schlechte Licht gerückt wurden, haben wir reagiert und unsere Idee gestartet“, erklärt Devillers. Gemeint sind Zwischenfälle, bei denen etwa ans Licht kam, dass verdorbene Waren massenweise vernichtet wurden. Auf die Idee folgten dann ein paar Monate juristische Recherchen. „Um heraus zu finden, was wir überhaupt rechtlich machen können“, sagt sie. Danach kamen grundlegende Marktanalysen; all das lief parallel zum Studium. „Es war viel Arbeit, um alles unter einen Hut zu bekommen, aber wir hatten eine Vision, und haben sie umgesetzt“, unterstreicht Ashby.

Die beiden Gründerinnen hatten dabei auch das Glück, nach einer anstrengenden Suche einen Investor gefunden zu haben, der ihre Überzeugung und Passion teilt. „Was lange währt, wurde damit endlich gut“, meint Devillers.

Die Suche und das damit zusammenhängende Networking sei aber sehr anstrengend gewesen. „Wir sind zudem so neu mit unserem Angebot und unserer Branche“, betont Devillers. „Es gibt nur uns - das Risiko, missverstanden zu werden, oder zu scheitern, war also groß.“ Doch die Vision hat sich bislang bereits ausgezahlt, Delhaize und das Pall Center konnten bereits als Partner gewonnen werden. Für die Zukunft sieht es auch rosig aus: Für 2019 stehen schon zwei neue Partner in den Startlöchern - wer genau, darf aber noch nicht verraten werden. Die Pläne sind aber eindeutig: „Wir wollen uns im luxemburgischen Markt vollständig etablieren und dann auch europaweit expandieren“, erklärt Devillers. Ashby pflichtet ihr bei: „Wir haben viel vor.“

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