LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Ohne ihn gäbe es Fiat nicht mehr: Autopapst Prof. Dudenhöffer über Sergio Marchionne

Der einstige Fiat-Chef ist gestorben. Autopapst Prof. Ferdinand Dudenhöffer blickt im Exklusiv-Interview zurück auf einen der ganz Großen der Branche, einen, der sich nicht für E-Autos interessierte, aber mit Google sprach. Ohne Sergio Marchionne gäbe es Fiat heute nicht mehr, sagt der Auto-Experte, der dessen Erfolgsgeheimnis erklärt.

Herr Prof. Dudenhöffer, Sergio Marchionne übernahm Fiat kurz vor der Insolvenz. Ist er der Spitzemanager, als der er jetzt hochgelobt wird?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer Ohne Marchionne gäbe es Fiat heute nicht mehr. Fiat gibt es heute noch, weil Marchionne nicht wie ein typischer Auto-Manager handelte, sondern wie der Investment-Banker, der er ja lange Zeit war.

Ein Investmentbanker?

Prof. Dudenhöffer Als Marchionne bei Fiat übernahm, war das Unternehmen mit General Motors verbandelt. Fiat hatte die Option, sich an GM zu verkaufen. Marchionne ging damals zu GM und sagte zu den Amerikanern: Entweder ihr kauft uns oder ihr kauft euch für eine Milliarde Euro frei. Da es GM selbst schlecht ging, , wollte sich der US-Konzern nicht auch noch den angeschlagenen Fiat-Konzern anhängen. Also zahlten die Amerikaner die Milliarde. Das verschaffte Marchionne Luft, Fiat zu sanieren. Er agierte wie ein Investment-Banker. Das ging, weil er kein Autonarr war. Er störte sich nicht daran, einen Chrysler zu nehmen und ein Fiat-Schild dranzuhängen. So etwas würde ein „Car-Guy“ nie machen. Aber Marchionne sah nur die „Economies of Scale“, also die Skaleneffekte. Marchionne war verrückt nach Skaleneffekten. Eben ein Investmentbanker, nicht Ingenieur.

Warum hat sich Marchionne nie für E-Mobilität interessiert?

Prof. Dudenhöffer Er hatte kein Geld, um darin zu investieren. Also hat er es gelassen. Das hat ihn auch nicht wirklich interessiert. Bei Technik ist Marchionne ein Opportunist. Aber er gehörte zu den ersten, die zu Uber und Google gingen, um mit denen zu kooperieren. Nach dem Motto: Ich liefere die Autos, ihr die Technologie.

Woher hat er seinen Ruf als harter Hund?

Prof. Dudenhöffer Bei Fiat hinterfragte er alles. Er führte längere Produktzyklen ein, investierte viel weniger Geld in Neuwagen. Er schloss Werke, setzte sich gegen die Gewerkschaften durch. Und als dann in der Finanzkrise auch Chrysler in Schwierigkeiten geriet, kaufte er sich das Unternehmen für wenig Geld. Er hat sogar Fiat entführt. Das war ein Sakrileg. Er siedelte die Zentrale in Amsterdam und London an. Und er trennte Fiat und Ferrari, indem er Ferrari separat an die Börse brachte. Dabei hatte Enzo Ferrari sein Unternehmen an Fiat vererbt, damit es bei Fiat bleibt! Später schließlich ersetzte er im Ferrari-Rennstall auch noch Luca Cordero di Montezemolo, einen einflussreichen Spitzenmanager, dessen Posten
er übernahm. Solche radikalen Maßnahmen hätte die Familie Agnelli selbst nie hinbekommen. Aber sie vertrauten ihm. Und so hatte er viel Macht. Marchionne war gefühllos und unkonventionell, ein echter Alleinherrscher.

Wie sieht es mit seinem Nachfolger aus?

Prof. Dudenhöffer Mike Manley wird es schwer haben. Schon jetzt ist ein langjähriger Vertrauter von Marchionne, Fiat-Europachef Alfredo Altavilla, abgesprungen, weil er auch Chef werden wollte und nicht unter Manley arbeiten will. Weitere Intrigen gegen den Briten werden folgen. Manley hat weder bei den Agnellis noch bei den Gewerkschaften oder dem Staat das Standing Marchionnes. Und: Er ist ein klassischer „Car Guy“.