LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Bringt die Krise „Entschleunigung“?

Als ich einen Freund fragte, wie er die aktuelle Situation empfinden würde, sprach er von einer Entschleunigung, die er durchaus als positiv wahrnehmen würde, von einem „riesigen Stand By“. Und das würde uns vor Augen halten, wie sehr wir davor im Turbomodus gelebt hätten.

Alltag im Homeoffice

In der Tat ist im Moment vieles zum Erliegen gekommen. Allerdings bedeutet die Krise nicht für jeden eine Zeitersparnis bzw. ein Mehr an Freizeit. Vielleicht – aber auch nicht immer – ist das Arbeitspensum ein wenig geringer als zuvor und wer im Home Office arbeitet, hat die Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz als zusätzliche Freizeit dazugewonnen. Aber es darf nicht unterschätzt werden, dass im eigenen Zuhause sehr viele Dinge zu erledigen sind, und das umso mehr, da man sich nun mehr dort aufhält – und auch unser Partner oder unsere Familie dort wohnt, für den oder die wir in dieser Zeit verstärkt da sein möchten.

Hinzu kommt, dass wir ständig erreichbar sein müssen, sowohl für Arbeitskollegen als auch für Freunde und Verwandte, die wir derzeit nicht sehen können. Das Problem dabei ist, dass der Kontakt mittels Instantmessenger und Videochat anders als das gewohnte Feierabendbierchen nicht so gut zu planen ist und riskiert, in das Zeitfenster hineinzufallen, das wir eigentlich für Arbeit und Haushaltsaufgaben hatten reservieren wollen.

Zudem ist das Handy, das wir zwecks Erreichbarkeit stets in greifbarer Nähe bereithalten, immer auch eine potenzielle Quelle der Ablenkung. Mehr denn je befürchten wir, wichtige Nachrichten und Neuigkeiten zu verpassen oder private Posts, die uns verraten, wie es unseren Bekannten ergeht. Im Internet ist ein Ende des „Turbomodus“ gar nicht denkbar.

Ich gehe nach wie vor oft mit dem bedrückenden Gefühl zu Bett, nicht genug erledigt zu haben. Die harte Anforderung an uns selbst, unseren Tag möglichst sinnvoll zu gestalten, bleibt und verhindert auch in dieser Zeit ein Gefühl des entspannenden Zuruhekommens.

Lähmende Leere und düsterer Traum

Aber gehen wir einmal davon aus, dass wir trotz der oben dargelegten Einwände tatsächlich mehr Zeit zur Verfügung haben, dann stellt sich immer noch die Frage: Was bringt uns die Entschleunigung, welche Möglichkeiten eröffnet sie uns und was machen wir daraus?

Ich sehe das leider recht pessimistisch. Zunächst können wir ganz vielen unserer Hobbies nicht oder zumindest nicht in gewohnter Form nachgehen, wir können also in der Krise unsere Freizeit nicht ganz so gestalten, wie wir es möchten und es gewohnt sind.

Zweitens fehlt uns für kreative Tätigkeiten die nötige Inspiration. Es gibt zwar inzwischen virtuelle Kulturangebote. Diese nutze ich auch und das mit größter Dankbarkeit und Freude, muss aber gestehen, dass die räumliche Distanz mir ein wirklich intensives Erleben schwer-, wenn nicht sogar unmöglich macht. Mir fehlt der Aspekt, dass Künstler und Zuschauer ihre Präsenz gegenseitig spüren. Und so nehme ich im Allgemeinen eine gewisse Leere wahr.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass wir tatsächlich gerade wenig erleben. Natürlich kann Inspiration auch zu einem großen Teil aus uns selbst kommen, aus eigenen Gedanken oder Erinnerungen. Aber in der Gegenwart fehlen die kleinen Alltagserlebnisse, die Begegnungen mit Menschen, die sinnlichen Eindrücke und Stimmungen an den Orten, an denen wir uns für gewöhnlich aufhalten; sie alle fehlen als elementare Inspirationsquelle für unser Vorstellungsvermögen. Es mangelt an Stoff für Geschichten. Bei Telefonaten mit Freunden stelle ich manchmal fest, dass wir uns trotz enger Bindung gerade wenig Tiefgründiges zu berichten haben – abgesehen von Spekulationen rund um das Coronavirus.

Und apropos Coronavirus: Die aktuellen Umstände spielen ebenfalls eine Rolle: Auch wenn wir die dunklen Seiten der Krise nicht unmittelbar vor uns sehen, erahnen wir sie doch. Es ist „wie ein Traum, der immer irgendwo im Hinterkopf mit abgespielt wird“, so beschreibt es ein Bekannter sehr treffend.

Innerer Schweinehund bringt Langeweile

Selbst wenn wir aus uns genug „schöpfen“ könnten: Die Begegnung und Konfrontation mit uns selbst ist eine Herausforderung, der wir uns nicht immer bereitwillig stellen. Wir haben verlernt, mit uns selbst etwas anzufangen zu wissen, oder haben den Mut dazu verloren. Und so geraten wir in die Zwickmühle, dass uns die Außenwelt gerade zu einem Teil verschlossen bleibt und wir vor der Reise tief in unser Selbst zu viel Angst haben. Gerade jetzt, wo wir uns fragil fühlen und es so viel gibt, das wir vermissen.

Und das ist der Grund, warum wir uns langweilen, sobald wir mehr Zeit haben. Wir langweilen uns, weil wir unserem feigen wie faulen Schweinehund die Kontrolle überlassen, uns in Jogginghose ins Bett legen und uns so gut wie möglich im Nichtstun versuchen. Die Zeit der Krise lassen wir dabei an uns vorbeiziehen wie eine Wolke bei Windstille, wir blicken hilflos und mit leeren Augen darauf, als würden wir Gras beim Wachsen zusehen. Und dann ist da das schlechte Gewissen, ein Relikt aus „Turbozeiten“, das Engelchen auf der Schulter das fragt: „Das Gras wächst. Und du?“

Natürlich ist das Entschleunigung. Aber sie ist nicht erlösend. Sie quält uns. Sie ist unweigerlich an Langeweile gekoppelt. Wir wissen nicht (mehr) mit ihr umzugehen – und die Umstände machen es uns nicht einfacher.

Wer ist Christine Mandy?

Ich wurde am 12. Oktober 1994 als Erbsenzählerin geboren. Die dafür nötigen Erbsen erwerbe ich bei meiner Tätigkeit in einer Werbeagentur und im Verlagswesen. Ich bin eine Waage, halte aber wenig von absoluter Ausgeglichenheit, hege eine Vorliebe für inspirierende und ergreifende Literatur sowie tiefgehende Gespräche, besuche gerne kulturelle Veranstaltungen und liebe alles, was ungewöhnlich ist, mich überrascht und berührt. Seit 2015 habe ich die Ehre, auf dieser Seite meine Gedanken zu teilen. Wenn Sie mir auch Ihre mitteilen wollen, wäre das für mich das absolute i-Tüpfelchen:  christine.mandy@outlook.com