LONDON
HELMUT WYRWICH

Schroders enthüllt in London von der Öffentlichkeit Unbemerktes

Hat die Welt sich verändert?“, fragt Peter Harrison, Vorstandsvorsitzender der Finanzbranche des britischen Finanzkonzerns Schroders, der nicht nur weltweit Investmentfonds, sondern in einem anderen Segment auch eine japanische Fluggesellschaft besitzt. Das 1804 gegründete Unternehmen beschäftigt rund 5.000 Mitarbeiter weltweit an 32 Standorten. Im Bereich des Wirtschaftswachstums haben sich die Voraussagen auf eine Verlangsamung erfüllt. Im vergangenen Jahr hatte Harrison sich noch sehr verschleiert geäußert, als er gefragt wurde, wie sein Milliarden Euro oder Dollar oder Yen verwaltendes Imperium auf die veränderten, absehbaren Veränderungen denn reagieren würde: Eher klassisch. Ganz klassisch hat Schroders sich also den 100 Milliarden starken Pensionsfonds der Lloyds zur Verwaltung an Land gezogen. Das passt zu einem Unternehmen, das von Hamburger Kaufleuten gegründet wurde und seine Anfänge in der Schifffahrt hatte, ist Lloyds doch immer noch ein großer Seeversicherer.

Zinsen bleiben tief

In Wirklichkeit hat sich unter der Oberfläche des Unternehmens eine Kulturrevolution vollzogen. In einer sich verändernden Welt, so Harrison im vergangenen Jahr, müsse man sich als Verwalter der von den Kunden anvertrauten Gelder vor allem darum sorgen, dass diese keine Verluste machten und sie in eine neue Umwelt begleiten. Charles Prudeaux, der 2017 vom Vermögensverwalter Black Rock zu Schroders gestoßen ist, zeigt sich da deutlicher als sein Chef. Die Märkte seien unruhig und würde auf Spannungen reagieren. Aber das zeige nur das normale Verhalten von Anlegern. Die würden immer noch darauf hoffen, dass sich Zinsen und Gewinne wie vor der Krise 2007 bis 2009 wieder einstellen würden. Das müsse man sich abschminken. Die Zinsen würden auf lange Zeit niedrig bleiben. Wenn die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, die Politik nun auffordere, tätig zu werden, dann bedeute das, dass nun die Regierungen fiskalisch und Regulierungen in den Markt eingreifen würden. Die Draghi-Politik würde dann politisch fortgesetzt. Das bedeute, dass die Zeit des Erzählens nun vorbei sei. Wenn Investoren nicht sähen, was passiert, dann verlören sie Geld. Die Entscheidungen für morgen seien heute zu treffen. Sie fielen auf den Feldern der Politik, der Geopolitik, der Technologie und der Umwelt.

Und dann legt er eine Grafik vor, aus der hervorgeht, dass vor allem die so genannten „White Collar“-Berufe in der Zukunft immer weniger gebraucht würden, weil technologische Fortschritte sie überflüssig machten. Seinen eigenen Beruf des Ökonomisten, aber auch den der Medienverarbeiter schließt er von der Entwicklung nicht aus. Diese Entwicklung bedeutet notwendigerweise eine Umstellung des Investitionsverhaltens.

Investitionen in Umwelt und Entwicklungspolitik

Die wohl größte Umstellung hat Schroders in diesem Sommer vorgenommen. Das Unternehmen investiert in drei Bereiche neu: In die Umwelt, in die Entwicklungspolitik und in die private Wirtschaft. Hier werden seit vier Monaten neue Fonds aufgelegt oder bestehende verstärkt in den Vordergrund gestellt. Das in Luxemburg durch Professor Yunus nicht unbekannte Verfahren der Mikrofinanzierung findet bei Schroders seinen Widerhall. Das Finanzunternehmen hat einen Mikrofinanzfonds nur für Frauen in Lateinamerika aufgelegt. „Wir haben einst einer Frau 50 Dollar geliehen, damit sie Abfall von Unternehmen sammeln kann. Heute macht diese Frau mit ihrem Unternehmen und ihren zwölf Angestellten einen Gewinn von 4.000 Dollar im Monat“, erzählt Harrison.

Er ist dabei in dem Thema, das die ganze Konferenz für 100 Journalisten aus der ganzen Welt interessiert. Im 15. Jahr stellt das Unternehmen, das rund um den Globus tätig ist, Journalisten Trends und Tendenzen der internationalen Finanzwirtschaft vor. Umwelt ist das Thema. Ein neu aufgelegter Fonds, der sich mit der Industrie beschäftigt, die Umweltgase reduziert, hat ohne große Werbung in vier Monaten elf Millionen Euro eingesammelt und damit sein Anfangsvolumen mehr als verdoppelt. Das mag nicht hat viel sein, aber Schroders arbeitet stets langsam und lässt sich Zeit. Diese Fonds, wie die, die in die Umwelttechnologie investieren, sind für lange Zeit aufgelegt, 30 Jahre sind üblich.

Aber genau hier zeigt sich auch der Widerspruch. „Elektro“ ist das große Stichwort. Eine Umfrage unter Journalisten ergibt, dass nur drei Prozent ein Elektroauto fahren, aber gut 30 Prozent sich eines kaufen würden, der Umwelt zuliebe. Nur: Das Kohlenstoffdioxid, das bei der Herstellung der Batterie entsteht und bei der Herstellung des Autos, wird ausgeblendet. Dass das unehrlich sei, bestreitet Mark Lacey. Wenn man den CO2-Ausstoß auf die Lebenszeit des Autos berechne, dann würde die Umwelt mit maximal drei Prozent belastet, erzählt er. Nur ist es so, dass der Meeresspiegel nicht proportional zur Lebenszeit der E-Autos wächst. An der Seine-Mündung bei Le Havre ist zu sehen, wie der Fluss bei jeder Flut sein Bett verbreitert, weil immer mehr Meerwasser hineinströmt.

Wer, wie Schroders in der Technik nicht sieht, dass sich jenseits der E-Autos mit dem Wasserstoff längst eine alternative Technik entwickelt hat, investiert möglicherweise falsch. In Deutschland fährt mittlerweile ein von der französischen Alstom entwickelter Wasserstoffzug. Die hessische Regierung hat beschlossen, Dieselzüge durch Wasserstoffzüge zu ersetzen. Auf den neuen Strecken, die zwischen Straßburg und Mainz allerdings vereinbart worden sind, sollen Dieselzüge fahren und eine Technologie fortbestehen, die heute schon überholt ist und gute 30 Jahre weiter die Umwelt verschmutzen darf. Die Entscheidungen für die Umwelt der Zukunft fallen heute, macht das Unternehmen klar.

Unsicher beim Thema Wasserstoff

Bei Schroders scheint man von der neuen Technik aber noch nicht überzeugt zu sein. Wasserstoff sei noch nicht wirklich sichtbar, heißt es. Und alternative Energie wie Wind und Sonne zu seiner Herstellung gäbe es auch nicht immer. Wind würde nicht immer wehen und die Sonne – zumindest in Großbritannien -nicht immer scheinen. Auch fehlten die nötigen Infrastrukturen. Genau in die will das Unternehmen aber im Rahmen einer neu entwickelten Private Equity-Strategie eigentlich investieren, sagt Tim Ceed.

Denn die Investitionen in Privatunternehmen sollen durch neue Fonds steigen. Schroders will bei kleinen und mittleren Firmen keine Heuschrecke sein, sondern sie entwickeln, ihnen Märkte öffnen, die ihnen vor einer Schroders-Investition nicht zur Verfügung gestanden hätten.

Die Widersprüche in der Umsetzung der neuen Strategie sind insbesondere bei den Einzelheiten noch unübersehbar. Aber Schroders hat sich immer Zeit gelassen mit einer Entwicklung. Und die neue Umwelt-Investitionsstrategie darf, so war zu hören, auf eine Lebenszeit von gut 30 Jahren hoffen, genügend Zeit, um sie stimmig zu machen.