COLETTE MART

In einer Zeit, in der viel und oft mit dem Finger auf Steueroptimierungsberater in der Privatwirtschaft und in der öffentlichen Verwaltung gezeigt wird, lohnt sich eine genauere Analyse der Änderung des Zeitgeistes in dieser Frage, sowie ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte Luxemburgs. In der Tat war unser Land seit Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit einer Stahlkrise konfrontiert, die eine wirtschaftliche Neuorientierung unumgänglich machte. Die Entwicklung eines internationalen Bankplatzes innerhalb der Europäischen Gemeinschaft, die Gewährung von Steuervorteilen für Firmen, sowie ein Bankgeheimnis, das viele Steuerhinterzieher aus der ganzen Welt dazu ermutigte, ihr Geld in Luxemburg zu platzieren, erlaubten uns, uns in relativ kurzer Zeit wirtschaftlich neu aufzustellen.

Die Stadt Luxemburg wurde international, der Bankplatz spielte Steuereinnahmen in unser Land, und es wurden so viele Arbeitsplätze geschaffen, dass Luxemburg ein wirtschaftliches Zentrum der Großregion wurde.

In den siebziger und achtziger Jahren, als sich dieser Reichtum auf Prämissen aufbaute, die heute nicht mehr mit der europäischen Solidarität und der Nord-Süd-Moral in Einklang zu bringen sind, waren unser Land und die Gesellschaft allgemein froh um diese positive Entwicklung, die allen zugutekam, die höhere Gehälter und Einnahmen in allen Sektoren garantierte, inklusive in der öffentlichen Funktion, der Geschäftswelt und dem Bausektor. Die kritische Frage, ob es denn so moralisch sei, den Bürgern unserer Nachbarländer bei der Steuerhinterziehung zu helfen, floss erst in den neunziger Jahren in die politische Diskussion, und dies auf nationaler und auch auf europäischer Ebene.

In dieser Zeit hatten wir uns jedoch bereits alle an einen Lebensstandard gewohnt, der weit über dem unserer Nachbarländer lag, und die Kritik um unsere mangelnde Moralität ließ uns auf europäischer Ebene über Jahrzehnte nicht mehr los.

Wir haben damit begonnen, nachzubessern, das Bankgeheimnis zu lüften, bei der Fahndung von Steuersündern mitzuhelfen, wir haben uns politisch bemüht, integer herüber zu kommen und Kompromisse zu schließen. Allerdings offenbarte der Luxleaks-Prozess, dass Steueroptimierung auf hohem Niveau noch immer bei uns möglich ist, und die Panama-Diskussion erinnert an eine luxemburgische Vergangenheit, mit der wir heute nichts mehr zu tun haben wollen. Jedoch gründet unser Lebensstandard noch immer auf dieser Wirtschaftsgeschichte, von der wir alle profitierten.

Die Frage ist jetzt: Wie kommen wir aus all dem wieder heraus? Sicherlich nicht, indem wir jetzt mit dem Finger auf einige Politiker oder Anwälte zeigen, sondern indem wir uns als Gesellschaft und Gemeinschaft die richtigen Fragen stellen, wie wir uns als kleines Land in Zukunft in einer globalisierten Welt positionieren wollen, wie ein internationaler Bankplatz innerhalb der europäischen Union im Hinblick auf die Gravität weltweiter Steuerhinterziehung sowohl politische Moral als auch unsere wirtschaftlichen Interessen miteinander verbinden kann.

Und dies ist eine absolut harte politische Nuss, bei der wir alle gefordert sind.