MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Jeder zweite Arbeiter in Frankreich war zwei Monate lang eingesperrt und arbeitete nicht

Gut elf Millionen Arbeiter in Frankreich arbeiteten nicht während der vergangenen acht Wochen. Das Land stand still. Es lebte aus der Schuldenkasse des Staates. Nun wieder zu arbeiten, ist schwierig. Was geht vor? Die Sicherheit, oder der Wiederbeginn der Produktion? Welches Risiko gibt es, wenn nun die Arbeit wieder geleistet werden muss?

Geht es nach der Meinung des Gewerkschaftsführers Philippe Martinez, Chef der radikalen „Confédération de Travail (CGT)“, dann dauert es noch eine Weile, bis in Frankreich sich die Räder wieder drehen werden. „Gesundheit ist wichtiger als die Wirtschaft“, sagt er in einem Interview mit der wirtschaftsfreundlichen Tageszeitung „Le Figaro“. „Wir müssen jetzt keine Flugzeuge, Schiffe, Autos herstellen“, fügt er an.

In fast allen Bereichen der französischen Wirtschaft hat die CGT im vergangenen April zu Streiks aufgerufen... und versagt. In der Staatsverwaltung, der Verwaltung der Regionen, der Départements, aber auch in der Sozialverwaltung, schließlich in der privaten Industrie im Handel, in den Unternehmen fand sie nur noch selten Gefolgschaft.

Abgeschottete Produktionen

Reformgewerkschaften und Berufsverbände wie die der leitenden Angestellten, verhandelten hingegen mit Arbeitgebern über spezielle Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz. In der Produktion wurden abgeschottete Inseln geschaffen, Masken, Handschuhe, Desinfektionmittel zur Verfügung gestellt. Die CGT und andere linke Vereinigungen verweigerten sich häufig diesen Vereinbarungen. Sie entdeckten ein anderes, in Frankreich übliches Mittel. Sie zogen vor Gericht, und hatten teilweise Erfolg. Amazon hat alle seine Mitarbeiter noch bis zum 18. Mai nach Hause geschickt. Ein von der linksradikalen Gewerkschaft SUD erwirktes Urteil hätte nach Einschätzung des Unternehmens bis zu einer Milliarde Euro Strafzahlungen bedeuten können. Ein Risiko, bei dem das Unternehmen es vorzog, den Lohn weiter zu zahlen obwohl die Mitarbeiter zu Hause eingesperrt waren.

Die Arbeitswelt hat sich erheblich gewandelt

Die CGT zog vor Gericht, weil eine Einladungsmail zur Tagung des Gesamtbetriebsrates sie nicht erreicht haben sollte. Sie verlangte die Einstellung der Arbeit im Renault-Werk von Flins. Das Gericht gab ihr Recht. In den Werften von St. Nazaire wurde die Arbeit immer wieder unterbrochen, weil Arbeiter der Meinung waren, dass ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Bei Airbus, Renault Trucks, Michelin verlangt die CGT, dass die Arbeit nicht wieder aufgenommen wird. Frankreich hat sich seit den 80er Jahren in der Ära Mitterrand von seiner Industrie abgewendet, sich zu einem „Land ohne Fabriken“, so die damalige Grundeinstellung, entwickelt. Um nun den Stillstand des sanitären Notstandes zu überwinden, wird der Begriff der „Sicherheit“ so absolut verstanden, dass er zum Hemmnis für die Wiederaufnahme der Arbeit wird. Die CGT stellt sich ein Arbeitsleben ohne Risiko vor. Sie behindert das Anlaufen der Wirtschaft des Landes. Gegen Ende der Viruskrise, deren erster Abschnitt sich abzeichnet, wird deutlich, dass sich die Arbeitswelt erheblich gewandelt hat. Die so genannte „Tele-Arbeit“ wird zum Standard. Während der Krise, so erzählt der Chefredakteur der Pariser Tageszeitung „Libération“, Laurent Joffrin, hätten gerade fünf Redakteure in der Zentralredaktion gearbeitet und verarbeitet, was von draußen, aus der Telearbeit, gekommen wäre. Alle anderen hätten von zu Hause gearbeitet. Die Fachzeitschrift „Usine Nouvelle“ hatte schon Anfang des Jahres bei den von der CGT im wesentlichen organisierten Eisenbahnerstreiks Telearbeit geübt.

Die Sache mit der Temperaturmessung

Der Dienstleistungsbereich, der die französische Wirtschaft charakterisiert, verändert die Position der französischen, aber auch die Allmacht des Staates völlig. Während Unternehmen in der Vorbereitung der Wiederaufnahme der Arbeit und zum Schutz der Mitarbeiter eine Temperaturmessung vorsahen, untersagte das Arbeitsministerium diese Maßnahme. Hingegen sahen sich Firmen mit einem über 50 Seiten langen Papier konfrontiert, in dem die französische Arbeitsverwaltung bis ins Detail festlegten , was zum Schutz der Arbeiter zu tun ist.

Solche Papiere stehen im Gegensatz zu einer Entwicklung, in der Staat und Gewerkschaften ihren Einfluss verlieren. Obwohl Amazon beispielsweise seine Auslieferungsdepots in Frankreich schloss, wurden die Kunden n Frankreich beliefert. Die Ware kam aus Belgien, aus Deutschland, aus den Niederlanden. Der juristische Erfolg der Gewerkschaft SUD wurde ausgehebelt. Die Verzögerungen der Auslieferung, die es gab, gehen auf den in Frankreich so hoch gelobten öffentlichen Dienst zurück. Die Post schloss Postämter und stellte Post nur an drei Tagen in der Woche zu. Im Wesentlichen hat das nicht gestört. Wo möglich, konnte per fax gearbeitet werden oder per Scan und mail. Telefonkonferenzen, Videokonferenzen, der Einsatz von Skype und dem Streamingdienst „Zoom“ veränderten die Kommunikation. Der Kauf von Computern stieg während des Ausgehverbotes exponentiell an. Ihr Einsatz hat bereits die Arbeitswelt verändert.

Telearbeit wird zur Normalität

Telearbeit von zu Hause wird zukünftig kaum von Streiks behindert werden können. Peugeot zum Beispiel hat bereits angekündigt, dass Telearbeit nach der Erfahrung des sanitären Notstandes „Normalität“ im Unternehmen werde. Hier wird die Modernität gleich auf zwei Ebenen wirksam. Wo immer möglich, ob in der Informatik, in der Kommunikation, in der Verwaltung wird dezentral gearbeitet werden. In der technischen Produktion wird verstärkt die vierte Generation der Informatik, die „Fabrik 4G“ eingesetzt. Das wird Arbeitsplätze kosten.

Im Kommunikationsbereich fehlen in Frankreich regelmäßig die gedruckten Zeitungen, weil in der zentralen Pariser Druckerei die Drucker streiken. Die Folge: Die „Auflagen“ der Internet-Zeitungen nehmen rasant zu. „Le Figaro“ gehört zu den erfolgreichsten Internet-Anbietern, wie auch die Wirtschaftszeitung „Les Echos“. In den USA weist die „New York Times“ bereits mehr Internet Abonnenten aus als sie Exemplare druckt.

Das Corona-Virus gibt der Wirtschafts- und Arbeitslandschaft die Chance zu Veränderungen in einem bisher ungeahnten Maße. Was heute noch zur Behinderung die Wiederaufnahme der Arbeit dient, sowohl in den Aktionen der Gewerkschaften als auch in den engstirnigen bürokratischen Vorschriften des französischen Staates, ist ein Auslaufmodell, weil es von den technologischen Veränderungen überholt wird. Philippe Martinez, der radikale Gewerkschafter, hat das durchaus erkannt und fordert bereits Regelungen zur Regulierung der Heimarbeit.