LUXEMBURG
INGO ZWANK

Nach Tragödie auf dem Weihnachtsmarkt Knuedler: Ursachenforschung steht in Vordergrund

Betroffenheit und Ohnmacht - so drückte gestern Mittag eine Frau auf dem Knuedler ihre Gefühle aus. Sie fühle sich „sehr hilflos“, sagte sie, während sie Blumen an dem Eisblock, der wie ein Schlitten geschnitzt ist, hinter ein paar Plüschtiere niederlegt. Etwas weiter entfernt steht noch ein Eis-Nikolaus, im Hintergrund einige Eisbrocken.

Auf den tragischen Unfall von Sonntagabend deutet nichts mehr hin, bis eben die kleine Gedenkstätte vor der Schlittschuhpiste. Gegen 20.00 brach hier eine Eisskulptur zusammen, ein Eisblock traf dabei ein Kleinkind, einen zwei Jahre alten Jungen, der so schwer verletzt wurde, dass er noch im Krankenwagen vor Ort verstarb. Die Polizei nahm die Untersuchung zum Unfall auf. Neben der Spurensicherung war auch die Staatsanwaltschaft vor Ort. „Es war ja auch überhaupt keine Absicherung vorhanden“, ergänzt die Frau weiter, recht erzürnt in der Stimme, „die haben die Eisblöcke einfach da hingestellt.“

Künstler: Alle Sicherheitsmaßnahmen erfüllt

Schnell meldete sich der Künstler der Skulptur zu Wort, stand den Medienvertretern Rede und Antwort. Dieser Künstler von Ice & Art hatte sein Kunstwerk im Rahmen der Auftragsarbeit vom „Luxembourg City Tourism Office“ (LCTO) ausgeführt. Ein rund zwei Tonnen schwerer Eisblock sollte in mehrere Figuren verwandelt werden. Der zusammengebrochene Block soll fast 700 kg gewogen haben und war 2,50 Meter hoch. Insgesamt bestand das Ensemble aus drei Elementen. „Technisch gesehen konnte die Skulptur nicht fallen“, wird der Eiskünstler zitiert. „Ich übe seit mehr als 20 Jahren das Eisschneiden aus und habe noch nie zuvor eine solche Situation erlebt. Wir treffen alle Vorsichtsmaßnahmen. Und als wir diese Skulptur machten, waren wir unter den gleichen Bedingungen aktiv wie sonst“, sagte der Künstler, in der Welt der Eisskulptur in Frankreich und im Ausland bekannt, unter anderem im Interview mit France3. Man habe die Arbeit selbst gefilmt und fotografiert und diese Bilder der Polizei übergeben. Die Behörden müssen nun klären, ob der Eisblock versehentlich heruntergefallen ist oder ob er von jemandem geschoben wurde. Ob zu hohe Temperaturen der Grund für den Unfall waren, muss ebenfalls erst ermittelt werden. Laut Meteolux lagen die Temperaturen zum Unfallzeitpunkt an der Messstation Findel bei 6 Grad Celsius. Am Nachmittag waren nach Auskunft Höchstwerte von 11 Grad erreicht worden. „Die gesamten Eisbrocken sind sichergestellt und in einem Kühlcontainer untergebracht worden“, sagte die Justizpressestelle gestern Morgen auf Nachfrage hin, alles Weitere müssten die Ermittlungen ergeben.

„Ech si schockéiert a betraff nom déidlechen Tëschefall gëschter um Stater Krëschtmaart, wou e klengt Kand säi Liewe verluer huet. Et ass net a Wieder ze faassen, wéi traureg dat eis mécht. Mäin déifste Matgefill a Bäileed fir d’Famill“ - so kommentierte Premier Xavier Bettel den tragischen Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt gestern Morgen. Auch LCTO-Präsident Marc Angel meldete sich über Facebook: „De Verwaltungsrot deen ech présidéieren, d’Direktioun an all Mataarbechter vum LCTO sinn immens betraff vum trageschen Akzident dee gëschter um Knuedler geschitt ass! Mir alleguer denken un d’Affer an drécken senger Famill an allen déi hinnen nostinn onst déift Matgefill aus.“ Vonseiten des „Luxembourg City Tourist Office“ (LCTO) gab es gestern Morgen nur eine kurze Stellungnahme. Die Direktion stehe mit der Stadt in Verbindung, wie es von der Kommunikationsabteilung hieß. Der Schöffenrat der Stadt Luxemburg reagierte ebenfalls bereits gestern Morgen. „Mit Bestürzung erfuhr der Schöffenrat von dem Unfall, der sich am Sonntagabend auf dem Place Guillaume II ereignete, wo eine Eisskulptur zusammenbrach und ein kleines Kind schwer verletzte. Trotz der sofortigen Hilfsmaßnahmen konnte das Kind leider nicht gerettet werden und starb an seinen Verletzungen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Alle Weihnachtsmärkte in der Hauptstadt und die dafür geplanten Veranstaltungen wurden aufgrund der Vorkommnisse für den gestrigen Tag abgesagt - und eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem „Luxembourg City Tourist Office“ folgte gestern Abend, an der Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer mit den Schöffen Patrick Goldschmidt und Serges Wilmes als auch Marc Angel und Tom Bellion (LCTO) sowie Myriam Meyer von der Polizei teilnahmen.

Technische Abnahme der Installation war nicht gefordert

„Für mich ist es eins der traurigsten Ereignisse in meiner Laufbahn“, sagte Polfer. „Doch wie konnte es zu so einer Tragödie für die ganze Familie kommen? Zu ermitteln, wer Verantwortung dafür trägt, das ist Aufgabe der Polizei und der Justiz“, sagte Polfer, die dann das Geschehene skizzierte. Die Polizei sei sofort am Ort des Geschehens gewesen, auch die Rettungskräfte. „Die Sicherheitskräfte der Stadt haben auch sofort geholfen, einen Sicherheitsperimeter zu errichten.“ Die Familie des Opfers sei psychologisch in der Gemeinde betreut worden. „Doch wie soll man Eltern in einem solchen Moment trösten? Wir trauern mit der Familie“, so Polfer weiter, die immer wieder betonte, dass die Ursachenforschung im Vordergrund stehe.

Bereits zum dritten Mal habe das LCTO mit dieser Firma zusammengearbeitet, von vergleichbaren Unglücken sei nichts bekannt, sagte auch Angel für das LCTO. Von zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen sei keine Rede gewesen. Die ganze Skulptur in ihrer Ausführung war gedacht, dass sie als Live-Animation genutzt werden konnte, sagte Angel, der auf die Ausschreibung verwies.

Die Leute sollten sich mit den Skulpturen knipsen, sie also in gewisser Weise nutzen können. Drei Stunden habe es gedauert, die Skulptur mit Motorsäge im Sicherheitsperimeter zu erstellen, „ehe sie vom Künstler freigegeben wurde.“ Was Polfer auch bestätigte, war der Umstand, dass diese Live-Animation von keiner Behörde oder Institution bezüglich der Sicherheit abgenommen wurde - und so wohl auch nicht musste. Was sich aber herausstellte, sei der Umstand, dass man sicherlich viele Umstände neu überdenken müsse. Myriam Meyer von der Polizei appellierte an die Besucher, mögliche Aufnahmen bitte der Polizei zur Verfügung zu stellen.

Die Weihnachtsmärkte sind heute wieder alle geöffnet.