COLETTE MART

Der Abgang eines Chefredakteurs aus Gründen, die im Presserecht als „Clause de conscience des journalistes“ bezeichnet werden, stimmt einen als politischen Kommentator auf Anhieb traurig. Jean-Lou Siweck, seit 2013 Chefredakteur des „Luxemburger Wort“, das sich in den letzten Jahren durchaus mal CSV-kritisch positionierte, aber der Gemeinschaft der gläubigen Katholiken in seiner Berichterstattung doch relativ nahe blieb, brach mit dem Präsidenten des St-Paul-Verwaltungsrates Luc Frieden. Letzterer will laut Medienberichten wieder andere Glocken läuten lassen, zu einem Mitte-Rechts-Kurs zurückkehren, weil sich anscheinend konservative und bistumsnahe Kreise nicht mehr in der Zeitung wiederfinden. Die offizielle „Ligne Editoriale“, die das „Wort“ in diesem Kontext veröffentlichte, liegt allerdings keineswegs im Widerspruch mit dem, was in den letzten Jahren im „Luxemburger Wort“ zu lesen war, so dass sich die Frage stellt, worum es hier eigentlich geht und ob nicht hier Friedens Schachzug in der Öffentlichkeit genau das Gegenteil erreichen wird von dem, was er eigentlich anstrebte.

Tatsache ist, dass im „Luxemburger Wort“ in den letzten Jahren eine gewisse Meinungsvielfalt zum Ausdruck kam, die sicherlich mit der „Ligne Editoriale“ und dem Chefredakteur zu tun hatte, allerdings auch eine Überlebensstrategie in einer Zeit bedeutet, in der die Printmedien gegen die Konkurrenz im Internet hart zu kämpfen haben. Die unterschiedlichen politischen Kommentare, der Platz, den das „Wort“ dann auch Politikern oder Altpolitikern verschiedener Couleur widmete, wurden zu einem Grund, die Zeitung noch zu abonnieren, die ja auch teilweise gratis im Internet zugänglich ist. Falls diese Leser sich jetzt wieder abwenden, hat Luc Frieden seiner Zeitung keineswegs geholfen, und der Luxemburger Gesellschaft schon gar nicht. Grundsätzlich stellt sich die Frage, von wem ein Rückschritt zu einem sogenannten Mitterechtskonservatismus denn in der Gesellschaft mitgetragen wird. Wer sich nämlich die Parteienlandschaft und auch die Luxemburger Gesellschaft genauer anschaut, stellt fest, dass es quer durch alle Parteien und alle Gruppierungen konservative und fortschrittliche Kräfte gibt.

Die CSV positionierte sich in den letzten Jahren nicht gezielt als konservative Kraft, es gibt darüber hinaus viele fortschrittlich gesinnte Katholiken, und der Durchschnittsluxemburger, der zumindest in der Stadt Luxemburg bereits zu einer Minorität schrumpfte, hat seine konservative und seine aufgeschlossene Seite. Zwar bleiben die Luxemburger einem relativ konservativen Lebensstil treu, zwar wird viel von gefühlter Unsicherheit gesprochen, aber doch haben es die Luxemburger fertig gebracht, weltoffen mit einer größeren nicht-luxemburgischen Gemeinschaft zusammenzuleben und in grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen, wie die Emanzipation der Frau, die Interkulturalität, Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Homo-Ehe und Pacs, mitzuziehen, und nicht großspurig nach hinten zu rudern. Sollte das „Luxemburger Wort“ jetzt genau diesen Rückschritt unternehmen, stellt sich die Frage, wen es denn damit ansprechen und welche Gesellschaft es damit anstreben will. Einer CSV, die ein aufgeschlossenes Image pflegt, wird dies jedenfalls nicht weiterhelfen.