LUXEMBURGREIMUND SCHLOSSER

Die besten Geschichten aus einem Buch, das im März erscheint

Der Präsident der luxemburgischen Abgeordnetenkammer Laurent Mosar hat die beiden liebevoll gewarnt. Die Rede ist von Albin Wallinger und Serge Spellini. Sie hatten sich etwas Mutiges vorgenommen: Im Umfeld des Regierungschefs zu recherchieren und herauszufinden, wie Prominente Jean-Claude Juncker in persönlichen Begegnungen in den letzten 30 Jahren erlebt haben.

Mosar, der den heutigen Premier seit 1979 kennt: „Juncker ist mir zu jener Zeit aufgefallen, weil seine schon damals unkonventionelle Art und Weise, Politik zu machen, manche Kollegen in Fraktion und Partei doch aufschreckte.“ Der österreichische Journalist Wallinger und der luxemburgische Ingenieur Spellini kennen sich von einem Fernsehauftritt als „Wetten, dass...“-Kandidaten im ZDF. Aus aktuellem Anlass haben sich die beiden vorgenommen, einen Blick hinter die Kulissen des Vollblutpolitikers Juncker zu werfen.

Und zu verstehen, wie der Mensch Jean-Claude Juncker in alltäglichen Begegnungen tickt und agiert. Dazu befragten sie 300 Prominente aus Europa und Luxemburg. Persönlichkeiten, die Juncker aus nächster Nähe kennengelernt haben. Das Fazit ihrer umfangreichen Recherche? „Mosar scheint recht behalten zu haben. Juncker agiert gelegentlich tatsächlich so, dass viele aufgeschreckt werden…“

Kommt ein Prominenter zu Juncker…

Kommt ein Prominenter - etwa ein Politiker, ein Wirtschaftsführer oder ein Kulturvertreter - in das gut gesicherte Büro des luxemburgischen Premierministers, kann der Begrüßungsdialog schon einmal wie folgt ablaufen. Juncker: „Legen Sie sich entspannt auf mein Sofa.“ Prominenter: „Was meinen Sie mit hinlegen?“ Juncker: „Ja wissen Sie, manchmal komme ich mir wie ein Psychologe vor. Viele meiner Gäste suchen mich zwecks Rat und Beratung auf. Und machen es sich dann auf meinem Sofa gemütlich.“ Ein typischer Juncker-Moment! So geschehen im Januar 2012.

Es scheint eine spezielle rhetorische Taktik von Juncker zu sein: Gleich zu Beginn einer Begegnung den Gesprächspartner mit einem herausfordernden oder provokanten Satz zu überrumpeln.

Davon berichtet auch der Rektor der Universität Luxemburg Rolf Tarrach: „Im Jahr 2005, acht oder neun Monate nach meiner Ernennung als Rektor der Universität, lud mich Jean-Claude Juncker in sein Büro ein, um mich kennenzulernen und um sich über die Universität zu informieren. Sein erster Satz, beinahe als Begrüßung, war: ‚Ich war gegen die Gründung der Universität‘ und der zweite: ‚Und auch heute habe ich meine Zweifel.‘“ Tarrach musste dann seine Vision der Universität beschreiben, worauf Juncker antwortete: „Wenn Sie DAS schaffen, werden Sie die Unterstützung meiner Regierung haben!“

Martine Reicherts, Direktorin des Amts für Veröffentlichungen der EU, erinnert sich an einen Moment aus dem Jahr 1980, als sie und Juncker nach Abschluss des Jurastudiums in Luxemburg gemeinsam eine ergänzende juristische Ausbildung besuchten. Reicherts: „Juncker war bereits als Parteisekretär der CSV tätig und offensichtlich mit der Parteiarbeit so sehr beschäftigt, dass der Leiter der Ausbildung bereits drohte: ‚Wir werfen Dich, Jean-Claude, wegen mangelnder Anstrengung raus!“

Es sind solche authentische Schilderungen, die den Reiz dieses Buches ausmachen. Die Aussage von Martine Reicherts etwa illustriert: Schon in der Anfangszeit zeigte sich der Vollblutpolitiker, der den Rauswurf aus einer Zusatzausbildung in Kauf nahm, nur um gute Parteiarbeit leisten zu können. Wallinger über den Ansatz, Prominente von ihrer Begegnung mit einer exponierten Persönlichkeit wie Juncker erzählen zu lassen: „Um einen gewissen Typ von Menschen zu verstehen, reicht es zu beschreiben, für welche Tätigkeit er sich interessiert und für welche nicht und wie er sich in gewissen Begegnungen und Situationen verhält. Eine 1.000-seitige Charakterexpertise erspart man sich damit oft.“

Guy Daleiden, 1. Vizepräsident der Demokratischen Partei, verrät in dem Buch Folgendes: „Einmal klagte Juncker in einem Gespräch darüber, dass einer meiner Freunde, zudem ein ranghoher Beamter im Finanzministerium, ihm das DU verweigere - mit der Begründung, er habe zuviel Respekt vor dem Premier- und Finanzminister. ‚Für wen hält der sich eigentlich, dass er mich nicht duzen will?‘ fragte ein sichtlich irritierter Jean-Claude Juncker, der für seinen direkten, kameradschaftlichen Umgangston bekannt ist und für den das SIE sozusagen ein Fremdwort ist.“

Interna aus Koalitionsverhandlungen

Natürlich kommen in dem Buch auch Interna aus Koalitionsverhandlungen ans Tageslicht. 2004 ging es beispielsweise um die 0,0-Promillegrenze. Etienne Schneider als damaliger Fraktionssekretär der LSAP machte die Verhandlungspartner darauf aufmerksam, dass es ein Leichtes sei, sich für die 0,0-Promillegrenze einzusetzen, wenn man über eine permanente Fahrbereitschaft verfüge.

Man solle aber bitte auch an die überwiegende Zahl der Bevölkerung denken, die ohne Fahrer leben muss und trotzdem gerne einmal ein Bier trinkt. Daraufhin sagte Juncker lachenden Mundes: „Etienne, ich würde dafür sorgen, dass Du auch einen Fahrer erhältst, damit Du Ruhe gibst.“

Christiane Wickler, Direktorin des Pall Center, kennt nicht nur den Premier sondern auch seine Eltern: „Jean-Claude Juncker ist auch ein Sohn besonders stolzer Eltern. Wir hatten öfters das Glück und die Ehre, Mutter und Vater Juncker in unserem Restaurant in Oberpallen mit Bouchée à la reine zu bedienen. Dieses nette ältere Ehepaar erzählte mir von den Sorgen, die sich beide über ihren Sohn machten, verurteilte heftigst die verbalen Attacken, denen er ausgesetzt war und führte aus, dass er sehr viel arbeite (…) Auch heute, denke ich, tut es Jean-Claude Juncker noch immer gut, seinen Eltern zuzuhören. Die Ehrlichkeit der Eltern ist wohl die beste Energie, die so einen erfahrenen Staatsmann antreibt.“

Welche luxemburgische Persönlichkeiten finden sich sonst in dem Buch, das im März 2013 erscheinen wird?

Zum Beispiel Pit Hentgen, Generaldirektor der La Luxembourgeoise-Versicherung. Er berichtet von seiner Begegnung mit Juncker am 22.Mai 2009 in der Marx-Bar in Hollerich. Oder Frank Wagener, Verwaltungsratspräsident der BIL. Er kennt Juncker seit 40 Jahren und schildert eine peinliche Situation „an einem Samstagmorgen in Belval“ zusammen mit dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder und dem luxemburgischen Premier. Oder Georges Lentz Jr., Mehrheitseigentümer der Brasserie Nationale/Bofferding. Er verrät, wie die Lieblings-Biermarke von Juncker heißt (nein, nicht Bofferding).

Kritische Töne

Übrigens: Von den Prominenten werden in dem Buch auch einige kritische Themen angesprochen. Etwa die interessante Frage im Rahmen der anstehenden Sanierung der Staatsfinanzen, ob Juncker ein ‚Austeritäts-Politiker“, ein „Rigueur-Politiker“ oder gar nichts von beidem ist.

Oder die Bemerkung: „Es gibt in Luxemburg nur wenige Politiker von seinem intellektuellen Format. Aber er ist verwundbar an der Stelle, dass er populär sein will.“ Dass in dem Buch auch kritische Töne vorkommen dürfen, ist durchaus im Sinne der Herausgeber, die sich als „neutral und unabhängig“ verstehen. Sie freuen sich darüber, dass Prominente auch heikle Themen wie „Reformbedarf in Luxemburg“ ansprechen und dafür schöne bildhafte Formulierungen finden wie etwa: „Il faut secouer le cocotier!“

Zum Schluss eine weitere Geschichte aus dem „Buch für alle, die Juncker mögen oder nicht mögen“, wie die Herausgeber ihr Projekt bezeichnen.

Wieder von Rolf Tarrach, dem Rektor der Universität Luxemburg: „Im Jahr 2009 sollte ich einen Vortrag halten. Einen Tag davor rief mich der Veranstalter an und sagte mir, Juncker würde an meiner statt sprechen.

Das könne ich wohl verstehen, aber als Trost würde ich mittags neben ihm sitzen. Beim Essen gab es Pilze. Ich erzählte ihm vom Cortinarius orellanus, der unauffällig nach ein oder zwei Wochen tötet. Ich sagte ihm, ich wisse nicht, ob es ihn in Luxemburg gäbe. Daraufhin sagte Juncker: Wenn es ihn gibt, könnte er mir ja bei meiner nächsten Regierungsumbildung nützlich sein.“