CHRISTINE MANDY

Über die Mauer, die zwischen uns steht

Ovid erzählt in seinen „Metamorphosen“ die tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe, die unter anderem den Stoff für die berühmte Tragödie von Shakespeares „Romeo und Julia“ liefert. Es geht dort um ein junges Liebespaar, das sich aufgrund der Feindschaft der Eltern nicht sehen darf, und nur durch einen Spalt in der Mauer, die sich zwischen ihren Häusern befindet, miteinander reden kann. Am Ende überwinden sie zwar das Hindernis, indem sie ein geheimes Treffen außerhalb ihres Grundstücks vereinbaren, kommen dann aber durch tragische Umstände zu Tode. Ihre Asche wird von ihren Eltern in dieselbe Urne gestreut, so dass sie im Tode schlussendlich vereint sind.

Irgendwie beschleicht uns ja das Gefühl, dass die Geschichte sich in unserer Generation, der Generation „beziehungsunfähig“, wiederholt. Es scheint, als sei Freundschaft heute zu einem Mittel zum Zweck degradiert, nämlich dem Zweck, dieses und jenes nicht alleine machen zu müssen. Ähnlich verhält es sich in der Liebe. Enge Bindungen werden unterbunden, so als ob sich eine Mauer zwischen uns befinden würde. Nur ist diese nicht materieller Art und sie lässt sich auch nicht einfach mit einem Bagger einreißen. Vorher muss erst geklärt werden, wer sie errichtet hat. Sind wir es selbst gewesen, waren es unsere Vorfahren oder ist sie wie deus ex machina in der heutigen Gesellschaft entstanden?

Ein Mangel an Begabung?

Nun ist es aber wohl kaum anzunehmen, dass die Fähigkeit, enge Bindungen einzugehen, eine Sache ist, die uns von der Natur gegeben ist, oder eben nicht; dass die Bereitschaft, Freundschaften zu knüpfen, ein Art Talent ist. Ein Talent, das in unseren Zeiten wohl nicht gebraucht wird, da wir mit ihm nicht in einer Talentshow auftreten und berühmt werden können. Es kann nicht zur Schau gestellt werden. Wenn es nun tatsächlich ein Talent wäre, so gäbe es keine Aussicht auf Besserung, da man nur bedingt etwas entwickeln kann, wofür einem schlicht und ergreifend die Veranlagung fehlt. Bequem wäre diese Erklärung allemal, da es sich in dem Fall einfach um ein unergründliches Phänomen der heutigen Gesellschaft handeln würde, ohne dass jemandem die Verantwortung zugeschrieben werden müsste.

Einige sind allerdings auch der Ansicht, dass es keine Sache der Veranlagung ist, sondern dass wir es ganz einfach verlernt haben. Schuld daran seien wir selbst, da wir uns einfach gegenseitig beeinflusst hätten, bis die Mehrheit der Gesellschaft irgendwann so geworden sei und sich nun niemand mehr traue, von der Norm abzuweichen. Was zudem nichts bringen würde, weil eine Beziehung ja nicht mit sich selbst eingegangen werden kann …

Zu viel Ablenkung

In meinen Augen ist aber auch diese Erklärung nicht ganz zufriedenstellend. Meiner Ansicht nach gibt es eine Vielzahl an Ursachen, für die wir längst nicht alle selbst verantwortlich sind. Da wären beispielsweise die sozialen Netzwerke. Jeder kann heute mit jedem in Kontakt treten. Die Folge ist, dass wir alle austauschbar werden. Hat der eine keine Zeit, wird eben jemand anderes kontaktiert. Hauptsache, es ist jemand da. Zeit ist sowieso ein wichtiges Stichwort.

Jeder hat mehr soziale Kontakte als je zuvor und die eigene Freizeit muss unter all diesen Kontakten aufgeteilt werden. Da bleibt für jeden einzelnen nicht mehr viel vom Kuchen übrig, der in unserer Turbo- Gesellschaft ohnehin sehr geschrumpft ist. Der beständige Blick auf die Uhr tut dem Zusammenleben nicht gut, der prüfende Blick aufs Handy, ob sich nicht jemand anderes gerade noch gemeldet hat, auch nicht.

Fehlende Vorbilder

Ferner muss man sich fragen, wo denn die Generation „beziehungsunfähig“ sich ihr Verhalten abgeschaut hat. Diese Frage wirft den Verdacht auf, dass das Phänomen wohl schon länger präsent ist und sich nur verschlimmert hat. Vielleicht fehlt uns ja ein gutes Vorbild, wenn wir in Kinderkrippen aufwachsen und als Scheidungskinder immer zwischen Mama und Papa hin- und hergeschoben werden. Zusammenleben kann man nicht. Man lernt es.

Wir sollten auch wieder lernen, offen über Probleme, Ängste, Wünsche und Bedürfnisse sprechen zu können, Kompromisse einzugehen und zu vergeben, anstatt jeder Diskussion und jedem Problem schon im Vorfeld den Rücken zuzukehren und es präventiv zu vermeiden, in dem wir auf Distanz gehen. Das geht in unserer heutigen medialen Textwelt noch viel einfacher. Unserem Gegenüber wird einfach nicht mehr auf seine Textnachrichten geantwortet und schnell wird er aus der Kontaktliste gelöscht. Uff, Problem gelöst! Da die soziale Interaktion zudem nur in einem virtuellen Rahmen stattgefunden hat, ist es, als hätte es den Kontakt nie gegeben. Doch im Gegenteil ist das keine Lösung, sondern vielmehr Resignation!

Wieso sind wir nun also die Generation „beziehungsunfähig“? Vielleicht, weil wir innerlich längst resigniert haben und uns damit abgefunden haben, dass von der sogenannten Seelenverwandtschaft heute nicht viel mehr übrig geblieben ist, als der kitschige Stoff eines Liebesromans. Aber möglicherweise gibt es ihn ja doch noch, den Spalt in der Mauer, so dass Pyramus und Thisbe auch im 21. Jahrhundert wieder zueinanderfinden - diesmal hoffentlich schon im Diesseits!