CHRISTINE MANDY

Leon*, ein junger Mann, den ich nicht persönlich kenne, schreibt mir, dass er einen Artikel von mir gelesen hat. Schnell verstricken wir uns in eine Diskussion, sprechen ab einem gewissen Zeitpunkt auch privatere Themen an und irgendwann haben wir das Gefühl, uns schon ein bisschen zu kennen. Doch was bedeutet das überhaupt, dass wir uns jetzt kennen? Wie würden wir reagieren, wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünden? Wie sehr nimmt das, was in den sozialen Netzwerken passiert, Einfluss auf die Wirklichkeit?

Blind und taub

Zunächst bleibt fraglich, ob die Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit und dem Medium virtuelle Textnachricht überhaupt Sinn macht. Wieso sollte das Internet nicht Teil unserer Wirklichkeit sein? Andererseits unterscheidet sich diese Art der Kommunikation durchaus von der „face-to-face“-Situation. Wir erhalten keine visuellen Daten - außer natürlich dem Text selbst, den wir mit unseren Augen lesen - und ebenso fehlt der akustische Eindruck. Zudem existiert keine Unmittelbarkeit, sondern eine räumlich-zeitliche Distanz. All das trägt dazu bei, dass die virtuelle Textnachricht weniger greifbar erscheint, als die direkte, verbale Unterhaltung oder das Telefongespräch. Die Empiristen behaupten, dass unsere Erkenntnis wesentlich von unserer sinnlichen Wahrnehmung abhängig ist und wenn nun gerade unsere wahrscheinlich wichtigsten Sinne, das Sehen und das Hören, auf die wir immer vertrauen, nicht beteiligt sind, so könnten wir uns tatsächlich fragen, wieviel Wirklichkeit in einer Whatsapp-Nachricht steckt.

Distanziertes Folgen eines Schemas

Es muss nicht nur hinterfragt werden, wie authentisch die Nachricht an sich ist, sondern auch, wie sehr es das Verhalten von Sender und Rezipient ist. Ich habe Bekannte, von denen ich, wenn kein Medium zwischen uns steht, einen ganz anderen Eindruck gewinne, als in den sozialen Netzwerken. So, als hätte ich es mit zwei völlig verschiedenen Menschen zu tun. Ich führe das auf zwei Hauptursachen zurück. Einerseits führt die Raum-Zeit-Distanz dazu, dass Menschen sich trauen, Dinge zu sagen, die ihnen andernfalls nie über die Lippen kommen würden. Sie wissen, - und das ist im Grunde ziemlich unfair dem Rezipienten gegenüber - dass der Empfänger nicht unmittelbar reagieren kann und selbst wenn er es könnte, würde seine geballte Faust nicht durch den Bildschirm dringen.

Die physische Welt bleibt vom Gespräch unberührt, eine körperliche Reaktion, sei es im Guten durch eine Umarmung oder im Schlechten durch Gewalt, ist unmöglich. Der Sender wägt sich in Sicherheit. Die zweite Ursache ist die Feststellung, dass virtuelle Texte zusehends konventionalisiert sind und sich in ein Schema pressen lassen. Das bedeutet, dass unsere virtuellen Texte sich immer ähnlicher werden, was wohl auch an ihrer verhältnismäßigen Kürze liegen dürfte. Dieses Phänomen wird durch die Smileys und Emoticons noch weiter verstärkt. Es gibt Nachrichten, auf die antworten wir nur mit einem nach oben zeigenden Daumen oder einem Affen, der sich die Augen zuhält und wir imitieren dieses Verhalten von anderen. Im verbalen Gespräch allerdings ist das Spektrum an Antwort- und Reaktionsmöglichkeiten weitaus größer und aus dem, was wir tun und erwidern, lassen sich demnach viel eher Rückschlüsse auf unseren individuellen Charakter ziehen, als aus der Wahl unserer Smileys, von denen nur etwa ein Dutzend häufig verwendet wird.

Mehr menschliche Nähe

Letztlich müssen sich die Kommunikationspartner wohl darauf einigen, wie sie ihre virtuelle Unterhaltung bewerten und wie sehr es den Aufbau von Freundschaften, das Ausfechten eines Streits oder das Führen einer Liebesbeziehung beeinflusst. Denkt man an Donald Trump, an „Cyberbullying“ oder „Cybergrooming“, so scheinen die Interaktionen in den sozialen Netzwerken sehr wohl in die Realität getragen zu werden. Auch können sich Menschen anscheinend über das Internet verlieben. Und - so absurd es auch scheint - wer sich über Facebook streitet, spricht auch im „wirklichen Leben“ womöglich kein Wort mehr miteinander.

Andererseits ist nicht jede auf Facebook und Instagram hochgepriesene, zur Schau gestellte Freundschaft, eine echte und ehrliche und nicht jeder Mensch, der uns mit seinen wunderbaren Worten beeindruckt vermag uns auch in verbalen, direkten Gesprächen um den Finger zu wickeln. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Es gibt Menschen, die hervorragende Redner sind, aber ihre Worte nicht auf das Papier - bzw. den Bildschirm - bringen können.

Sicher ist nur, dass ich mir manchmal etwas mehr Nähe und Direktheit wünschen würde. So sehr ich das Schreiben auch liebe, wäre es mindestens so reizvoll, von Haus zu Haus zu ziehen, den Menschen, die normalerweise unsere Leser wären, persönlich und mündlich die Botschaft unserer Artikel zu überbringen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, uns, den Journalisten und Kolumnisten, jederzeit Paroli zu bieten, uns in die Augen zu sehen und mit uns zu diskutieren. Wünschenswert wäre die Intimität zwischen zwei Menschen, nicht die zwischen den leblosen Bildschirmen.

Von Leon* habe ich lange nichts mehr gehört, unsere Unterhaltung habe ich gelöscht. Bleibt nun etwas übrig, von uns?

*Name von der Redaktion geändert