COLPACH/LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Ins Schloss von Colpach soll eine Bildungseinrichtung kommen

Spinnweben umgeben die schlichte Holztür, durch die wir ins Innere des Schlosses von Colpach gelangen. Es ist düster hier an diesem wolkenverhangenen Septembermorgen, denn die Beleuchtung wurde bereits vor Jahren abgeschaltet. Das fahle Licht fällt in Räume, in denen einige Stellen mit Spanplatten abgedeckt sind, welche die wunderbaren Holzarbeiten darunter schützen. Räume, in denen sich jahrzehntelang Patienten nach schweren Krankheiten erholten. Und zwischen dem Ende des 19.Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Künstler, Schriftsteller, Politiker und Wirtschaftslenker aus aller Welt ein-  und ausgingen. Wir sind an einem geschichtsträchtigen Ort, an dem auch Geschichte geschrieben wurde. A propos Geschichte: Eine Wehranlage am Lauf d er Colpach wurde erstmals Anfang des 14. Jahrhunderts in historischen Quellen erwähnt. 1747 entstand hier ein Herrenhaus, dessen aufeinanderfolgende Besitzer mehrere Ausbau- und Umänderungsphasen veranlassten. Zu einem „Lustschloss“ wurde das Haus in den 1870ern, als Baron Edouard de Marches, Herr von Guirsch (bei Arlon) einen Park anlegen ließ. Was zuvor vor allem als Gehöft verwaltet wurde, wurde nach und nach zu einem beliebten Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft aus Luxemburg und aus der ganzen Welt. Künstler gingen hier ein und aus wie etwa der ungarische Maler Mihály Munkácsy. Er sollte nach dem Tod des Baron de Marches 1873 dessen Witwe Marie-Anne Cécile Papier ehelichen. Das Paar war in den mondänen Pariser Salons zuhause.
Im Sommer hielten sie sich aber meist in Colpach auf, wohin sie illustre Gäste einluden, wie etwa den Komponisten Franz Liszt, der hier vom 5. bis 20. Juli 1889 weilte, wie eine Gedenkplakette am Eingang des Schlosses verrät.


Die Ära Mayrisch und der „Esprit de Colpach“


An Munkácsy und Liszt erinnern heute noch Gedenkplaketten an der Fassade. Den Platz des Anwesens als weit über die Grenzen hinaus bekannten Kultur-Hotspot festigten aber vor allem die Mayrischs. ARBED-Direktor Emile Mayrisch erwarb das über einige Jahre leer stehende Anwesen1917. Der Maler und Architekt Sosthène Weis baute die Anlage für ihn im neobarocken Stil aus.
Der Schlosspark füllte sich mit Skulpturen renommierter Künstler.
Emile Mayrisch und seine Gattin Aline, die unweit des Herrenhauses begraben liegen, empfingen hier Autoren, Komponisten, Wissenschaftler, Wirtschaftslenker und Politiker. Mehrere Vereinigungen versuchen heute noch das Erbe des nach ganz Europa ausstrahlenden „Esprit de Colpach“ hochzuhalten. Aber zurück zum Gemäuer an sich, das Aline Mayrisch 1947 dem Roten Kreuz vermachte und 2002 als nationales Monument klassiert wurde. Schon damals drängte sich die Frage auf, was aus dem Gebäude werden soll, das den modernen Normen der Gesundheitsversorgung immer weniger entsprach. Weshalb sich das Rote Kreuz dazu entschied, ein modernes Konvaleszenzzentrum gleich nebenan zu bauen, das 2010 seine Türen öffnete und mit dem neuen Spitalgesetz von 2018 als „Centre de Réhabilitation physique et post-oncologique“ Teil der Spitalinfrastrukturwurde.
Bei den Plänen für das neue Zentrum sei bereits eine Anbindung an das Herrenhaus geplant gewesen, sagt Michel Simonis, der Generaldirektor des Roten Kreuzes. Auch Pläne zur Renovierung habe es über die Jahre immer wieder gegeben. Allerdings müssten einige Millionen dafür aufgewendet werden und die Organisation suchte Partner, um das zu stemmen. Immer mit dem Ziel, das Gebäude einem Zweck zuzuführen, der auch den humanitären, medizinischen und sozialen Zielen des Roten Kreuzes entspricht.
Heute zeichnet sich ab, dass das Schloss von Colpach ein Berufsbildungswerk beherbergen wird – wobei im Erdgeschoss die Cafeteria des Rehabilitiationszentrum untergebracht werden soll - und ganz in der Nähe auch ein Internat entstehen soll.
Konkret geht es darum, vor allem Jugendliche bei ihrer Vorbereitung auf den Eintritt ins Berufsleben unter die Arme zu greifen und zu vermeiden, dass sie die Schule abbrechen. Eine Arbeitsgruppe von Rotem Kreuz und Bildungsministerium befasst sich bereits seit geraumer Zeit mit der konzeptuellen Ausrichtung, die vor der Reife steht, wie uns aus dem Bildungsministerium versichert wird. „Das Konzept steht auf der Schiene“, sagt Gilles Dhamen, der Leiter des „Service de l’aide à l’enfance et à la famille“. Wobei es auch woanders replizierbar sein soll. Wann es nun aber konkret mit den Renovierungsarbeiten am Schloss losgehen kann, steht auf einem anderen Plan. Hier muss nämlich gemeinsam mit dem „Service des sites et monuments“ ein Konzept erarbeitet werden.