ESCH/ALZETTE
SIMONE MOLITOR

Programmvorstellung im Escher Theater: humorvoll, engagiert und kreativ

Die Freude über die langsame Rückkehr zur Normalität ist auch im Kultursektor groß. Als eines der ersten Häuser hat gestern das Escher Theater sein Programm für die nächste Spielzeit vorgestellt. „Wenn eine Stadt ihr Theater schließen muss, ist das, als hätte sie ihre Seele verloren. Wir sind froh, heute wieder in einem geöffneten Theaterhaus zu sitzen“, sagte Kulturschöffe Pim Knaff. Nachdem die Regierung den Kulturinstitutionen grünes Licht für die Wiedereröffnung gegeben hätte, sei die Arbeit am Programm sofort intensiviert worden. „Es ist wichtig, zu zeigen, dass das Kulturleben wieder anläuft, auch wenn wir uns wahrscheinlich noch ein paar Monate mit einer Reihe an Restriktionen herumplagen müssen. Aber die Kultur ist wieder da, sie ist wieder lebendig“, freute er sich.

Zwei neue Kulturorte in Esch

In der Südmetropole steht auf kultureller Ebene viel Arbeit an. Bekanntlich wird das frühere Kino Ariston gerade in eine zweite Theaterbühne umgewandelt, die sich besonders dem Kinder- und Jugendtheater verschreiben und pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr 2022 spielbereit sein wird. Wie ebenfalls mitgeteilt wurde, habe der Schöffenrat entschieden, das ehemalige Arbed-Direktionsgebäude in der Avenue des Terres-Rouges, das derzeit Luxcontrol gehört, zu kaufen. „Da es sich direkt neben dem Musikkonservatorium befindet, bietet sich die Möglichkeit, dieses zu vergrößern. Im Erdgeschoss wird ein modernes, analoges und digitales Museum für Industriekultur eingerichtet. So wird die kulturelle Vielfalt in Esch noch mehr gefördert“, informierte Knaff.

Lösungen für ausgefallene Stücke

„Bühnenkunst steht ganz klar für eine gemeinsame Zeit, die Künstler mit dem Publikum teilen. Es ist ein einzigartiger Moment, und wir sind alle froh, dass wir solche Augenblicke in den nächsten Monaten wieder zusammen genießen können“, sagte ihrerseits Theaterdirektorin Carole Lorang. Den Großteil der wegen Covid-19 ausgefallenen Gast-Produktionen hätte man auf einen späteren Zeitpunkt verlegen können. Auch was die eigenen Produktionen oder Koproduktionen anbelangt, hätte man Lösungen gefunden. „Es war uns wichtig, solidarisch zu sein und einen gemeinsamen Weg zu finden. Es war nie eine Option, eine Produktion einfach fallen zu lassen und zur nächsten überzugehen“, bemerkte sie.

Insgesamt 53 Spektakel stehen in der neuen Spielzeit auf dem Programm, darunter 17 Kreationen oder Neubearbeitungen. 81 öffentliche Vorstellungen sind geplant, 55 sind Schulklassen vorbehalten. Um den Leuten den Weg zurück ins Theater zu erleichtern und den Startschuss in die neue Saison besonders zu markieren, werden am ersten Oktoberwochenende Tage der offenen Tür organisiert. „Wir werden eine ganze Reihe kleiner Theaterformen zeigen und zwar überall im Gebäude, vom Keller bis zur Hauptbühne. Dort ist etwa mit ,The Roots‘ eine Ode an den Hip-Hop geplant“, listete die Direktorin auf. Dieses Tanzgenre möchte sie ohnehin in Esch fördern.

Humor in all seinen Facetten

Eine besondere Rolle wird erneut Humor in seinen verschiedenen Formen spielen. „Wir werden Künstlern eine Bühne bieten, die über den Humor mit dem Publikum kommunizieren und die immer in dem Tragischen auch etwas Komisches sehen. Eine Referenzperson in diesem Kontext ist Buster Keaton. Er erinnert uns daran, dass wir tragisch-komische Wesen sind, dass wir immer wieder an unsere Grenzen stoßen und es manchmal schwer fällt, wieder aufzustehen. Der Mensch steht in diesen Produktionen im Mittelpunkt, kämpft gegen seine soziale Situation, ist in seinem Alltag gefangen“, erläuterte Lorang. Isolation im Alter ist etwa Thema des bewegend-poetischen Stücks „Monsieur X“ (17.11), in dem Pierre Richard allein auf der Bühne steht. Derweil beschäftigt sich Yoann Bourgeois in der Koproduktion „les paroles impossibles“ (18.+19.12) mit der Angst, vor dem Publikum zu stehen und zu reden. Eine Hymne an Buster Keaton gibt es später in der Saison mit dem Kino-Spektakel „Buster“ (11.05) von Mathieu Bauer.

Antihelden und engagiertes Theater

Ein anderer Programmschwerpunkt befasst sich mit der Figur des Antihelden, sei es im klassischen oder zeitgenössischen Theater. Klassiker wie „Le menteur“ (21.02) von Corneille, Goethes „Werther“ (7.02) oder „Mère coupable“ (2.03) von Beaumarchais stehen ebenso auf dem Programm wie die Hausproduktion „Pas un pour me dire merci“ (20., 23. + 25.04), geschrieben von Jean Bürlesk und inszeniert von Renelde Pierlot. Ein anderer Aspekt, der für Carole Lorang von großer Bedeutung ist, ist der des engagierten Theaters in verschiedenen Formen. Nennen kann man hier „Voir la feuille à l’envers“ (3.+4.10), in dem ältere Menschen und Personen mit einer Behinderung thematisiert werden. Auch das Kabarettstück „Si mer nach ze retten?“ (13.+18.10 sowie 4.+5.05) fällt in diese Kategorie. „Politisches Kabarett würde ich gerne in Esch zur Tradition machen. Das Ariston würde sich dafür anbieten“, merkte die Theaterleiterin an. „Noire“ (2.02) nach dem Roman „Noire, la vie méconnue de Claudette Colvin“ von Tania de Montaigne greift derweil die Rassendiskriminierung in den 1950er Jahre auf. „Hannah Arendt auf der Bühne“ (23.02) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Marion Muller-Colard hätte indes bereits in dieser Saison aufgeführt werden sollen. „Calimero“ (25.03) inspiriert sich an #MeToo, aus Sicht von 50-jährigen weißen Männern. Die zweite Ausgabe des Festivals „Queer Little Lies“ findet vom 12. bis 13. November statt.

Tanz, junges Publikum und eigene Kreationen

Tanzstücke wie „Boxe Boxe Brasil“ (25.11) oder „The Great He-Goat“ (5.03) sind ebenfalls im Angebot, genau wie das Zirkusstück „Speakeasy“ (7.05). Das junge Publikum darf sich auf zwölf Stücke freuen. Was die eigenen Kreationen anbelangt, so kann noch die Koproduktion mit dem CAPE „Was heißt hier Liebe?“ (11.11) erwähnt werden: ein Aufklärungsstück aus den 70er Jahren, an die heutige Zeit angepasst von Samuel Hamen und inszeniert von Nickel Bösenberg. Eine weitere Koproduktion mit dem Ettelbrücker Kulturhaus nennt sich „3x20“: ein Tanzmusikstück unter der künstlerischen Leitung von Pascal Schumacher und Jean-Guillaume Weis. „Es ist uns wichtig, nachhaltig zu produzieren. Das heißt, nicht zu viel zu produzieren, dafür aber gute Bedingungen zu bieten und darüber hinaus ein kleines Repertoire aufzubauen, aus dem wir schöpfen können. Die Stücke können so nach ein paar Jahren wieder aufgenommen werden und in überarbeiteter Form gezeigt werden, statt sie nach drei oder vier Mal Vorstellungen zu vergessen“, sagte Carole Lorang.

Vier eigene Kreationen wird das Theaterhaus indes zur Kulturhauptstadt Esch2022 beisteuern und darüber hinaus zwischen sechs und acht Produktionen von anderen Projektträgern unterstützen.

Was die aktuelle Saison anbelangt, so steht am 14. Juli ein Konzert mit Sascha Ley und Véronique Nosbaum an, derweil am 17. Juli der „Concours national de la danse“ im Theaterhaus abgehalten wird, allerdings ohne Publikum. Das Kindertheaterstück „Elektrische Schatten“ soll auch noch vor der Sommerpause aufgeführt werden.

Das ganze Programm unter www. theatre.esch.lu