LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Hornhauttransplantation - ein winziges Stück Gewebe für klaren Durchblick

Blindheit – ein furchtbares Schicksal. Für fast alle ist es eine Horrorvorstellung, nichts oder kaum noch etwas zu sehen. Doch in etlichen Fällen kann geholfen werden – dann spricht man einer „reversiblen Blindheit“. Die bekannteste Krankheit ist der „graue Star“, die Trübung der Linse, die schon früh mit dem „Linsenstechen“ behandelt wurde. Auch die Erkrankungen der Hornhaut sind heilbar, die Hornhaut ist  Windschutzscheibe des Auges, sie kann mechanisch beschädigt werden, ist im üblichen Rahmen anfällig für Krankheiten und kann genetisch bedingt degenerieren. Dann hilft eine Hornhauttransplantation, eine der ältesten Transplantationstechniken – wenn genügend Hornhäute von verstorbenen Spendern vorhanden sind. Um das zu ermöglichen, gibt es sogenannte Hornhautbänke.

Foto: PW - Lëtzebuerger Journal
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Die Hornhautbank

Vor der Hornhauttransplantation steht erst einmal die Frage nach einer Hornhautspende. Wir wissen alle, dass es zu wenige Organspender und zu viele Patienten gibt, die vergeblich auf ein Organ warten.

An dieser Stelle muss dann gleich mit einem Irrtum aufgeräumt werden: Eine Hornhautspende ist keine Organ- sondern eine Gewebespende, deren gesetzliche Hürden nicht ganz so hoch sind. Beispielsweise entfällt die Frage nach dem Hirntod, der für das Spenden von - noch durchbluteten - Organen so wichtig ist. Im Gegensatz zu einem Spender „solider Organe“ kann ein Hornhautspender friedlich im Kreise seiner Familie sterben. Die Hornhaut kann noch etliche Stunden nach dem Tod entnommen werden und es wird wirklich nur die Hornhaut entnommen. Diese Umstände machen die Hornhautspende emotional einfacher, was gegenüber herkömmlichen Organspenden auch zu einer höheren Spendenbereitschaft führt. Dennoch beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf Spenderhornhaut ein Jahr.

Die relative Einfachheit des Gewebes „Hornhaut“ macht es möglich, dass sie gelagert, gesammelt und katalogisiert werden kann. Seit 2000 besteht in Homburg die Lions-Hornhautbank, die für etliche Jahre nur in zwei Kellerräumen der Augenklinik untergebracht war und nun, dank einer Privatspende über 1,2 Millionen Euro und einer Lions-Zuwendung von 100.000 Euro, innerhalb der Augenklinik und des neueröffneten „Klaus Faber Zentrums für Hornhauterkrankungen“ ganz neue Räume inklusive von Reinräumen beziehen konnte. Rechtlich ist Spenderhornhaut, da „nur“ Gewebe, ein Arzneimittel. Der Betrieb einer Hornhautbank unterliegt den Vorschriften des Arzneimittelrechts und wird strengen Prüf- und Genehmigungsverfahren unterzogen. Die Leiterin der „Bank“, Dr. Mona Bischoff-Jung ist daher hauptsächlich mit „regulatorischen Prozessen“, soll heißen Normen und Vorschriften, beschäftigt.

Für 2018 konnte die Lions-Hornhautbank eine Anzahl von 870  gelagerten und bearbeiteten Hornhäuten aufführen. Auch wenn fast 300 Hornhäute nicht verwendet werden konnten, wurden in Homburg 2018 542 Hornhautransplantationen aus dem Bestand der Hornhautbank vorgenommen.

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Die Schutzscheibe

Wieso der äußerste Teil des Auges, die Windschutzscheibe, nun ausgerechnet Hornhaut heißt, ist eine etymologische und keine medizinische Frage. Auf jeden Fall ist dieses winzige Stück durchsichtiges Gewebe mit dem martialischen Namen zwischen elf und zwölf Millimetern breit und nur einen halben (!) Millimeter dick, dennoch besteht sie aus fünf Schichten.

Durch Krankheit kann sich die Hornhaut, die nicht nur Schutz bietet, sondern auch einen Teil des Lichts bricht, verkrümmen oder eintrüben – bis hin zur Erblindung. Aber schon in den Vorstadien wird die Sicht immer schlechter, insbesondere bei Dämmerung und Nacht. Die Hornhaut kann aber auch durch einen Unfall verätzt werden oder aufgrund einer genetischen Disposition mit zunehmendem Alter degenerieren. In allen Fällen kann eine Hornhauttransplantation helfen.

Zu den häufigen Verursachern von Krankheiten der Hornhaut gehört der Herpes-Virus. Die Hornhaut ist aber auch für Pilze und Amöben anfällig. Prof. Dr. Berthold Seitz, der Direktor der Augenklinik, sprach dem „Journal“ gegenüber davon, dass Erreger von Augenkrankheiten, die bisher nur in den Tropen oder Subtropen beobachtet wurden, nach Norden wandern.

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Freie Sicht von Luxemburg nach Homburg

Die Verbindungen zwischen der Lions-Hornhautbank an der Universitätsklinik in Homburg/Saar und Luxemburg sind vielfältig. Zunächst konnte die Hornhautbank im Jahr 2000 durch die Lions-Clubs Saar-Lor-Lux, Trier/Westpfalz finanziert und gegründet werden, auch bei der aktuellen Erweiterung steuerten die Lions 100.000 Euro zum weiteren Ausbau der „Lions-Hornhautbank“ bei.

Wurden Patienten früher nur von Luxemburg aus nach Homburg überwiesen, entstanden 2010 auf Initiative von Lea und Claude Hemmer zunächst lose Kontakte zum Thema Hornhautspender. Erste Treffen im Gesundheitsministerium führten dann 2012 zur intensiven Zusammenarbeit mit der Lions-Hornhautbank in Homburg. Zunächst mit einer Klinik, dann mit mehreren. Zu den luxemburgischen Partnern gehören das Centre Hospitalier, die „Hôpitaux Robert Schuman“ und das CHEM. Um eine vorschriftsmäßige Entnahme der Hornhaut eines Spenders zu gewährleisten, werden medizinisch-technisch Assistenten/innen, Pfleger oder Krankenschwestern in einem zweiwöchigen Kurs in der Augenklinik der Universität Homburg für diese spezielle Aufgabe ausgebildet. 

Laut Jahresbericht der Augenklinik wurden 2018 86 Hornhäute von luxemburgischen Spendern verpflanzt, 37 wurden von luxemburgischen Patienten empfangen. Sowohl im Jahresbericht, als auch beim Festakt zur Einweihung des neuen Klaus-Faber-Hornhautzentrums, wurde die gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Luxemburg hervorgestrichen.

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Keratoplastik – medizinische Mikrotechnik

Der medizinisch korrekte Begriff für eine Hornhauttransplantation ist „Keratoplastik“ und absolut keine Aufgabe für Grobmotoriker. Bei einer Keratoplastik wird im Millimeterbereich mit dem Kaltlaser geschnitten und das Transplantat mit Kreuzstichen (!) am Empfängerauge vernäht. In Homburg kommt die lasergestützte „Excimerlaser-Keratoplastik“ bei den in Vollnarkose liegenden Patienten zum Einsatz. Selbstverständlich wird unter einem hochauflösenden Mikroskop operiert.

 Aber es geht noch kleiner. An der Uniklinik Homburg ist man noch einen Schritt weiter gegangen und kann heute bei einer Erkrankung die nur die innerste Schichte der Hornhaut – Gesamtdicke 0,5 Millimeter -  befällt, nur diese innerste Schicht durch Spendergewebe ersetzen. Das Ganze hat den komplizierten Namen „Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty“ (DMEK) und lässt sich für uns Laien ganz platt als „Schlüssellochchirurgie im Puppenhaus“ beschreiben. Klein, kleiner, am kleinsten.

Die ausgefeilte Technik für eine Keratoplastik oder eine DMEK lernt man natürlich nicht am lebenden Objekt. Dafür gibt es in Homburg „Wetlabs“, wo an sechs OP-Mikroskopen die Operationsverfahren immer wieder an Schweineaugen trainiert werden.

Das besondere an der „Keratoplastik“ ist, dass Abstoßungsreaktionen des Körpers auf die neue Hornhaut sehr schwach ausfallen und entsprechende Medikamente nur über Wochen und nicht über Jahre genommen werden müssen. Die Patienten können Jahrzehnte mit den Transplantaten leben.

Lëtzebuerger Journal

Nicht bange machen lassen

„Ich hatte vor der Operation zunächst immens Angst“, sagt uns Lea Hemmer, „aber es war dann ganz unproblematisch.“

Lea Hemmer litt unter einer genetisch bedingten Degeneration der Hornhaut. Zunächst wurde eine gesunde Hornhaut auf das eine Auge transplantiert, sechs Monate später auf das zweite Auge.

„Ich konnte schon drei Tage später zu einem Konzert gehen.“ Die Patienten hatte aber zuvor ein Jahr auf eine Spenderhornhaut warten müssen. Nach der Operation war das „beschlagene Fenster“ wieder klar. Lea Hemmer initiierte die  Zusammenarbeit zwischen Luxemburger Kliniken und der Lions-Hornhautbank in Homburg mit.

2010 stellte sie den Kontakt mit Professor Seitz her, eine Initiative die vom damaligen Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo aufgegriffen wurde und 2012 in einen Kooperationsvertrag mündete.

Heute hat Lea Hemmer einen klaren Standpunkt: „Es besteht kein Grund, Angst (vor der Operation) zu haben!“