LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Primaner treten wieder zum Unterricht an – Gewerkschaften gehen zu „härteren Maßnahmen“ über

Maskenverteilung am Eingang, Absperrungen mit Bändchen oder Gittern, abgeschaltete Getränkeautomaten, Plexiglas-Spuckschutz: Begleitet von diesen Eindrücken sind Primaner gestern Morgen nach sieben Wochen wieder zum Unterricht im Klassensaal angetreten. Die Schüler auf den Abschlussklassen sind damit die ersten, die im Großherzogtum unter mehreren Sicherheitsvorkehrungen und in Gruppen aufgeteilt Mitschüler und Lehrer wiedersehen - wenn auch mit Sicherheitsabstand. Kommende Woche kehrt die Hälfte der Schüler der anderen Sekundarschulklassen zur Schule zurück.

Allerdings wird die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts - 96 Prozent waren präsent - auch von Kritik begleitet. Die Schülervereinigung UNEL rief gestern Schüler der Abschlussklassen dazu auf, in dieser Woche den Unterricht weiter von zuhause aus zu verfolgen, „falls sie aufgrund des Infektionsrisikos Angst und Bedenken haben, am Unterricht im Klassensaal teilzunehmen.“ In einer gemeinsamen Mitteilung reagierten UNEL und das OGBL-Syndikat SEW damit auf eine „Dialogverweigerung, fehlende Kompromissbereitschaft und Missachtung des demokratischen Miteinanders“ durch Bildungsminister Claude Meisch (DP). Sämtliche Lehrer- und Schülergewerkschaften hatten den liberalen Minister am 24. April dazu aufgefordert, auf eine Anwesenheitspflicht in dieser Woche zu verzichten. Dass der Ressortminister die Forderungen „ohne vorherigen Austausch“ verwarf, werten die Gewerkschaften als „groben Verstoß gegen die Demokratie“.

Gleichzeitig betonte Meisch gestern, dass Schüler auf den Abschlussklassen mit Konsequenzen rechnen müssten, wenn sie nicht zur Schule gehen. Wie er gegenüber Radio 100,7 betonte, liege die Entscheidung, wann eine Rückkehr zur Schule als sicher zu betrachten sei, bei der Regierung, und nicht bei Eltern und Schülern.

Laut Angaben des Bildungsministeriums waren gestern mehr als 96 Prozent der Schüler in ihrer Schule anwesend. Die Abwesenheitsrate von bis zu vier Prozent sei auch in Nicht-Covid-19-Zeiten üblich. In der Mehrheit handele es sich um gefährdete Schüler.

Die Primaner hatten darüber hinaus vergangene Woche die Gelegenheit, sich auf das Coronavirus testen zu lassen. Dieser Aufforderung sind nach Angaben des Senders weniger als 40 Prozent der Schüler gefolgt. Vier von 1.000 Schülern wurden dabei positiv auf das Virus getestet und mussten demnach zuhause bleiben.

UNEL und SEW weisen allerdings auch darauf hin, dass es für viele Abschlussklassen in der Berufsausbildung immer noch nicht möglich sei, aus Krankheitsgründen versäumte Abschlussprüfungen an einer „journée de repêchage“ nachzuschreiben.

Lëtzebuerger Journal

Gegen Schulpflicht im C1 und Klassen-Splitting

Mit Blick auf die Wiederaufnahme des Unterrichts in den Grundschule verlangen derweil die Gewerkschaften OGBL, Landesverband und die Vereinigung des Personals der Kompetenzzentren (apcca) eine „wirkliche Konzertierung“ mit den Akteuren vor Ort. „Alle Akteure der Bildung müssen in die Diskussion über die Umsetzung eingebunden werden“, heißt es in einem gemeinsamen Schreiben. „Für die Lehrer ist es sehr wichtig, dass, wenn es die sanitäre Situation erlaubt, die Schulen wieder so schnell wie möglich öffnen wie es vertretbar ist“, schreiben sie, sowohl in psychologischer Sicht für das Wohlbefinden der Kinder wie auch aus pädagogischer Sicht. Allerdings seien immer noch zentrale Fragen ungeklärt. So würden sich Kinder vor oder nach der Schule, an der Bushaltestelle oder in der Pause treffen. Auch in der „maison-relais“ kommen Kinder aus verschiedenen Schulen beisammen. „Die Vermischung, die mit immensem Aufwand in der Schule vermieden werden soll, ist in der Realität gar nicht zu verhindern“, meinen die Gewerkschafter. Sie fordern unter anderem, auf die Schulpflicht im 1. Grundschulzyklus (C1) zu verzichten und Eltern weiterhin Anspruch auf den „congé pour raisons familiales“ zu gewähren. Auch sollten Infrarot-Temperatur-Messungen morgens zur Regel werden, um Schüler oder Lehrer mit Fieber zu identifizieren und nach Hause zu schicken. Weiter sind die Gewerkschaften gegen eine Aufteilung der Klassen. Unter anderem fehle es an Personal in den Schulen und „maisons relais“. Anweisungen zur Beschulung von Kindern in den Kompetenzzentren fehlten indes bislang. In allen Fällen müssten sich die Maßnahmen nach der Sicherheit aller Betroffenen orientieren, umsetzbar und pädagogisch sinnvoll sein.

Rückhalt finden die Pläne der Regierung indes bei den „Jonk Demokraten“. Durch den Fernunterricht drohten sozioökonomische Ungleichheiten noch größer zu werden. Auch aus psychologischer Sicht und für die Entwicklung der Kinder sei die Wiederinbetriebnahme der Schulen wichtig.

Lëtzebuerger Journal