WOODSTOCK/BETHEL
LJ MIT DPA

Ein Wochenende für die Geschichtsbücher: 50 Jahre Woodstock-Festival

Tibetanische Gebetsflaggen, bunt gebatikte T-Shirts und Hunde-Anzüge, Peace-Zeichen als aufblasbare Pool-Schwimmhilfen und über all dem ein Geruch nach Räucherstäbchen: Die Tinker Street, das Zentrum des kleinen Städtchens Woodstock etwa zwei Autostunden nördlich von New York, wirkt wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das gleichnamige Festival, das am nächsten Donnerstag (15. August) vor genau 50 Jahren begann.

In allererster Linie ging es um die Musik

Dabei war Woodstock nicht in Woodstock. Der kleine Ort mit rund 6.000 Einwohnern in den Catskills, einem New Yorker Naherholungsgebiet, war zwar Namensgeber und spiritueller Pate des legendären Festivals, die Musikparty selbst aber fand rund eine Autostunde südwestlich im noch etwas kleineren Örtchen Bethel statt. Auch in Bethel finden sich hin und wieder Schilder mit Peace-Zeichen und weißen Tauben in den Vorgärten und vereinzelt Stände mit Batik-T-Shirts, der Kommerz aber wird in Woodstock abgefeiert. Der Gedenkschrein in Bethel dagegen ist eine große abschüssige Wiese mit der natürlichen Topographie eines Auditoriums am Rande des Örtchens.

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Woodstock-Mit-Organisator Michael Lang genau hier stand, gemeinsam mit Max Yasgur, Milchbauer und damaliger Besitzer der Wiese. Mehrere potenzielle Austragungsorte für das Festival in der weitläufigen Gegend um Woodstock herum hatten da gerade schlagzeilenträchtig und teils per Gericht abgesagt.

Vier Wochen waren es da noch bis zum geplanten Festivalauftakt, Bands und Bühne waren organisiert und bezahlt, mehr als 100.000 Tickets verkauft und Lang verzweifelt. Etwa 70.000 Dollar zahlt Lang dem Bauern und fängt dann hektisch mit seinem Team an, die Wiese innerhalb von nur vier Wochen in ein Festivalgelände umzubauen.

Organisator Lang stammt aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn und hatte schon einige Konzerte und kleinere Festivals organisiert, als er 1968 nach Woodstock zog. Das Land um ihn herum wird damals immer wieder von Schockwellen durchzogen, positiven wie negativen: Der Krieg in Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung und der Widerstand gegen die Trennung von weißen und schwarzen Menschen, die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy 1963 und Bürgerrechtler Martin Luther King fünf Jahre später, die Frauenbewegung, die erste Mondlandung, die Flower-Power-Hippie-Bewegung. „Woodstock wurde aus diesen Zeiten heraus geboren und dem Bedürfnis zu schauen, ob wir die Welt an unser Bild von einem mitfühlenderen und liebevolleren Ort anpassen können.“

In allererster Linie aber geht es den Organisatoren um die Musik: Nicht irgendwelche Bands sollen spielen, sondern die Besten der Besten, hauptsächlich, aber nicht nur, aus der alternativen Kultur, abseits des Mainstream: Joan Baez, Canned Heat, Janis Joplin, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Joe Cocker, Crosby, Stills & Nash (mit dem neuen Bandmitglied Neil Young) und Jimi Hendrix - sie kommen alle und prägen mit ihren Auftritten den Musikgeschmack einer ganzen Generation bis heute.

Alles läuft friedlich ab

Monatelange Planung geht dem Festival voraus, trotzdem wird es chaotisch: Der Sommer 1969 ist so regnerisch wie schon lange nicht mehr, immer wieder ziehen heftige Gewitter über das Gelände hinweg, die Wiese mit allem elektrischen Bühnen-Equipment wird zu einem matschigen Sumpf. Die Tickets hatten ursprünglich sechs Dollar pro Tag gekostet, aber als die ersten Besucher die wenigen halbfertigen Zäune in der matschigen Wiese einfach überrennen, entscheiden die Organisatoren spontan, keinen Eintritt mehr zu verlangen. So viele junge Menschen machen sich auf den Weg nach Bethel, dass die Zufahrtsstraße 17 B und die Route bis hinunter nach New York zum Dauerstau werden.

Rund 60 Stunden lang feiern schließlich knapp eine halbe Million Menschen zusammen auf der Wiese von Bauer Yasgur, rutschen durch den Matsch, baden nackt in umliegenden Flüssen und Seen, singen und schwelgen zur Musik, schlafen wenig und nehmen viele Drogen. Die Menschen liegen sich in den Armen, propagieren freie Liebe und unbeschwerten Sex. Die Atmosphäre ist familiär, Langs Eltern beobachten das Geschehen vom Bühnengerüst aus. Von den Organisatoren sorgfältig geplante Film- und Fotoaufnahmen des Festivals gehen um die Welt. Alles läuft friedlich ab: Drei Tage lang wird keine einzige Schlägerei oder irgendein anderer Gewaltakt gemeldet.

Schließlich spielt am Montagmorgen Jimi Hendrix zum Schluss seine ganz eigene Version der amerikanischen Nationalhymne. Der Geist von Woodstock aber hält nur kurz. Ein Jahr danach sterben Hendrix und Joplin, 1974 auch Bauer Yasgur. 1994 und 1999 versuchen die Organisatoren mit neuen Woodstock-Festivals zu Jubiläen nachzulegen, aber es ist nicht mehr dasselbe...  

Geplatzte Neuauflage

Woodstock-Jubiläumsfestival abgesagt

Auf der offiziellen Webseite wurden noch die Tage, Stunden und Minuten bis zum Start heruntergezählt - mit dem Versprechen, dass „der Ticketverkauf bald starten“ werde. Dabei war da eigentlich längst schon alles geplatzt: Die geplante Neuauflage zum 50. Jubiläum des legendären Woodstock-Festivals wird nicht stattfinden, wie die Organisatoren Mitte der vergangenen Woche mitteilten. „Wir sind traurig, dass eine Reihe von unvorhergesehenen Rückschlägen es unmöglich gemacht hat, das Festival aufzuziehen, das wir uns vorgestellt hatten - mit dem großartigen Line-up, das wir gebucht hatten, und dem sozialen Engagement, das wir vorgesehen hatten“, erklärte Organisator Michael Lang. Ein paar Stunden später stand es dann auch auf der Webseite: „Unser Festival ist abgesagt. Aber der Geist von Woodstock lebt weiter.“ Er sei „enttäuscht“, sagte Lang dem Magazin „Rolling Stone“. Aber auch: „Wir haben getan, was wir konnten.“ Im Januar hatte Lang, der das legendäre Festival 1969 mit organisiert hatte, seine Pläne für eine Neuauflage verkündet: Vom 16. bis 18. August wollte er in dem Ort Watkins Glen im Norden des Bundesstaates New York, etwa 200 Kilometer vom Originalschauplatz entfernt, ein Woodstock-Revival veranstalten. In den Wochen und Monaten danach wurden immer neue prominente Teilnehmer bekannt: Miley Cyrus, Jay-Z, The Killers, Imagine Dragons und The Zombies. Doch dann häuften sich die Negativschlagzeilen: Die Veranstaltungsstätte sagte ab, dann eine weitere. nvestoren und Künstler zogen sich zurück. Schließlich verkündeten die Organisatoren, das „Woodstock 50“-Festival solle in der Nähe der US-Ostküstenmetropole Baltimore stattfinden. Berichten zufolge war es zuletzt nur noch für einen Tag und ohne Eintritt geplant, das Line-Up war komplett von der Webseite verschwunden. Viele Fans hofften bis zuletzt auf eine Wiederauflage. „Gebt niemals auf! Wir wollen Woodstock“, wurde in sozialen Medien kommentiert, oder: „Gerade in diesen Zeiten brauchen wir ‚Woodstock 50‘ so dringend.“