LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Erfahrungen als Ausstellungsstücke?

Vielleicht sollte ich auf eine vegetarische Ernährungsweise umsteigen. Ich habe nämlich Angst. Angst vor der Wurst. Mir ist es schon nicht geheuer, wenn eine Sache ein Ende hat. Die Vorstellung, dass etwas zwei Enden haben könnte, überfordert mich endgültig.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Der Gedanke an das Ende verfolgt mich jeden Tag. Und damit meine ich nicht nur die Gewissheit der eigenen Vergänglichkeit. Ich meine damit, dass mir jegliche Art von Abschied schwerfällt und dass ich manchmal den Eindruck habe, in der heutigen Welt mit dieser Angst allein dazustehen. Alle scheinen das so gut zu können. Eine Sache - oder eine Person - nie so nahe an sich heran zu lassen, dass man sie für immer in seinem Leben haben möchte. Alle können loslassen. Abhaken. Alle auf der Suche, aber nicht bereit, zu finden. Ich für meinen Teil will sehr wohl finden - und behalten.

Als Beispiel kann ich mein erstes Praktikum in der „Journal“-Redaktion nennen. Als die zwei Wochen vorbei waren, verspürte ich, auch wenn es sich pathetisch anhört, eine gewisse Melancholie, die lieben Kollegen, die mich in der Zeit betreut hatten, hinter mir zu lassen und in die Arbeit, der ich mit Freude und Eifer nachgegangen war, nicht mehr eingebunden zu werden. Für einen Moment dachte ich, dass es gut sein könnte, dass ich diese Menschen nie wiedersehen würde, es sei denn, wir begegneten uns zufällig in unserem kleinen Land. Zum Glück kam es ja anders.

Aber ein ähnlicher Gedanke kommt mir nach jedem Urlaub und jedes Mal, wenn ich eine Lebensetappe hinter mich gebracht habe (Primärschule, „Lycée“ etc.).

Es hat mich bei meinem letzten Urlaub doch sehr gestört, dass einige Mitreisende schon beim Rückflug von ihren nächsten Urlaubsplänen erzählten und aus dem Hotel traten, ohne sich noch einmal umzudrehen, während ich fast in Tränen ausbrach, als ich mich von dem Kellner verabschiedete, der mir morgens immer ein Herzchen in den Kaffee gemalt hatte. Kann ja sein, dass ich sie nicht mehr alle habe. Aber letztlich bin ich doch froh darüber, selbst den kleinen Dingen Bedeutung beimessen zu können.

Keine Zeit für Nostalgie

Ein weiterer Schockmoment war der, als ich einmal mit meinem Bruder einen Filmabend machte. Am Ende des ersten Films starb die weibliche Hauptfigur, hinter der natürlich auch ein trauernder Geliebter steckte. Ich war hin und weg, musste diese Rührseligkeit erst einmal verdauen und das Gesehene noch einmal Revue passieren lassen, doch mein Bruder schmiss schon den nächsten Film in den DVD-Player. Eine Komödie. Mit Autos und vielen Gags. Er lachte. Ich nicht. Zumindest nicht am Anfang.

Ich frage mich, wann sich das überhaupt so eingebürgert hat, dass man sich mehrere Filme direkt hintereinander ansieht, die nichts miteinander zu tun haben. Ein Urlaub, ein Film, ein Buch, eine Beziehung, die alte Wohnung, die Tätigkeit in einem Verein - soll das alles wirklich nur ein Jetzt-Moment sein, der nicht mehr existiert, sobald das „Jetzt“ vorüber ist?

Collect moments, not things?

Ich glaube, diese Frage führt im Endeffekt zu einem tieferen Nachdenken über den Sinn des Lebens. Manchmal habe ich den Eindruck, dass heute eine Lehre propagiert wird, nach der es lediglich darum geht, Erfahrungen und Momente zu sammeln und sie im Gedächtnis aufzubewahren wie in einer Vitrine, nur, um sie in Augenblicken des geselligen Beisammenseins kurz hervorzuholen, sie sich um den Hals zu hängen wie Medaillen und sie dann direkt wieder an ihren Platz zu stellen, wo sie vergessen werden und verstauben.

Ich kann mich mit dieser Einstellung nicht anfreunden. In aller Liebe zu „Carpe Diem“ und „yolo“ halte ich dieses Ziel der zwecklosen Akkumulation für nichtig. Es ist nicht verkehrt, Dinge ausprobieren und kennenlernen zu wollen, doch wenn ich das tue, dann stets mit der Hoffnung, eventuell einer Sache oder einer Person zu begegnen, die mich glücklich macht und die mir das Gefühl gibt, dass sie genau das ist, was ich brauche und nicht mehr missen möchte. Alle meine Erfahrungen bauen aufeinander auf, sind nicht trennbar voneinander und verfolgen eben dieses Ziel.

Das Glück in der Konstante

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass man mir immer weismachen möchte, dass ich mein Leben „falsch“ lebe. Warum ich denn nicht weiter wegziehen möchte oder zumindest einen längeren Auslandsaufenthalt im Rahmen meines Studiums machen möchte, warum ich denn nicht öfter in den Urlaub fahre oder mich nicht von einer kurzlebigen, rein physischen Beziehung in die nächste stürze, all das sind Fragen, mit denen ich immer mal wieder konfrontiert werde. Aufgrund meiner Antwort darauf werde ich gerne mal als weltfremd oder altmodisch abgestempelt.

Die Wahrheit ist, dass ich glücklich bin, so wie es gerade ist, ich habe in meinem Wohnort und meinen Tätigkeiten Konstanten gefunden, die mich erfüllen und dieses Gefühl hat sich bei mir noch nie eingestellt, wenn ich mich einer Sache gewidmet habe, bei der von vornherein feststand, dass sie keinen Bestand haben würde. Ebenso finde ich nur Bücher oder Filme gut, die mich noch eine Weile beschäftigen und denen ich mich widme, um persönlich etwas davon zu haben, nicht, um anderen davon erzählen zu können. Der Wunsch, irgendwann anzukommen, bedeutet ja nicht, sich vor Neuem konsequent zu verschließen. Allerdings lasse ich mich auf dieses Neue entweder ganz ein oder gar nicht.