LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Walking-Theatre“: Mit einer Stimme im Ohr auf der Suche nach Walter

Wir müssen in der Gruppe bleiben. Auf den Straßenverkehr achten. Und die Kopfhörer immer aufbehalten. Zwischendurch kann es zu Funkstörungen kommen. Brav lausche ich den Anweisungen über Kopfhörer. Zwei Schulklassen tun es mir gleich. Unter sie habe ich mich an diesem Donnerstagmorgen gemischt, um mich quer durch die Stadt auf die Suche nach einem gewissen Walter zu machen. Genau unter diesem Motto steht jedenfalls das „Walking-Theatre“ beziehungsweise der interaktive Spaziergang, der sich als performative Umsetzung von sogenannten Wimmelbüchern versteht. „Wo ist Walter? - Die Stadt und Ich“ ist eine Produktion von „TWOF2 + dascollectiv“ aus Wien in Koproduktion mit dem neimënster. Genau dort beginnt die 90-minütige Suchaktion.

Bevor wir uns im Hof der Abtei versammeln, sollen wir noch eines der auf einer Säule ausgebreiteten Fotos einstecken, auf denen verschiedene Menschen mit roter Mütze zu sehen sind. Während die Kinder wild untereinander diskutieren, wer denn nun am coolsten aussieht, entscheide ich mich für den lässigen Hipster-Typen mit Sonnenbrille und Bart. Im „Parvis“ geht es dann richtig los. „Hallo, die Stimme, die Du hörst, ist Dein GPS. Ich bin ein System, das Positionen und Richtungen erkennen kann und werde Dir immer sagen, welchen Weg Du nehmen musst“, erfahren wir von einer mechanisch klingenden, weiblichen Stimme. Unsere Suche nach Walter beginnt. Wer ist das denn nun? Nach wem sollen wir Ausschau halten? Nach einem Fremden? Und vielleicht einen Freund finden? Genau zu solchen Überlegungen regt uns die Stimme im Ohr an, erklärt fast beiläufig aber auch Wissenswertes über die geschichtsträchtige Umgebung, in der wir uns befinden. Den „Tutesall“, in dem früher einmal Tüten hergestellt wurden und der heute als „Salle Robert Krieps“ einen kulturellen Zweck erfüllt. Über den Bockfelsen, der wie ein löchriger Käse aussieht. Über den Kirchturm, in dem eine Taubenfamilie lebt.

Die Stadt als dreidimensionales Wimmelbild

Dann setzt sich die Truppe entlang der Alzette in Gang, um die Stadt - als „dreidimensionales Wimmelbild“ - zu erkunden. Wir werden aufgefordert, uns genau umzuschauen und uns alles einzuprägen, was wir entdecken. Das konzentrierte Zuhören fällt nicht jedem der kleinen Teilnehmer leicht. Um die Stimme im Kopfhörer zu übertönen und dennoch mit dem Nachbar zu quatschen, wird die eigene Lautstärke schon mal ganz schön herausgefordert. Wahrscheinlich wäre ich als Kind die lauteste gewesen. Zwischendurch stellt sich unser GPS als Maria vor. Wir sollen uns mit geschlossenen Augen vorstellen, wie sie wohl aussieht. Ob sie Inländerin oder Ausländerin ist? Ob das überhaupt wichtig ist?

Ständig mit dabei übrigens: Zwei Techniker mit Rucksäcken, in denen sich Sender und Empfänger befinden, in den Händen Mini-Mischpulte, um die Tonspuren live zusammenzumischen, dann nämlich wenn PerformerInnen über Mikroports „zugeschaltet“ werden. Während wir weiterlaufen, treffen wir immer wieder auf einen Mann mit Vollbart und roter Mütze sowie eine Frau mit rotem Haarband und Pulli, die wie zufällig regelmäßig unseren Weg kreuzen. Das ist den Kindern natürlich nicht entgangen. Schlaue Köpfchen. Noch schlauer werden wir, als uns Maria von Melusina erzählt und vom Hochwasser, das vor vielen Jahrzehnten den Stadtgrund überflutet hatte. Dann machen wir auf einem Parkplatz Halt, müssen das Foto aus der Tasche kramen und uns neben das Auto stellen, das unserer Meinung nach zu der abgebildeten Person passen würde. Erstaunlich viele Polo-Fahrer sind dabei. Nach BMW sieht dagegen niemand aus.

Mit Kopfhörern ausgestattet geht es bei diesem interaktiven Rundgang auf Entdeckungstour durch die Stadt  - Lëtzebuerger Journal
Mit Kopfhörern ausgestattet geht es bei diesem interaktiven Rundgang auf Entdeckungstour durch die Stadt

Bewusstsein durch Schauen

Wir folgen dem Lauf der Petruss ein Stückchen, schlendern am Minigolfplatz vorbei, überqueren die Schienen der Miniatureisenbahn und nehmen die vielen Steinstufen in Angriff, um uns schließlich im Gewimmel des Bahnhofsviertels wiederzufinden. Und wieder sollen wir darüber nachdenken, ob die Person auf unserem Foto möglicherweise hierher passen würde. Meinen Hipster könnte ich mir durchaus auf einer der Terrassen am Pariser Platz vorstellen, an seinem Espresso nippend…

Nach einer kleinen Pause und Stärkung besteigen wir den Bus Richtung Limpertsberg. Um sicherzugehen, dass Walter nicht vielleicht im gleichen Bus sitzt, werden wir aufgefordert, lautstark nach ihm zu rufen. Fragende Blicke. Und lächelnde Gesichter. Aber von Walter immer noch keine Spur. Wir suchen weiter. Mal tanzend, mal laufend bahnen wir uns unseren Weg auch durch diesen Teil der Stadt, treffen wieder auf den Mann mit der roten Mütze und die Frau mit dem roten Pulli, lachen viel, rufen zwischendurch mehrmals Walters Namen, was besonders jenen gefällt, die bereits am Anfang die Lautstärke ihrer Stimme ausgetestet haben, während Maria uns ständig bei der Orientierung hilft: Sie gibt Richtung, Tempo und sogar Gedanken an und lässt uns Ecken entdecken, die uns bis dahin nie aufgefallen waren. Und Walter? Ob wir wohl am Ende fündig geworden sind? Tja, das wird nicht verraten.

Ist Walter vielleicht doch unten in der Abtei? - Lëtzebuerger Journal
Ist Walter vielleicht doch unten in der Abtei?
WO IST WALTER?

Entdeckungsreise an diesem Wochenende

„Übers aufmerksame Schauen wollen wir dazu einladen, das Bewusstsein für die Stadt, in der man lebt, zu stärken, und gleichzeitig zur Selbstreflexion darüber, welche Rolle und Möglichkeiten der Einzelne in seiner Stadt hat. Und dann geht es natürlich auch um das Vergnügen am Sich-Verlieren, um die eigene Stadt neu zu entdecken“, erklärt Giovanni Jussi (Konzept, Stückentwicklung, Regie und Technik). Die Uraufführung fand im April in Wien statt, nun macht „Wo ist Walter? - Die Stadt und Ich“ in einer angepassten Version Station bei uns. Zwei öffentliche Touren in deutscher Sprache sind an diesem Wochenende im Angebot (Mindestalter: zehn Jahre): am 8. und 9. Juni jeweils um 16.00. Treffpunkt ist die Agora im Kulturzentrum neimënster (Preise: 12 Euro/ 6 Euro).

Anmeldung: Tel. 26 20 52 - 444 - billetterie@neimenster.lu