Liegt es daran, dass wir uns noch in der 100-Tage-Schonfrist für die neue Regierung befinden? Dass die neuen Minister erst einmal in den Ministerien Fuß fassen müssen, analysieren und durchrechnen und bislang noch nicht mit konkreten Maßnahmen aufwarteten, über die dann diskutiert werden kann? Drückt die unerträgliche Schwere des noch Ungewissen, wie Finanzlöchern, Arbeitslosigkeit, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, Wirtschaftsflaute, etc. wirksam begegnet werden kann, aufs Gemüt? Es zeigen sich jedenfalls derzeit Wellengang und Gefühlsstürme, die man durchaus ernst nehmen sollte.

Fast könnte man meinen, ein kräftiger Rechtsruck hätte das Land erfasst, seit die CSV nicht mehr in der Regierung ist. Die neue Mitte-links-Regierung scheint die Gefühle und Ängste zu erwecken, dass „das Luxemburgische“ und „das Traditionelle“ nicht mehr in ausreichendem Maß geschützt und gefördert werden - Emotionen, die sich derzeit in sozialen Netzwerken entladen.

Es kann sich ja wohl nicht objektiv rechtfertigen lassen, dass seit wenigen Monaten die luxemburgische Sprache und der Schutz traditioneller Familien und Werte extrem gefährdet sei. Es kann auch nicht sein, dass die Forderung des Wirtschafts- und Sozialrats, die völlig überlebte Klausel, dass nur Luxemburger Staatsbürger Mitglieder des Rats sein können aus dem Gesetz zu streichen von einer ADR im Parlament abgelehnt wird. Und auch noch zu einer Frage der nationalen Souveränität hochstilisiert wird. Dass sich Premier Bettel erhob und ganz klar formulierte, dass die alternativen Reformer das Land aufzuhetzen versuchten, kann nur begrüßt werden.

Man muss vielleicht nicht auf jeden Sturm eingehen, der in Diskussionsforen aufbraust, aber es ist sicherlich richtig und notwendig, dass auch in den Medien so manches aufgegriffen, hinterfragt und ins rechte Licht gerückt wird, was dort so geäußert wird. Beispiel: In den Krankenhäusern komme man sich vor, wie in einem fremden Land. Erstens gibt es kaum einen anderen Bereich, in dem so viel Wert - und Mühe - auf Sprachfähigkeiten gelegt wird. Und zweitens ist das eigentliche Problem der Fachkräftemangel überhaupt. Und da sollte man als Luxemburger nicht vergessen, dass wir bislang auf Kosten der Großregion wunderbar davon profitiert haben, dass die Arbeitsbedingungen hierzulande so attraktiv sind.

175.000 Pflegekräfte fehlen allein in Deutschland und lassen sich auch nicht mehr so leicht durch Ost- und Südeuropäer ersetzen. Dort möchte man nun bis Ende des Jahres in einem Pilotprojekt mit der chinesischen Arbeitsverwaltung 150 chinesische Fachkräfte in stationäre Pflegeeinrichtungen holen. Voraussetzungen seien ein erstklassiger Bachelor-Abschluss und ein einjähriges Pflegepraktikum in China, acht Monate interkulturelles Training und eine Sprachausbildung. Die Chinesen sollen zunächst als Pflegehilfskraft arbeiten und können später Fachkraft werden. Not macht erfinderisch und die Welt wächst zusammen. Das sollte man ruhig auch hierzulande zur Kenntnis nehmen.