LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Warum Experten und Meinungsmacher nicht ausreichen

„Influencer“, so nennt sich das neue Phänomen. Das sind Menschen, die dank der digitalen Plattform ihre Meinung im World Wide Web kundtun und durch ihre Gesinnung teilweise eine Unzahl an „Followern“ beeinflussen. Sei dies nun etwa bezüglich ihres Lifestyles oder sogar im Hinblick auf Kaufempfehlungen. Einige von ihnen sind Ikonen, andere weitgehend unbekannt. Und dennoch weiß das Phänomen an sich aufzuweisen, was in der heutigen Gesellschaft zieht: Meinung – und dass sich viele nach der Meinung einiger sehnen und an ihr orientieren.

Dass Meinung die Federführung übernahm und Wissen oder Weitsicht irgendwie überholte, schien ein schleichender Prozess zu sein, der jedoch heute einen eklatanten Gipfel hat: Meinung regiert. Um diese Beobachtung zu unterstreichen kann man mit dem Verweis auf das Trump’sche Beispiel noch hinzufügen: Regiert wird per Twitter. Wir leben also in einer Zeit, in welcher Regierungschefs via Twitter ihre Meinung teilen und damit politische Züge einleiten. Das rezente Beispiel der Anerkennung der Golanhöhen ist eine passende Illustration. Außenminister Pompeo bestätigte den Schritt und legte nach – ebenfalls auf Twitter. Doch die Amerikaner sind kein Einzelfall, immer häufiger beschäftigen die Meinungen in Posts und Tweets von Politikern die Gesellschaft, werden gar zum Gewicht in wichtigen Entscheidungsprozessen.

Was ist passiert? Warum können persönliche Meinungen das Wirken in der Öffentlichkeit beeinflussen? Wie kann es sein, dass so ein politischer Rahmen geschaffen wird, der ja per se für die Allgemeinheit stehen sollte, erschreckenderweise aber auf der Gesinnung von denjenigen beruht, die ihre Meinung am lautesten und aufsehenerregendsten äußern. Doch was bedeutet Wissen heutzutage noch? Gibt es noch Intellektuelle? Welchen Platz nehmen Experten ein – und wo sind die eigentlichen Kritiker geblieben?

Die Daseinsberechtigung des Intellektuellen ergab sich aus dem Zustand einer Gesellschaft, in der ein Bedürfnis nach einem Jemand bestand, der aktuelle Probleme analysierte und kommentierte, und in der Öffentlichkeit die Rolle der Orientierungsfigur oder auch des Verantwortlichen zugeteilt bekam. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit die Notwendigkeit einer solchen Person, die mit erhobenem Finger lehrmeisterhaft auftrat, eher abgenommen. Die Menschen traten mit ihren Meinungen selbst hervor, eroberten die Öffentlichkeit und ihre Debatte für sich. Verwerflich würde ich diese Entwicklung nicht nennen, solange dadurch weiterhin wesentliche Problem- und Fragestellungen hervorgehoben werden. Hieran hege ich allerdings mit Blick auf so manche Plattform Zweifel. Im Gegensatz zur Figur des Intellektuellen mangelt es uns nicht nur kaum an Meinungsmachern, sondern auch nicht an Experten. Zu jedem Fachgebiet findet sich ein sogenannter Spezialist, der mit Wissen glänzt und mit Theorien und Statistiken eifrig jongliert. Er eruiert keine Problemstellung und Argumentation, sondern gibt Wissen preis, oftmals ohne Raum für Kritik zu lassen. Ich erinnere diesbezüglich an die rezenten Kapriolen bezüglich der zugelassenen Abgasnormen in Deutschland. Dort haben sich Lungenärzte, Experten ihres Fachs, zu Wort gemeldet und anderen Experten, die bezüglich des Umweltschutzes eigene Studien preisgaben, die Wahrheit abdiktiert, indem sie die Bedenklichkeit der Richtwerte verwässerten. Wissen gegen Wissen, denkt der Laie. Wenn dann och noch Rechenfehler auftauchen, der Verdacht auf Lobbyismus erhoben wird und Statistiken um Statistiken in die Schlacht geschickt werden, versteht man von allem recht wenig und vor allem eins: nur Bahnhof. Demnach ist auch auf den Experten kein Verlass mehr, der formal gesehen zwar viel weiß, sich oft aber intransparent und fachbeschränkt präsentiert. Wer leistet Abhilfe? Um sich aus dieser Sackgasse hinausbugsieren zu können, müsste die Gesellschaft vor allem wieder Mut haben, Mut zur Kritik. Zum Hinterfragen – in allen Fachbereichen. Es muss wieder mehr Kritiker geben, die den Wirtschaftsweisen und Finanzexperten auf die Finger schauen, wenn es wieder einmal heißt, dass man „gewappnet für die nächste Krise“ sei. Politiker gehören in den kritischen Schwitzkasten genommen, wenn ihre Argumente auf tönernen Füßen stehen, wenn Blasen gefördert und Zusammenhänge verschleiert werden. Auch die soziale Schicht, die Bevölkerung selbst gehört stets hinterfragt, gehen wir in die richtige Richtung? Sind wir vielleicht dabei, blinde Ja-Sager zu werden? Werden wir von Plattformen regiert und folgen dem Kommerz als brave Schafe? Geben wir zu viel auf Meinungen? Bemühen wir uns noch um die Objektivität des Wissens? Sind wir noch der Dialektik fähig, die Thesen mit Antithesen auf den Prüfstein stellt?

Jeder Tag, der vergeht, an dem versäumt wird, dem in die Gegenwart Hinausposaunten kritisch zu begegnen, ist ein Tag mehr, an dem die Öffentlichkeit sich freiwillig in die Hände von Twitterexhibitionisten gibt und somit ihre Handlungsfähigkeit auf lange Dauer einbüßt. Mut zur Kritik! Anders wird es nicht gehen.