LUXEMBURG
CB/SW/PST
Theoretische und praktische Prüfungen

Nicht ohne Jagdschein

Wer sich im Großherzogtum Luxemburg auf die Jagd begeben will, braucht einen Jagdschein. Laut Angaben von „natur&ëmwelt“ müssen bei der ersten Beantragung 60 Stunden Theoriekurse bei der Natur- und Forstverwaltung absolviert werden. Weiter muss der Anwärter eine Einführung in das jagdliche Schießen sowie ein Praktikum auf einem oder mehreren Jagdlosen durchlaufen. Zum Abschluss steht eine schriftliche und eine mündliche Prüfung an sowie eine praktische Schießprüfung. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden und kostet 150 Euro. Der Antragsteller muss zudem eine Jagdhaftpflichtversicherung abschließen.
Treib- und Drückjagd

Eine Frage der Definition - und der Perspektive

Weniger die Praxis der Jagd an sich, sondern die Art und Weise, wie gejagt wird, sorgt für Diskussionen. Die Naturschutzorganisation „Mouvement Écologique“ plädiert für die Drückjagd, neben der Treibjagd eine Form der Bewegungsjagd. Die Bewegungsjagd ist eine Jagdform, bei der eine Anzahl von Treibern und spurlauten Hunden (der Hund bellt auf der Fährte des Wildes) die Wildtiere in Bewegung setzen, „mit dem Ziel, diese in die Nähe der immobil postierten Jäger zu bringen, um diesen eine möglichst sichere Erlegung zu ermöglichen“, heißt es vom Jägerverband. Als einen zentralen Unterschied hebt der „Mouvéco“ die Anzahl der eingesetzten Treiber sowie „wie und welche Hunde“ eingesetzt werden hervor. Bei der Drückjagd verfolgen die Hunde lediglich die Spur des Wilds; die eigentliche Jagd ist dadurch langsamer. „Das Wild wird versuchen, sich dem jagenden Hund ohne Panik zu entziehen“. Das aus der Jagd herausgenommene Tempo soll dann auch den wartenden Jägern ermöglichen, treffsicher ihre Beute zu erledigen. Daraus ergibt sich, dass eine Drückjagd sich über den ganzen Tag hinzieht, während bei Treibjagden zwei eher kurze Treiben pro Tag üblich seien. Wie der „Mouvement écologique“ selbst angibt, braucht man für eine Drückjagd sehr große Flächen (bis zu 300 Hektar). Der Präsident des Jägerverbandes tut sich mit dieser Art der Jagd schwer - nicht vom Prinzip her, sondern in der praktischen Umsetzung, unter anderem, da es sich in Luxemburg in der Mehrzahl um kleine Parzellen handele. Zudem sei die Bezeichnung Drückjagd „beschönigend“. Georges Jacobs spricht eher von
einer „soften Treibjagd“.

Eingereicht wurde die Petition über ein Verbot der Treibjagd bereits im November des letzten Jahres, derweil die nötige Anzahl von 4.500 Unterschriften mit 6.562 Unterschriften Mitte Februar weit überschritten wurde, aber trotzdem dauerte es bis gestern, bis die Petition von Mike Clemens im Parlament öffentlich diskutiert wurde. Begleitet wurde der Petitionär dabei vom Piratenpolitiker Daniel Frères, Präsident der Tierschutzorganisation „Give us a voice“, sowie von Sabrina Martin. Die Präsidentin der Petitionskommission, Nancy Kemp-Arendt (CSV), wies eingangs darauf hin, dass der Petitionär mit seinem Anliegen die Herzen vieler Menschen berührt habe, derweil Kammerpräsident Fernand Etgen (DP) daran erinnerte, dass eine öffentliche Anhörung nicht automatisch bedeute, dass der Inhalt einer Petition auch angenommen werde.
Mike Clemens hatte alsdann die Gelegenheit, seine Petition zu erklären. So stehe die Treibjagd im totalen Gegensatz zum Tierschutz und sei nicht mehr zeitgemäß. Ein Tier sei keine Sache und sollte mit Respekt behandelt werden, wobei bei einer Treibjagd unnötiger Stress für die Tiere entstehe, die vor dem Krach flüchten würden. Auch komme es bei einer Treibjagd oftmals zu Streifschüssen, da die Tiere in Bewegung und schwerer zu schießen seien. Diese müssten somit unnötig leiden und einen qualvollen Tod sterben, was in einer zivilisierten Gesellschaft nicht zu vertreten sei.

800 bis 900 Treibjagden pro Jahr

Der Petitionär erinnerte auch an die Konsequenzen einer Treibjagd im November 2018, wo eine ganze Reihe von Wildschweinen auf die A7 getrieben worden seien, was für die Autofahrer lebensgefährlich gewesen sei. Es gebe indes eine ganze Reihe weiterer Fälle, wo die Tiere bei einer Treibjagd auf die Straße getrieben worden seien. Clemens erwähnte auch das Beispiel des Schweizer Kantons Genf, wo nun schon seit über 40 Jahren die Jagd durch private Jäger verboten sei, und wunderte sich über die Haltung der Grünen, die in ihrer Zeit als Oppositionspartei für ein Verbot der Treibjagd eingetreten seien. Den aktuellen Vernichtungsfeldzug auf Wildschweine konnte der Petitionär auch nicht nachvollziehen, der die Regierung aufforderte, die „barbarische Treibjagd“ endlich zu verbieten, von denen hierzulande im Durchschnitt rund 800 bis 900 pro Jahr durchgeführt werden. Ein totales Jagdverbot will Clemens aber nicht, da der Tierbestand reguliert werden müsse.
Im Laufe der Diskussion zwischen den Abgeordneten und den Gegnern der Treibjagd wurden dann auch eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen, so unter anderem diejenige über den hohen Alkoholkonsum von manchen Jägern während der Jagd, was dem Gebrauch von Schusswaffen nicht gerade zugänglich sei.
Der Präsident der Umweltkommission, François Benoy (déi gréng), bemerkte seinerseits, dass die Jagd keine Spaßveranstaltung sein dürfe, und Justizminister Félix Braz an einem Gesetz arbeite, das übertriebenen Alkoholkonsum während der Jagd verbieten soll.
Daniel Frères wies darauf hin, dass bei der aktuellen Wildschweinjagd noch kein einziges Tier in Luxemburg gefunden worden sei, das mit dem Virus der Afrikanischen Schweinepest infiziert sei, so dass die diesbezügliche Jagd gar nicht nötig sei. Er gab aber zu, dass nicht jeder Jäger sei, und es auch hier gute Leute gebe. Die Treibjagd sei zwar bislang noch in keinem anderen Land verboten, aber Luxemburg, das ja in vielen Sachen eine Vorreiterrolle spiele, könne auch hier Vorreiter sein.
Umweltministerin Carole Dieschbourg (déi gréng) kündigte ihrerseits an, dass man hier in Richtung Drückjagd gehen müsste, wo die Tiere weit weniger Stress hätten. Die Politik sei hier in der Pflicht. Die Jäger würden aber eine solide Ausbildung in Luxemburg erhalten.
Wie Nancy Kemp-Arendt im Anschluss an die öffentliche Anhörung nach einer Beratung mit ihren Abgeordnetenkollegen und der Ministerin bekanntgab, soll das Thema nach der Sommerpause erneut aufgegriffen und in den zuständigen Kammerausschüssen behandelt werden. So soll im September oder Oktober eine umfassende Analyse über den Wildbestand und die Jagd gemacht werden, um in einer weiteren Kommissionssitzung zusammen mit den betroffenen Kreisen über mögliche Verbesserungen bei der Jagd zu diskutieren, unter anderem was die Sicherheit bei der Treibjagd anbelangt.
Im Vorfeld der gestrigen Anhörung der Petition haben die Naturschutzorganisationen „natur & ëmwelt“, „Mouvement Écologique“, die Organisation der Privatwaldbesitzer und der Jägerverband ihre Positionen zur Jagd noch einmal untermauert. Auch wenn die Jagd nicht grundsätzlich infrage gestellt wird, so gibt es doch Nuancen.

„Mouvement écologique“: Die Drückjagd anstelle der Treibjagd

Der „Mouvement écologique“ stellt die Jagd nicht prinzipiell infrage. „Eine Reduzierung der Schalenwildbestände ist aus Naturschutz- und aus Tierschutzsicht notwendig“ - und diese sei nur über die Jagd möglich. Allerdings fordert der Verein Einschränkungen. Mit Ausnahmen wie der Bekämpfung invasiver Arten wie dem Waschbären sollten erlegte Tiere zur menschlichen Ernährung genutzt werden (Nutzungsgebot). Zudem spricht sich der „Mouvéco“ für die Drückjagd aus, eine von zwei Formen der Bewegungsjagd (siehe Kasten). „Die Drückjagd ist aus Tierschutzgründen vorzuziehen“, heißt vom „Mouvéco“, der unter anderem das geringe Risiko von Fehlschüssen als Argument anführt.

Privatwaldbesitzer: Die Biodiversität der Wälder erhalten

Auch die Vereinigung der Privatwaldbesitzer weist darauf hin, „dass wir die Jagd brauchen, um den Wildbestand von Rehen und Hirschen regulieren zu können“. Dies sei entscheidend, um die Biodiversität der Wälder zu erhalten. Alternativen zu den Jägern - in Form der heute nicht vorhandenen natürlichen Feinde wie Wölfe, Luchse oder sogar Bären - kann sich „Lëtzebuerger Privatbësch“ nur schwer vorstellen - aufgrund der Verkehrsbelastung, der immer wichtigeren Funktion des Waldes als Naherholungsgebiet und dem für diese Tierarten ungeeigneten Freiraum, der zudem durch den Bebauungsdruck ständig kleiner wird. Weiter weist die Vereinigung darauf hin, dass das Schweizer Modell der „Jagdfreien Zone Genf“ auch nicht ohne Makel sei. „Bei steigenden Wildbeständen wird weiter gejagt und trotz hoher Kosten des Steuerzahlers bleiben die Schäden an Wald und Flur nicht aus“. „Lëtzebuerger Privatbësch“ pocht darauf, dass in der Diskussion nicht vergessen werden darf, „warum die Forst- und Landwirtschaft einen regulierten Wildbestand braucht“.

Jägerverband: Die Jagd muss an das Terrain angepasst sein

Die „Fédération Saint-Hubert des Chasseurs du Grand-Duché de Luxembourg“ (FSHCL) befürwortet prinzipiell die sogenannte Drückjagd. Ihr Präsident Georges Jacobs weist auf „Journal“-Nachfrage jedoch darauf hin, dass diese Methode aber in den meisten Wäldern aufgrund der Gegebenheiten des Terrains ungeeignet sei. Sodass man bei dieser „soften Treibjagd“ zehnmal mehr Jagden durchführen müsse, um am Ende nur ein Zehntel des Ergebnisses zu erreichen. Jacobs spricht deshalb von einer Ressourcenvergeudung. Der Jägerverband betont zudem, dass die selektivere Ansitz- und Pirschjagd weiter zum Arsenal des Jägers gehören müssen. Die FSHCL erneuert ebenfalls ihre Forderung nach Geschwindigkeitsbegrenzungen auf angrenzenden Straßen bei Bewegungsjagden, „was im Ausland oft der Fall ist“. Klar sei indes, dass die Arbeit der Jäger unerlässlich sei.

„natur & ëmwelt“: „vertretbare Massnahme“

„natur & ëmwelt“ weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass ohne Eingriff des Menschen die Bestände von Rehen, Wildschweinen und Rothirschen nicht deutlich reduziert werden kann. „Die Konsequenzen des Anstiegs der häufigsten Wildarten in Luxemburg sind problematisch für unsere Waldbestände und, zumindest gebietsweise, ein ernster Konfliktpunkt für die Landwirtschaft“, schreibt die Umweltschutzorganisation. Aus diesen und aus anderen Gründen kommt sie zum Schluss: „Aus dieser Perspektive, welche das ganze Ökosystem in Betracht zieht, wird eine gut reglementierte Jagd als vertretbare Maßnahme zum nachhaltigen Umgang 
mit unseren Wäldern erachtet“.