LUXEMBURG
JAN SÖFJER

Barbara Gorges-Wagner über die Arbeit des Kanner-Jugendtelefons

Seit 1992 gibt es das Kanner-Jugendtelefon in Luxemburg. Seitdem haben tausende Kinder und Jugendliche dort anonym Hilfe bekommen. Die Leiterin Barbara Gorges-Wagner im „Journal“-Gespräch.

Wie schlimm ist es um manche Anrufer bestellt, die sich beim Kanner-Jugendtelefon melden?

Barbara Gorges-Wagner Wir haben eine relativ hohe Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die überlegen, sich das Leben zu nehmen.

Was können die Mitarbeiter dann machen?

Gorges-Wagner Wir können Hoffnung bringen. In dem Moment, in dem jemand am Telefon über seine Sorgen spricht, verändert sich die Welt. Denn es macht einsam, nicht darüber sprechen zu können, was einen bedrückt.Niemand muss mit seinen Problemen alleine bleiben.

Und nach dem Gespräch?

Gorges-Wagner Wir sind gut vernetzt. Wir können Orientierung und weiterführende Hilfe vermitteln.

Wer ruft bei Ihnen an?

Gorges-Wagner Soweit wir das über die Sprache einordnen können - es läuft ja alles anonym ab - ganz normale Kinder und Jugendliche aus luxemburgischen Familien.

Und vom Alter her?

Gorges-Wagner Unsere Hauptzielgruppe ist zwischen 12 und 16 Jahre alt. Es rufen aber auch junge Erwachsene an - und Achtjährige, die schon gemobbt werden.

Hat sich das verschlimmert?

Gorges-Wagner In dieser Häufigkeit und Aggressivität hat das früher nicht so eine Rolle bei uns gespielt. Das geht oft über Monate, bis die Kinder Hilfe in Anspruch nehmen. Kinder können so etwas nicht untereinander lösen, sondern brauchen Unterstützung. Sie sind darauf angewiesen, dass sie unsere Nummer bekommen und wissen, dass sie bei uns anrufen können.

Weshalb Sie auch in Schulen gehen und dort das Kanner-Jugendtelefon vorstellen.

Gorges-Wagner Ja, wir haben ein Projekt gestartet, bei dem ehemalige Mitarbeiter in Schulen gehen und dort erzählen, wie wir arbeiten und mit was für Problemen Kinder und Jugendliche bei uns anrufen. So lernen auch die Lehrer uns kennen. Das ist wichtig, damit sie uns bei Bedarf empfehlen können.

Mit was für Problemen melden sich die Kinder und Jugendlichen bei Ihnen?

Gorges-Wagner Oft sind es Probleme in familiären Beziehungen, Probleme mit Gleichaltrigen, psychosoziale Themen wie Depressionen, suizidale Gedanken. Sexualität ist auch ein Thema. Aber auch Gewalt und Missbrauch innerhalb und außerhalb der Familie. Es kommt vor, dass Kinder nicht mehr mit ihren Eltern reden können, weil diese sie abwerten. Und dann gibt es normale Grenzsetzungkonflikte, bei denen Kinder Grenzen, welche die Eltern setzen, nicht akzeptieren. Dann rufen auch Eltern bei uns an und fragen um Rat.

Das Kanner-Jugendtelefon

Anonym und Respektvoll

Unter der Nummer 116 111 können Kinder und Jugendliche, aber auch junge Erwachsene, beim Kanner- und Jugendtelefons (KJT) über ihre Probleme sprechen - in Luxemburgisch, Deutsch und Französisch. Alle Gespräche werden streng vertraulich behandelt. Die Telefonhotline ist montags, mittwochs und freitag von 17.00 bis 22.00 erreichbar, dienstags und donnerstag von 14.00 bis 22.00 und samstags von 14.00 bis 20.00. Eltern haben eine eigene Hotline unter der Nummer 266 40 555.

Neben der Hotline gehört auch eine Onlinehilfe unter www.kjt.lu zum Angebot. Neben den genannten Sprachen ist diese auch in Englisch verfügbar - für Kinder, Jugendliche und Eltern. Ebenfalls vom KJT wird die „Bee Secure Helpline“ für Fragen rund um die neuen Medien unter der Nummer 8002-1234 angeboten (montags bis freitags von 9.00 bis 17.00).

1373 Kontakte hat das KJT 2015 entgegengenommen, davon 733 Anrufe. Alle Dienste haben steigende Tendenz, insbesondere die Onlineberatung. Neben drei Pädagogen und Psychologen arbeiten rund 70 ausgebildete, ehrenamtliche Helfer beim KJT. Alle zwei Jahre werden neue Helfer ausgebildet.

www.kjt.lu