LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Ein Gespräch mit Mil Lorang, dem Autor von „Luxemburg im Schatten der Shoah“

Luxemburg im Schatten der Shoah“ heißt das Buch des Publizisten und ehemaligen OGBL-Pressesprechers Mil Lorang, das Ende vergangenen Jahres bei Editions Phi erschien. Auf rund 200 Seiten behandelt Lorang die Geschichte der Judenverfolgung im Großherzogtum. Wir haben uns mit dem Autor über das Werk unterhalten.

Herr Lorang, wie kamen Sie dazu, ein solches Buch zu machen?

MIL LORANG Nachdem ich im März 2016 dem Verwaltungsrat von MemoShoah Luxembourg beigetreten war, habe ich damit begonnen, die Verfolgung der Juden hierzulande unter der Nazi-Okkupation aufzuarbeiten. Aus dieser Recherche sind eine Reihe Artikel entstanden, die im „Tageblatt“ veröffentlicht wurden. Da in diesen Beiträgen Themen behandelt wurden, die der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt waren, wurde mir von Mitgliedern des MemoShoah-Komitees nahegelegt, aus den Artikeln ein Buch zu machen, an dem ich über drei Jahre gearbeitet habe.

Wie schwierig waren die Recherchen?

LORANGDer damalige Präsident von MemoShoah, Henri Juda, hat mir sehr viel Material ausgeliehen, auch Bücher, die längst vergriffen waren. Im Rahmen von MemoShoah habe ich Personen kennengelernt, die ich wahrscheinlich sonst nie kennengelernt hätte, etwa den langjährigen Verwalter des Archivmaterials des jüdischen Konsistoriums. Über diese Kontakte habe ich Zugang zu Archivmaterial und zu weiterführenden Quellen bekommen. Andere Personen haben mir private Archivdokumente zur Verfügung gestellt, die sonst nirgends zu finden sind. Die Deportationslisten habe ich neu erstellt, aber natürlich die wertvolle Arbeit von Paul Cerf aus den 1970er und 1980er Jahren sowie von anderen Historikern zum Vergleich herangezogen. Die Listen wurden aber auch mit den Datenbanken und zum Beispiel Ghettoeingangslisten abgeglichen, die den früheren Forschern noch nicht zugänglich waren, da es damals noch kein Internet gab. Ohne den Kontext MemoShoah hätten also die Artikel und auch das Buch nicht entstehen können. Aber natürlich muss man die Recherchearbeit und die Verfassung der Artikel selbst durchführen. Und das nimmt hunderte von Stunden in Anspruch, in diesem Fall weit über tausend.

Welches Gesamtbild ergeben Ihre Recherchen denn zur Einstellung der Luxemburger gegenüber der Judenverfolgung?

LORANGDas ist schwer zu sagen. Man kann ja gar nicht wissen, was jeder Einzelne so denkt. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die Menschen, die sich schon von sich aus für das Thema interessieren, natürlich offen sind für neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet. Anderseits gibt es viele Menschen, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben, die vielleicht auch noch nie in ihrem Leben einer jüdischen Person begegnet sind. Dort können die Reaktionen von tiefer Betroffenheit über Relativierung bis hin zu Skepsis reichen.

Was ist zu tun, um die Erinnerung an das Unvorstellbare aufrecht zu erhalten?

LORANG So wichtig periodische Holocaust-Gedenkfeiern auch sind, werden sie nicht ausreichen, um die Singularität dieses unglaublichen Verbrechens gegen die Menschlichkeit im kollektiven Bewusstsein wach zu halten. Das ist übrigens auch wahr für die klassische Gedenkkultur generell. Im Falle des Holocaust müssen die jungen Menschen im Geschichtsunterricht an dieses Thema herangeführt werden, aber auch, wenn es geht, die noch bestehenden Lager besuchen. Es geht in allererster Linie darum, den jungen Menschen die Mechanismen nahezubringen, die zu einem Genozid führen können. Denn wenn man die Geschichte vergisst, kann sie sich wiederholen. Besonders in einer Zeit, in der wiederum weltweit autoritäre nationalradikale Bewegungen entstehen, die versuchen, die Gesellschaft in echte und unechte Bürger aufzuteilen, ist es wichtiger denn je, in Erinnerung zu rufen, zu was solch segregierende Ideologien führen können.

Rezente Recherchen von Historikern beweisen, dass auch Luxemburger am Holocaust beteiligt waren. Die Geschichte der Shoah ist also längst nicht vollständig aufgearbeitet?

LORANG Es liegt in der Tat noch vieles im Dunkeln, obwohl sich sehr viele Forscher dem Thema gewidmet haben. Es ist Fakt, dass 14 Luxemburger im Reserve-Polizei-Bataillon 101 dienten und dazu noch in der besonders einsatzfähigen 1. Kompanie. Von 150 Angehörigen dieser Kompanie gehörten sie zu den 28 aktiven Polizisten, also eindeutig zum harten Kern. Die guten Führungszeugnisse der Beteiligten zeigen, dass sie ihren Dienst in vollster Zufriedenheit ihrer NS-Hierarchie ausübten. Nun ist auch Fakt, dass das RPB 101 an der Vernichtung der polnischen Juden beteiligt war. Ich finde es extrem wichtig, dass die Forschung darüber weiter getrieben wird, im Interesse der Wahrheit über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit. Wir müssen uns dieser Wahrheit stellen, auch wenn sie für manche sehr unbequem ist.

Am 29. Januar organisiert der OGBL, in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Resistenzmuseum (MNR) und MemoShoah Luxembourg, eine Veranstaltung zum Thema „Luxemburg im Schatten der Shoah“. Um 19.30 im Festsaal des OGBL („Maison du Peuple“). Dabei stellt Mil Lorang auch sein Buch vor.