LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Das Aufgabenfeld des Försters ist in den vergangenen Jahren komplexer geworden – Warum das nötig war, erklärt Serge Hermes, Präsident der „Association des forestiers luxembourgeois“

Den ganzen Tag durch den Wald streifen und Tiere beobachten: Wer mit dem Beruf des Försters noch dieses romantische Bild verbindet, liegt komplett falsch. Da die Missionen über die Jahre deutlich erweitert wurden, hat das Berufsbild einen großen Wandel erlebt. Ein nicht unwesentlicher Teil der Arbeit findet inzwischen im Büro vor dem Computer statt. Aufgrund des Klimawandels sind die Herausforderungen zusätzlich gewachsen. Die Förster sehen sich heute mit ganz anderen Problematiken konfrontiert, als dies noch vor Jahrzehnten der Fall war. Wir haben uns mit Serge Hermes, dem Präsidenten der „Association des forestiers luxembourgeois“ (AFL), unterhalten, um zu erfahren, inwiefern sich das Aufgabengebiet verändert hat, wo der Schuh momentan drückt und letztlich auch, wie es um die Gesundheit unserer Wälder bestellt ist.

Lëtzebuerger Journal

Was gehört alles zum Beruf des Försters?

Serge Hermes Es ist ein ganz vielfältiger und interessanter Beruf. Unsere Missionen sind seit 2009 in einem neuen Rahmengesetz festgehalten. Neben der Verwaltung der öffentlichen Wälder sind wir Förster auch für den Naturschutz zuständig, und zwar nicht nur im Wald sondern auch in der offenen Landschaft. Die Schaffung und Restaurierung von Biotopen gehört beispielsweise ebenfalls zu unseren Aufgaben, dies in Zusammenarbeit mit anderen Partnern wie Gemeinden oder Naturparks. Eine wichtige Rolle übernehmen wir auf Ebene der Sensibilisierung. Wir sensibilisieren und beraten Bürger, Waldbesitzer und Landwirte hinsichtlich des Naturschutzes, nachhaltiger Waldbewirtschaftung und so weiter. Umweltpädagogik ist zu einem wichtigen Thema geworden, regelmäßig empfangen wir deshalb Schulklassen. Ein großer Teil unserer Arbeit ist aber auch administrativer Art, wenn etwa ein Bauprojekt in einer Grünzone geplant wird. In solchen Fällen muss eine Anfrage ans Umweltministerium gerichtet werden, und wir werden dann beauftragt, zu prüfen, was dort unter welchen Bedingungen möglich ist. In den Bereichen Wald-, Natur- und Tierschutz sowie Jagd und Fischerei haben wir zudem Polizeimission.

Inwiefern hat sich das Berufsbild in den letzten Jahren weiterentwickelt?

Hermes Vor allem unsere Mission und Rolle im Naturschutz wurde gestärkt und intensiviert. Der Druck der Gesellschaft auf die Flächennutzung ist größer geworden, worauf auch das  Umweltministerium mit seiner Naturverwaltung reagiert hat. Lag bis in die 90er Jahre der Akzent noch eher auf der Waldbewirtschaftung, so hat sich der Schwerpunkt unserer Arbeit deutlich mehr in den  Bereich Naturschutz, auch außerhalb der Wälder, verlagert. Zusätzlich wurde mit dem neuen Rahmengesetz die Mission der Sensibilisierung intensiviert. Seither arbeiten wir verstärkt mit den Schulen zusammen, immerhin sind die Jüngsten die Entscheidungsträger von morgen.

Gibt es genug Förster, beziehungsweise Nachwuchs?

Hermes Momentan haben wir 75 Förster, das reicht geradeso. Es darf aber nichts Größeres passieren, sonst haben wir ein Problem. Wegen der vielen Aufgaben, die immer intensiver werden, genau wie die Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft und der Gemeinden an unsere Verwaltungen, die größer geworden sind, ist es wichtig, dass wir gut aufgestellt sind. Zurzeit haben wir zehn Förster-Stagiaires in der Ausbildung. Das wird halbwegs reichen, um in den nächsten Jahren die Löcher zu stopfen, die durch natürliche Abgänge entstehen.

Am nötigen Interesse für den Beruf fehlt es aber nicht?

Hermes Nein, überhaupt nicht, wenn wir ein Examen ausschreiben, melden sich immer viele Kandidaten. Die diesbezüglichen Bedingungen haben übrigens seit 2017 geändert. Voraussetzung ist nun eine „Première C“ oder aber eine „Première/Treizième Sciences naturelles“ beziehungsweise „Première/Treizième Technicien Environnement“. Allerdings gibt es einen Numerus Clausus, wobei wir jetzt mit der Bitte an die Ministerin herangetreten sind, diesen heraufzusetzen.

Wie kann sichergestellt werden, dass es in Zukunft nicht an Leuten fehlt?

Hermes Wenn Leute in Rente gehen, werden sie auch ersetzt, das ist sicher, wir fragen aber trotzdem nach zusätzlichem Personal, um diese ganzen Missionen erfüllen zu können. Seit der Einführung des „Compte épargne-temps“ (CET) wird es ja nun auch möglich, herauszufinden oder zu belegen, wie viele zusätzliche Stunden von den Förstern pro Tag / Monat geleistet werden. Wir erwarten, dass nach einem Jahr eine entsprechende Analyse gemacht wird. Daraus sollten dann die nötigen Schlüsse gezogen und zusätzliche Förster eingestellt werden. Das ist eine unserer großen Forderungen. Das Problem ist, dass wir ja in gewisser Weise eine One-Man-Show oder One-Woman-Show auf den verschiedenen Revieren abliefern. Ist ein Förster im Urlaub, krank oder in Elternurlaub, muss derjenige aus dem Nachbarrevier übernehmen. Full-time kann er den Kollegen aber während dieser Zeit nicht ersetzen. Da muss dringend eine Lösung her.

Wie viel Zeit verbringt der Förster eigentlich heute noch in der Natur?

Hermes Tatsächlich zu wenig. Mehr als die Hälfte der Zeit verbringen wir inzwischen im Büro, Tendenz steigend. Der administrative Aufwand wird immer größer, dadurch dass die Prozeduren zunehmend komplexer werden, etwa Genehmigungsverfahren betreffend. Wenn es um Naturschutzfragen geht, machen wir uns natürlich vor Ort ein Bild. Danach geht es aber gleich zurück ins Büro, um alles ordentlich in einem Dokument zu formulieren, weil am Ende schließlich ministerielle Entscheidungen darauf basieren. Wir kümmern uns auch um Personalangelegenheiten, sind verantwortlich für die Waldarbeiter, die bei uns im Revier tätig sind. Das alles gehört zur administrativen Arbeit, die wir bewältigen müssen - und es wird nicht weniger.

Das hört sich nicht an, als wären Sie glücklich über diese Tatsache?

Hermes Nein, bereits während unserer Generalversammlung im Mai habe ich genau das bemängelt. Seither hat sich aber schon etwas getan. Wir sollen jetzt mit Outdoor-Tablets ausgestattet werden, sodass wir uns nicht nach der Ortsbegehung vor den Computer im Büro setzen müssen, sondern gleich alles übers Tablet eingeben können. So können wir viel schneller reagieren und Gutachten erstellen. Damit wird übrigens eine langjährige Forderung erfüllt, die uns mehr Spielraum in der Natur verschafft. Der digitale Weg ist auch in unserem Beruf unumgänglich und wichtig.

Sie finden also Gehör, auch wenn es etwas dauert?

Hermes Wir finden Gehör, aus dem ganz einfachen Grund, weil wir mit zwei Füßen auf dem Boden stehen. Wir fungieren als Bindeglied zwischen dem Bürger respektive den Gemeinden und dem Ministerium. In erster Linie geht es um eine Verbesserung beziehungsweise Vereinfachung von Arbeitsvorgängen, was letztlich im Interesse von jedem ist und auch im Interesse des Naturschutzes.

Wie würden Sie die Situation in Luxemburgs Wäldern beschreiben?

Hermes Insgesamt sehen wir einen dramatischen Wandel, was die Waldgesundheit anbelangt. Wir hatten in diesem Sommer bereits viele extrem heiße Tage. In den letzten Jahren waren außerdem die Winter extrem trocken und die Frühlinge sehr warm. Das hat natürlich Konsequenzen. Die Waldbrandgefahr hat zugenommen. Europaweit müssen wir uns intensiv mit dem Einfluss des Klimawandels auf den Wald und alle seine Leistungen befassen. Es muss verstärkt geforscht werden, in welchem Maß sich unsere Baumarten genetisch an diese Klimaveränderung anzupassen vermögen. Das sind wichtige Fragen, die jetzt im Raum stehen und auf die Antworten gefunden werden müssen. Dies, um unsere Wälder, mit angepasster Bewirtschaftung, fit für die Zukunft  zu machen, vor allem was ihre Resilienz und eben auch die Artenvielfalt betrifft. Der Borkenkäfer ist zurzeit wohl ein Problem, weil durch ihn die Fichten absterben. Borkenkäferarten sind aber „sekundäre“ Schädlinge, das heißt, sie finden nur in kränkelnden und absterbenden Bäumen günstige Entwicklungsbedingungen. Diese Problematik sollen wir aber auch als Chance sehen, um dafür zu sorgen, mehr Biodiversität in die Wälder zu bekommen und in Zukunft  auf Mischwälder zu setzen.

Wann kommt das neue Waldgesetz?

Hermes Es befindet sich auf dem Instanzenweg. Wir hoffen, dass es so schnell wie möglich zur Abstimmung kommt. Unsere Waldgesetzgebung besteht aktuell noch aus einer Vielfalt von Gesetzestexten und Reglements, wovon einige sogar auf 1600 zurückgehen. Jetzt bekommen wir endlich ein einheitliches Gesetz, das zukunftsorientiert ist und den allgemeinen Leistungen des Waldes – Holzproduktion, Lebensraum aber auch Erholungsfunktion - besser gerecht wird. Wichtig ist in diesem Kontext aber auch, die Inhalte dieser Gesetzgebung oder auch des Naturschutzgesetzes für den Bürger, für den Laien also, verständlich zu machen. Sensibilisierung in allen Sparten ist eines unserer Hauptanliegen. Wir müssen gezielter auf den Bürger zugehen und besser erklären, wie er vorgehen muss, wenn er in einem bestimmten Bereich etwas plant.

Hat sich denn bereits ein größeres Bewusstsein entwickelt?

Hermes Es hat tatsächlich ein großer Bewusstseinswandel stattgefunden. Das merken wir regelmäßig bei unseren Aktivitäten oder auch während Telefonaten. Die Leute sind viel aufmerksamer für Themen wie Naturschutz. Wo noch Bedarf besteht, ist in der Verständnisvermittlung, dass der Wald sowohl dazu da ist, um Holz zu produzieren, dass also darin gearbeitet wird, wie er auf der anderen Seite als Erholungsgebiet dient sowie ein Lebens- und Naturschutzraum ist. In diesem Mittelfeld agieren wir als Förster. An sich sind wir durch unsere Ausbildung Generalisten im Bereich der Nachhaltigkeit, die sich um die drei Aspekte  Ökonomie, Ökologie und Soziales bewegt.

Ein viel diskutiertes Thema bleibt die Jagd. Wie wichtig ist sie aus Sicht der Förster?

Hermes Die diesbezüglichen Diskussionen laufen oftmals über die sozialen Medien, was eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit einem Thema unmöglich macht. Als Förster und Naturverwaltung basieren wir uns auf naturwissenschaftliche Fakten. Die Jagd ist wichtig. Wir müssen unsere Wildbestände regulieren, wenn wir unsere Wälder fit für die Zukunft machen wollen. An verschiedenen Orten haben wir eine relativ hohe Dichte an Rehwild. Wildschweine machen der Landwirtschaft zu schaffen. Da wir nun einmal keine Prädatoren haben, ist es unumgänglich, dass der Mensch eingreift. Wir wissen aber, dass es ein sensibles Thema ist. Deshalb hatten wir im Rahmen unserer Generalversammlung auch einen Redner eingeladen, der sich dafür aussprach, die Jagd zu überdenken, effizienter sowie tierschutzgerechter zu gestalten. In Deutschland läuft in einer Reihe von Bundesländern ein Projekt, das  sich Biowild nennt und bei dem die Jagd- beziehungsweise Ruhezeiten unter die Lupe genommen werden. Daran könnte man sich orientieren, um die Jagd an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anzupassen. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, und auf wissenschaftlichem Niveau wurden ganz neue Erkenntnisse gesammelt, deshalb sollten wir uns eingehender mit dem Thema Jagd beschäftigen. Wichtig ist aber trotzdem: Wir brauchen sie.

Was passiert eigentlich mit dem Holz aus unseren Wäldern? Wird es hier weiterverarbeitet oder geht es ins Ausland?

Hermes Sowohl als auch. Ein Teil des Holzes wird noch hier in Luxemburg verbraucht oder zu weiteren Produkten verarbeitet, aber eben nicht alles, weil es uns an holzverarbeitenden Betrieben fehlt. Ein Teil geht deshalb ins Ausland, Buchenstämme beispielsweise oft noch nach Asien. Seit der vorherigen Regierung haben wir nun ein Holz-Cluster in Luxemburg. Das ist eine Plattform für alle Protagonisten der Branche, deren Ziel es letztlich ist, innovative Holzverarbeitungsbetriebe in Luxemburg zu schaffen. Gleichzeitig soll analysiert werden, wie etwa das Buchenholz in der Baubranche genutzt werden kann. Es soll also dafür gesorgt werden, dass unser Holz im Land bleibt oder zumindest in der Großregion weiterverarbeitet wird. Da tut sich sehr viel.