BETTEMBURG
CLAUDE KARGER

Der erste Vertrag im Rahmen des Europäischen Supercomputer-Netzwerks ist unterzeichnet – Im Frühjahr soll der MeluXina-Rechner in Bissen in Betrieb sein

Für das „European Joint Undertaking on High-Performance Computing“ (EuroHPC JU) geht es nun richtig los. Knapp fünf Jahre nach den ersten Bestrebungen und zwei Jahre nach der offiziellen Gründung bekam die Initiative zur Schaffung eines europäischen Netzwerks von Supercomputern erst vergangene Woche ihre operationelle Autonomie – und ihren Exekutiv-Direktor. Für den Dänen Anders Dam Jensen war es denn auch gestern ein „ganz spezielle Gelegenheit“, bei einer Pressekonferenz am Sitz von LuxConnect im Beisein von Premier- und Kommunikationsminister Xavier Bettel und Wirtschaftsminister Franz Fayot die Fortschritte von EuroHPC JU vorzustellen, dessen Hauptquartier in Luxemburg ist.

Im Großherzogtum soll denn auch der erste Superrechner des Netzwerks angesiedelt sein und zwar im LuxConnect-Datenzentrum am IT-Campus in Bissen.

30,4 Millionen Invest

MeluXina, wie der HPC-Computer getauft wurde, soll 10.000.000.000.000.000 arithmetische Rechnungen pro Sekunde fertigbringen (oder 10 Petaflops pro Sekunde). „Es ist der schnellste Rechner, den man finden kann und den wir jemals in Luxemburg hatten“, freute sich Xavier Bettel, „es ist eine Weltklasse-Infrastruktur, die auch den Standort Luxemburg als IT-Kompetenzzentrum stärken wird“. 30,4 Millionen Euro kostet die Anlage, die im kommenden Frühjahr den Betrieb in Bissen aufnehmen wird und für deren Verwirklichung nach einer Ausschreibung die weltweit agierende Atos-Gruppe zurück behalten wurde. LuxProvide S.A., eine 100prozentige Filiale von LuxConnect – LuxConnect wurde 2006 auf Initiative der luxemburgischen Regierung gegründet, mit dem Ziel, das nationale Glasfasernetz zu verbessern und Datenzentren zu verwirklichen – ist für die Anschaffung, den Start und den Betrieb von MeluXina, ein Computer des Typs BullSequana XH2000 verantwortlich, der unter den Top 30 der 500 leistungsfähigsten Supercomputer weltweit rangieren soll. 35 Prozent der Investition trägt EuropHPC.

Im Verbund mit sieben weiteren HPC – in Portugal, Spanien, Italien, Slowenien, Bulgarien, der Tschechischen Republik und Finnland – soll er der den Rückstand aufholen helfen, den Europa gegenüber anderen Wirtschaftsräumen wie den USA und China in punkto Rechenleistung hat. 1,1 Milliarden Euro stellt die EU 2019 und 2020 für Supercomputer und die Entwicklung ihrer Anwendungen zur Verfügung. Kürzlich noch hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei ihrer Erklärung zur Lage der EU erklärt, dass in den kommenden Jahren acht Milliarden Euro für HPC aufgewendet werden sollen. Die Ambition: Europa soll ein führender Player in dem Bereich werden.

Rechenpower für die Wirtschaft

„Wir positionieren einen Kontinent“, kommentiert der Staatsminister die EuroHPC-Initiative, die dazu beitrage, dass Europa nicht zwischen HPC-„Großmächten“ wie USA und China „eingeklemmt“ sei und mit derzeit insgesamt 32 Partnern über den EU-Raum hinaus reiche.

„Rechenkapazität ist ein Motor einer modernen Wirtschaft. Genügend davon zu haben ist kein ,Nice to have‘„, sondern eine Notwendigkeit“, erklärt Wirtschaftsminister Franz Fayot und unterstreicht, dass die Kalkulations-Power von MeluXina zu zwei Dritteln für Unternehmen jeglicher Sparten und Größen zur Verfügung gestellt wird, um die Entwicklung ihrer Produkte und Anwendungen zu beschleunigen und die Forschung insgesamt zu „boosten“. Die Nachfrage von Unternehmen, die für eigene Rechenkapazitäten hohe Investitionen vorsehen müssen, sei hoch, so Fayot. Dass Wirtschaftsakteure einen so hohen Anteil eines Supercomputers beanspruchen dürften, sei „einzigartig“.

„Wenn wir nicht in MeluXina investiert hätten, hätte das Risiko bestanden, dass Unternehmen ihre Forschungsinvestitionen woanders machen“, fügt Xavier Bettel hinzu.

Gaia-X und der europäische Prozessor

Er und Franz Fayot blicken schon auf die nächsten digitalen europäischen Großprojekte, wie Gaia-X. Am 15. September wurde in Brüssel die Gründungsakte für diese Vereinigung unterzeichnet, die eine souveräne europäische Dateninfrastruktur – Stichwort: „Cloud Computing“ entwickeln soll. Auch für die Entwicklung eines „europäischen“ Mikroprozessor seien die Erfahrungen aus Initiativen wie EuroHPC sicher wertvoll, sagen die Experten.

Neben der Infrastruktur MeluXina entsteht auch ein Kompetenzzentrum mit hochrangigen Spezialisten, die laut LuxConnect-CEO Roger Lampach in Zusammenarbeit mit einem „Headhunter“ weltweit gesucht werden. LuxProvide soll Anfang 2021 mit rund 20 Mitarbeitern funktionieren, die vor allem auch die Unternehmen dabei begleiten sollen, ihre Projekte so zu organisieren, dass sie die Rechenkapazität von MeluXina bestmöglich ausnutzen können.

Laut Anders Dam Jensen, der Luxemburg übrigens bestens kennt, denn der Systemingenieur hatte lange führende IT-Positionen bei Cargolux und Champ Cargosystems inne, bevor er 2011 als ICT-Direktor zur NATO nach Brüssel wechselte, werden innerhalb der nächsten Wochen auch für andere HPC Verträge unterzeichnet. „Die nächsten großen Bestien werden bald angekündigt“.