LUXEMBURG
ALBIN WALLINGER

Gust Graas (†): Über seine Anfänge 1952, seinen Management-Stil und die RTL-Formel

Er trug als Generaldirektor dazu bei, dass die RTL Group zu Europas führendem Radio- und TV-Unternehmen wurde. In einem bisher unveröffentlichten Interview* äußerte sich Gust Graas, der uns leider vergangene Woche im Alter von 95 Jahren verlassen hat, über seine Anfänge im Jahr 1952, seinen Management-Stil und die „RTL-Formel der bildhaften Sprache“.

Sie waren seit 1952 dabei. Wie sind Sie in die Welt von RTL gestartet?

Gust Graas Am 16. März trat ich als junger Anwalt der Compagnie Luxembourgeoise de Radiodiffusion (CLR) bei und stieg dann zum ersten Leiter der Personalabteilung auf. Am 13. Dezember wurde ich Generalsekretär. Schon im ersten Jahr sagte ich: „Ich möchte nach Amerika reisen und mir das Ganze ansehen.“ Ich habe dann Freunde bei ABS, CBS und NBC kennengelernt. Da ist mir eines aufgefallen: Die hatten alle „activités accessoires“. Und da kam mir in den folgenden Jahren die Idee, dass man außer den Programmen auch noch viele andere Sachen machen kann. Die irgendwie zusammenhängen mit dem Programm. Wir haben da mit vielen Partnern gearbeitet. Mit dem Ziel, sich gegenseitig zu helfen.

Wie haben Sie damals diese Pionierzeit im Hörfunk erlebt?

Graas Ganz gleich in welchem Land: Wir hatten sehr viel Glück mit den Mitarbeitern. Das waren fantastische Männer und Frauen. Es waren nicht die großen Akademiker. Aber es waren Menschen, die wirklich einen Kontakt herstellen konnten. Die lieb waren. Die gesprochen haben, wie das Herz so ist. Das war der große Erfolg. Die ganzen Mannschaften, egal in welchem Land, waren so voller Leben.

Erklären Sie das mal genauer...

Graas Ja, wie soll ich das sagen: Sie waren so erfrischend, haben alles gegeben. Sie sind so in ihrem Beruf aufgegangen und haben nur dafür gelebt. Haben sich abends noch zusammengesetzt, saßen da bis drei Uhr morgens. Und haben diskutiert, was alles zu machen ist. Es war eine fantastische Zeit.

Wie hat der Erfolg in England das deutsche Programm befruchtet?

Graas In England waren wir sehr beliebt. Die englischen Programme wurden hier in Luxemburg gemacht. Wir hatten da ganz tüchtige Mitarbeiter. Dieses Programm richtete sich gegen die traditionelle BBC. Beim deutschen Programm war es eine ähnliche Situation: Es sendete gegen andere traditionelle, öffentlich-rechtliche Sender an.

Sie waren also ein bisschen Rebell? Ein wenig Piratensender?

Graas Ja. Aber vor allem waren wir anders.

Was gab es in den 60er-Jahren Neues?

Graas Wir setzten vor allem auf Köpfe. Dieses spezielle Moderatoren-Prinzip war ganz neu. Ich glaube nicht, dass in den anderen Anstalten so auf Individuen gesetzt wurde. Die Köpfe bei uns waren seit jeher beliebt. Beim deutschsprachigen Programm von Radio Luxemburg war es eine Mannschaft von 10 Leuten. Das waren alles „Vedetten“, also Stars, bei den Zuhörern.

Wie erfolgreich war das deutschsprachige Hörfunk-Programm, wirtschaftlich gesehen?

Graas Das deutsche Programm hatte damals einen Reingewinn von bis zu 35 Prozent. Das waren unter anderem die Jahre von Frank Elstner. Das war außergewöhnlich. Zum Vergleich: Andere Sender waren froh über einen Reingewinn von 5-8 Prozent.

Warum hatten Sie so einen Erfolg?

Graas Wegen der Sprecher. Wir hatten ganz wenige, aber sehr gute Leute. Bei den Hörern waren wir beliebt, weil wir die Schallplatten spielten, die die öffentlich-rechtlichen Sender nicht spielten. Es kamen all die Verleger aus Deutschland wöchentlich mit neuen Schallplatten und sagten: „Spielen Sie diese Schallplatte.“ Natürlich kamen da immer Geschenke mit (lacht). Und eines Tages kam dann ein Verleger mit einem Pelzmantel für die Frau eines Sprechers. Das war mir dann zuviel.

Was haben Sie dann gemacht?

Graas Da habe ich gesagt: „Ok, jetzt hören wir damit auf. Alle, die wollen, dass ihre Platten bei uns gespielt werden, können das tun. Aber wir machen eine Gesellschaft. Eine Verlagsgesellschaft, an der wir auch 50% halten.“ Und wir gaben dann diese Schallplatten in diese Gesellschaft (lacht). Das war dann ein Riesen-Erfolg. Ich gründete dann solche Verlagsgesellschaften in ganz Europa. In Deutschland hatten wir drei oder vier.

Wie sahen die Abmachungen da genau aus?

Graas Ich hatte eine Regel und sagte: „Ok, wir spielen diese Platte 10x. Und wenn wir sehen, dass sie Erfolg hat, dann spielen wir sie weiter. Und die nehmen wir dann in unseren Verlag. Und wir nehmen keine Geschenke mehr.“

Waren das dann Zweckgesellschaften - mit dem Ziel, Gewinn zu machen?

Graas Ja. Aber am Anfang ging es darum, zu unterbinden, dass die Plattenfirmen immer mit Geschenken ankamen. Das war auch den Sprechern nicht sehr angenehm. So haben wir das vernünftig geregelt.
Sie sprachen von 35 Prozent Rendite. Auch deshalb, weil Sie die Werbekunden anzogen?

Graas Natürlich. Wir hatten sehr viel Erfolg bei den Hörern. Das zeigten auch alle offiziellen Hörer-Analysen seit 1970, die wir in Auftrag gaben. 1976 etwa hatten wir über 6 Millionen Hörer pro Tag oder 13,7 Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre. Und durch die Hörer haben wir viel Werbung bekommen. Wir hatten viel, viel Werbung - und wenig Ausgaben. Also: Viele Einnahmen und wenig Kosten.

Und welche Auswirkung hatte der Erfolg des deutschsprachigen Radio Luxemburg auf das luxemburgische Programm?

Graas Viele internationale Stars schauten dann auch bei Nic Weber, Aline Pütz oder Raymond Tholl vorbei (lacht).

Das Erfolgsrezept beim deutschsprachigen Radio, das hat dann auch beim Fernsehen funktioniert, oder?

Graas Ja, wir hatten sehr schnell Erfolg mit dem deutschsprachigen Fernsehsender RTL plus. Ich sagte meinen Leuten: „Wir werden den Erfolg mit der Formel erreichen, die wir im Hörfunk haben. Wir werden genau mit dieser Gesinnung auch Fernsehen machen: Sehr persönlich, sehr anders.“ Und ich habe dann auch sehr viele Leute vom Hörfunk ins Fernsehen rübergenommen.

Gehörte zu dieser RTL-Formel auch eine andere Sprache?

Graas Ich würde sagen: Wir hatten immer die RTL-Formel einer sehr bildhaften Sprache. Es war und ist die Sprache des Volkes. Um das Beispiel Fernsehen zu nehmen: Die anderen, öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten waren sehr bemüht, sehr korrekt zu sein und lange Sätze zu bilden. Alles war sehr kompliziert. Ich sagte: „Wir brauchen das nicht. Wir wollen sprechen wie die Bevölkerung. Und wenn Sie sich als Sprecher versprechen, dann gehen Sie darüber hinweg. Lachen Sie.“ So entstand vielleicht eine etwas andere Sprache. Und das ist sehr schnell gut angekommen

Welche Qualitäten mussten Sie als Direktor in den 70er und 80er-Jahren haben?

Graas Ich musste einerseits mit Kreativen umgehen, andererseits mit Technikern, aber auch mit Verwaltungsleuten. Wichtig war es, eine Vision zu haben. Dann musste man ins Detail gehen. Und schauen, was möglich war - und was nicht. Ich hatte sehr gute Kontakte in allen europäischen Ländern. Ich kannte genau die Radio- und TV-Situation in allen Ländern. Zu meiner Rolle als Direktor gehörte es auch, zu delegieren. Ich habe immer viel delegiert. Zum Glück hatte ich sehr gute Mitarbeiter.

Sie mussten ein Generalist sein und die Mitarbeiter gut führen. Was war Ihr Erfolgsrezept?

Graas Man muss die Mitarbeiter anspornen. Ich glaube, ich hatte eine sehr gute „Ambiance“ im Haus, auch sozial. Ein solches Klima zu haben, das war schon wichtig.

Was machte während Ihrer Zeit die Identität von RTL aus?

Graas Diese war von Land zu Land anders. In Frankreich haben wir mit einem Hörfunkprogramm angefangen, das sehr, sehr seriös war. Es war die Nr. 1. Es hatte den Vorteil, dass es unabhängig war. Obwohl die Mannschaft in Paris war, haben wir das Ganze in Luxemburg gemanagt. Wir waren das einzige Hörfunkprogramm, das nicht von der Politik abhängig war. Und das hat sich dann in den Informationen widergespiegelt. Deshalb waren wir sehr, sehr geachtet. Wir hatten immer die meisten Einschaltquoten. Soweit zu Frankreich. Was die Identität betrifft: RTL lässt jedem Land seine Besonderheiten. Die spätere Führung hat das auch so gemacht. Insgesamt galt immer der Grundsatz, dass wir für die Menschen da sind. Und dass wir vor allem so sprechen sollten wie die Menschen selbst.


*Unveröffentlichter Vorabdruck aus dem Buch „RTL Radio Lëtzebuerg - Lexikon“

(erscheint in 2020). Interview zur Publikation freigegeben am 26.3.2019.