Hier und jetzt, wo im Rahmen einer starken Mediatisierung des Ausländerwahlrechts Ängste, Vorurteile, Klischees, sowie leider auch Xenophobie in die Debatten um das Referendum einfließen, lohnt sich, wie immer, ein Blick zurück auf unsere Geschichte.
„Mir wëlle bleiwe wat mir sinn“. Warum auch nicht, denn wir sind ein Einwanderungsland und wir sollten das auch bleiben.
Viele führende Persönlichkeiten melden sich derzeit zu Wort, und rühren an historische Fakten, die unbedingt von Bedeutung sind. Anlässlich des „Festival des Migrations“ erinnerte der Historiker Denis Scuto daran, dass im 19. Jahrhundert das Einwohnerwahlrecht de facto existierte, allerdings an die Zahlung eines Zensus gebunden war. Erst mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für Männer und Frauen im Jahre 1919 wurde der Urnengang an die Nationalität gebunden, und auch der Zugang zur Luxemburger Nationalität erschwert.
Wie Michel Wurth in einem Beitrag des „Luxemburger Wort“ richtig erwähnte, haben 60 Prozent der heutigen Luxemburger einen Migrationshintergrund. Gerade für die Luxemburger Stahlindustrie, mit der Wurths Name sehr eng verbunden ist, war die Zuwanderung von Berg- und Stahlarbeitern aus Polen, Deutschland und Italien, sowie ebenfalls von Ingenieuren ein „Must“. Die Entwicklung unserer Stahlindustrie wäre ohne die Einwanderer absolut nicht vorstellbar gewesen. Rechnen wir noch den überaus konstruktiven wirtschaftlichen Beitrag von Italienern und Portugiesen im Handel, in der Gastronomie und im Bausektor dazu, und erinnern uns daran, wie selbstverständlich es in den fünfziger und sechziger Jahren im Süden des Landes war, Klassenkameraden mit italienischem oder polnischem Nachnamen zu haben, müssen wir zugeben, dass wir Luxemburger den Aufbau unseres Landes gemeinsam mit den Einwanderern geschafft haben.
Angesichts der progressiven Internationalisierung der Luxemburger Wirtschaft, die keineswegs erst mit der EU oder mit dem Bankplatz einsetzte, sondern bis in die Zeit der Industrialisierung des Landes zurückreicht, sollten wir uns besinnen, dass unsere Entwicklung auf diesem Miteinander beruht.
Hinzu kommt, dass heutzutage ganze Wirtschaftszweige, Sozialdienste, und ebenfalls das Gesundheitswesen ohne nicht-luxemburgische Mitarbeiter zusammenbrechen würden. Unser Demokratiedefizit ist erheblich, weil nur noch 45 Prozent der Bürger überhaupt wählen. In Erinnerung an unsere italienischen oder polnischen Klassenkameraden, an die Freundlichkeit, mit der wir selber als Studenten im nahen Ausland aufgenommen wurden, in Erinnerung an die kapverdianische oder portugiesische Krankenschwester, die sich vielleicht um unsere Eltern kümmerte, an die jugoslawischen oder belgischen Handwerker, die unsere Heizung reparieren, im Respekt all jener, die manchmal jene Arbeiten erledigen, die wir als Luxemburger überhaupt nicht mehr machen wollen; und in Gedanken an alle ausländischen Fachkräfte, Forscher, Professoren, die unsere Gesellschaft weiterbringen können, haben wir nächsten Sonntag unbedingt etwas nachzuholen. Es geht lediglich darum, Menschen Chancen zu geben, sich besser zu integrieren, und sich für unser Land zu interessieren und einzusetzen.


