NIC. DICKEN

Die vergangene Woche hat gezeigt, dass es in den Vereinigten Staaten von Amerika trotz der weiter grassierenden Corona-Pandemie ein noch schlimmeres Übel gibt, das sich offenbar mühelos ins 21. Jahrhundert herübergerettet hat.

Der hässliche und menschenverachtende Rassismus, der Amerika im ganzen Verlauf seiner Geschichte begleitet und geprägt hat, ist weiterhin präsent, nicht nur in den Südstaaten, wo die Knechtung von Afro- und Hispano-Amerikanern seit jeher Tradition hat, sondern auch in allen anderen Teilen des großen Landes, das sich zwar gerne als der moralische Wegweiser der zivilisierten Welt darstellt, in Wirklichkeit aber schwer krank ist und dem die gesellschaftliche Teilung quer durch die verschiedenen Bevölkerungsschichten immer noch schwer zu schaffen macht. Die Art und Weise, mit der, allen Menschenrechten und demokratischen Ansprüchen von „God’s Own Country“ zum Trotz, zu Beginn der vergangenen Woche einmal mehr ein farbiger Bürger des nördlichen Bundesstaates Minnesota von Polizeikräften ohne erkennbare Notwendigkeit bei seiner Festnahme regelrecht erstickt wurde, spottet allen Anforderungen und Appellen an einen menschlichen Umgang mit Bevölkerungsgruppen, die seit ihrer einstigen Versklavung vor mehr als zwei Jahrhunderten immer noch niedergeknüppelt und auf offener Straße erschossen werden, ohne dass die so heftig beschworene Justiz massiv dagegen einschreiten würde. George Floyd, der am vergangenen Montag in Minneapolis von vier schwer bewaffneten Polizisten ohne erkennbaren Grund in einem schmerzvollen Erstickungstod regelrecht hingerichtet wurde, ist kein Einzelfall, sondern leider das weitere Opfer einer erbarmungslosen Willkür, mit der die vornehmlich weiße Oberschicht der USA weiterhin andere Bevölkerungsgruppen unterdrückt und im wahrsten Sinne des Wortes niedermetzelt. Am 23. Februar hatten im Bundesstaat Georgia ein pensionierter Polizist und sein Sohn eine regelrechte Treibjagd mit tödlichem Abschluss auf einen schwarzen Jogger veranstaltet, der seine Jogging-Tour in ein weißes Wohnviertel verlagert hatte. Die Tatsache, dass es bis Anfang Mai dauerte, bis gegen die beiden Mörder polizeilich und juristisch vorgegangen wurde, hatte völlig zu Recht für erste Verstimmung gesorgt.

Die öffentliche Tötung von George Floyd, dessen Henker ebenfalls zunächst „nur“ aus dem Dienst entlassen, nicht aber unter Anklage gestellt wurden, brachte in den letzten Tagen das Fass zum Überlaufen. Quer durch Amerika kam es daraufhin in den letzten Tagen zu massiven, leider auch von Gewalt- und Plünderung begleiteten, Ausschreitungen durch Hunderttausende Bürger aller Schattierungen in Dutzenden amerikanischen Großstädten, wo sich der im Grunde völlig verständliche und berechtigte Volkszorn Ausdruck verschaffte.

Bezeichnenderweise prangerte Präsident Trump aber nicht etwa die ursprünglichen Übeltäter an, sondern bezichtigte antifaschistische Bewegungen des öffentlichen Terrorismus. So lassen sich auch die schlimmsten und verachtenswertesten Polizeivergehen immer noch schönreden.