MONT ST MICHEL
HELMUT WYRWICH

Mit dem Gesundheitsnotstand kehrt in Frankreich der Patriotismus zurück

Was darf es denn sein? Ausgehverbot, Kontaktverbot, nächtliches Ausgehverbot oder nationaler Notstand? Frankreich hat vor einer Woche ein Ausgehverbot erlassen. Der Präsident hat den Franzosen erklärt: „Wir sind im Krieg. In einem Krieg gegen einen unsichtbaren Feind.“ Das ist eine Sprache, die in Frankreich verstanden wird. Im Gegensatz zu dem nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen pazifistischen Deutschland ist Frankreich ein Land, das immer in Konflikte involviert ist, seine Armee in seinem Innern einsetzen darf und das auch tut. „Wir sind im Krieg“ hat auch Auswirkungen, die ohne Diskussion akzeptiert werden: Das Osterfest fällt aus. Messen finden seit Wochen schon nicht mehr statt. Die Moscheen sind geschlossen. Das Fest zum Ramadan ist abgesagt.

Keiner soll raus dürfen

Der Satz, „wir sind im Krieg“, den Staatspräsident Macron in seiner Rede vor zehn Tagen sechs Mal wiederholte, findet seinen Niederschlag im öffentlichen Leben. Auf seiner Grundlage hat das Parlament gerade den „sanitären Notstand“ ausgerufen. „Wir sind im Krieg“, sagen die Mitarbeiter des Gesundheitswesens, Ärzte und Forscher. Sie verlangen, dass die Franzosen total eingesperrt werden, nach chinesischem Vorbild. Keiner sollte raus dürfen, damit die Verbreitung des Virus gestoppt wird. Der Staatsrat hat dieses totalitäre Ansinnen mit einer Begründung des gesunden Menschenverstandes abgelehnt. Frankreich könne seine Bevölkerung dann nicht ernähren.

Staatspräsident Macron hat in der vergangenen Woche alle Vertreter der Religionsgemeinschaften zu einer Konferenz zusammengerufen. Das Ergebnis: Die katholische und protestantische Kirche sowie die jüdische Gemeinschaft sagen die Feiern zum Osterfest – das wichtigste Fest in diesen Religionen - ab. Die Feiern zum Beginn des Ramadan sind abgesagt worden. Imame aus der Türkei, Algerien, Marokko erhalten kein Einreisevisum.

Bachelot hatte Recht

„Wir sind im Krieg“, hat den Franzosen gezeigt, dass man in die Mangelwirtschaft durch falsche politische Entscheidungen eingetreten ist. Vor zehn Jahren verfügte das Land über einen Vorrat von einer Milliarde Schutzmasken. Als die Gesundheitspolitiker entdeckten, dass die damalige Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot diese Menge Masken und Millionen Impfportionen gegen die chinesische Seuche SARS gehortet hatte, schrien sie „Skandal“ und „Verschwendung von Steuermitteln“. Seit zehn Jahren werden die Masken nach und nach aufgebraucht. Der Bestand liegt jetzt bei etwa 140 Millionen, ein „Vorrat“, der nicht lange reicht. Roselyne Bachelot hatte vor zehn Jahren vor dem Parlament argumentiert: „Wir brauchen diesen Vorrat und müssen ihn jährlich auf diesem Stand halten. Denken Sie daran, was geschieht, wenn es wieder eine Pandemie gibt“. Die Parlamentarier sahen das mitten in der Pandemie SARS nicht so und strichen die 15 Millionen Euro, die jährlich für die Erneuerung des Maskenvorrates im Staatshaushalt vorgesehen waren. Der Fehler geschah unter Staatspräsident Sarkozy, wurde von Staatspräsident Hollande nicht repariert. Die Pandemie ist da, Frankreich hat gerade 200 Millionen Masken bestellt und zwei Monate zu spät reagiert, dazu verständnislos und auch mit einer Portion Hochmut auf die Entwicklung in Italien reagiert und Zeit verloren.

Überlastetes System

„Wir sind im Krieg“, erklärt ein Arzt seinem Patienten, der ihn wegen seiner Diabetes aufgesucht ein neues Medikamenten- und Blutuntersuchugsrezept benötigt. Der Generalist hat einige Masken ergattert und wirkt mit seiner Schutzkleidung eher furchterregend. Aber: Fünf Ärzte sind zwischenzeitlich an der Seuche gestorben. Da sei solch ein Besuch bei ihm eher Verschwendung seiner Zeit, zumal die Labore eh‘ keine Zeit für solche Untersuchungen hätten.

Nicht nur die Labore sind überlastet. Einsparungen im medizinischen Sektor, die Staatspräsident Sarkozy einst begonnen hatte, um die Kosten des Gesundheitssystems zu reduzieren, zeigen ihre negativen Auswirkungen. Es gibt zu wenig Personal. Es gibt zu wenig Intensivbetten. Es nicht genügend Ausrüstung im Bereich der künstlichen Beatmung vorhanden. Die Privatkliniken, eher Stiefkinder im französischen - staatlich ausgerichteten - System stellen und ihre Ausrüstungen, ihre Betten, ihre Intensivstationen zur Verfügung.

Auch die Gendarmen verweisen auf den Krieg, als dem Diabetes Patienten auf seinen täglichen 15.000 Schritten zwischen Feldern erklärt wird, dass er sie rund um sein Haus machen soll, in dem belehrenden Ton, den niemand bei ihnen mag. Was in der Stadt akzeptiert wird, kommt auf dem Land eher schlecht an. Hier braucht man teilweise Kilometer um einen Bäcker zu finden. Ärzte und Apotheken sind in ländlichen Gegenden verstreut, nicht zu reden von Supermärkten. Stetige Kontrollen von Gendarmen in nicht immer glücklichem Umgangston kommen da nicht so gut an.

Meinungsumschwung

Der Satz des Staatspräsidenten zeigt Wirkung. Der Patriotismus kehrt zurück. Der Peugeot-Autokonzern sammelt die Masken aus den Unfallstationen in seinen Fabriken und stellt 130.000 zur Verfügung. Der Luxuskonzern LVMH stellt die Produktion einer Parfümfabrik um und stellt dort nun Desinfektionsmittel her, die ebenfalls dringend benötigt werden. Pharmazie-Studenten stellen in ihren Labors ebenfalls Desinfektionsmittel her, die kostenlos an Heime verteilt werden.

Der Mann, der mit dem Satz „Wir sind im Krieg“ einen dramatischen Meinungsumschwung in Frankreich hervorrief, hat ein feines Gefühl dafür, wie der „Krieg“ auf die Menschen wirkt und ist nicht geneigt, denen zu folgen die den völligen Notstand verlangen. Seit Dienstag sind einerseits die administrativen Maßnahmen verschärft, andererseits Erleichterungen verfügt worden. Familien mit Kindern dürfen immerhin nun eine Stunde nach draußen. Der Umkreis der Bewegungsfreiheit ist auf 1.000 Meter rund ums Haus erweitert worden. Dennoch: Der Krieg gegen ein tödliches Virus scheint nur mit der teilweisen Einschränkung von Grundfreiheiten zu gewinnen zu sein. Die Frage wird eines Tages sein, wann sie wieder hergestellt werden ohne dass Ordnungsfanatiker sie teilweise eingeschränkt halten.