LUXEMBURG
MONIQUE MATHIEU

Wie die Corona-Krise im Alten- und Pflegeheim Redange erlebt wurde

Wenn es auch für sehr viele gelten mag, so waren die beiden letzten Monate für die Bewohner und die Beschäftigten von Alters- und Pflegeheimen keine einfache Zeit. Aufgrund des Geschehens in Italien und Frankreich stand zu befürchten, dass es auch in unserer Region vor allem in den Heimen viele Tote durch Covid-19 zu beklagen gäbe. Obwohl Luxemburg dies erspart blieb, hat die Ungewissheit noch kein Ende. Wir sprachen mit dem Direktor des „Home Pour Personnes Agées St. François” in Redingen, Christian Ensch, über die Krise und ihre Konsequenzen.

„Unser hausinternes Programm haben wir wie gewohnt fortgesetzt“, Christian Ensch, Heimdirektor - Lëtzebuerger Journal
„Unser hausinternes Programm haben wir wie gewohnt fortgesetzt“, Christian Ensch, Heimdirektor

Das Heim St François liegt an der belgischen Grenze. Sicherlich sind viele Ihrer Pfleger und Pflegerinnen Grenzgänger?

Christian Ensch Da es für uns eine Voraussetzung ist, dass sich die Pfleger mit den Bewohnern verständigen können, sind unter unserem Pflegepersonal nur drei Mitarbeiter aus Belgien. Von daher mussten wir nicht befürchten, plötzlich ohne die notwendigen Betreuer dazustehen, weil diese zum Dienst im eigenen Land abgezogen worden wären. Aufgrund der Krise wurde aber sehr schnell deutlich, dass Luxemburg die Ausbildung in den Pflegeberufen fördern muss, damit das notwendige Personal vor Ort rekrutiert werden kann. Dies ist in meinen Augen eine der wichtigsten Lehren der letzten Monate.

Demnach war Ihnen am Anfang des Lockdowns nicht bange, dass die Pflege Ihrer Schützlinge nicht mehr gewährleistet werden könnte?

Ensch Mir hat in der Tat weniger die Schließung der Grenzen Kopfzerbrechen bereitet, als der Familienbetreuungsurlaub (Congé pour raisons familiales). Schlussendlich aber haben sich die MitarbeiterInnen, die ein Anrecht auf die Beurlaubung hatten, mit den anderen abgesprochen, und haben nur einen Teil des Urlaubs in Anspruch genommen - wir kommen auf rund 800 Stunden in den vergangenen acht Wochen. Allgemein war unser 99köpfiges Personal in der Pflege, der Verwaltung und der Hauswirtschaft – wir arbeiten in diesem Bereich autonom – sehr motiviert und einsatzbereit. Es gab in den sechs Wochen des Lockdowns nicht mehr krankheitsbedingte Ausfälle als in Normalzeiten.

Wie verliefen die ersten Tage der Schließung des Heims für Besucher?

Ensch Unsere Türen haben wir am 13. März zugemacht, dies nach dem entsprechenden Beschluss der Regierung. Eigentlich war es eine Erleichterung, dass endlich eine nationale Entscheidung in der Besuchsfrage fiel. In der Zeit davor agierte jedes Heim ein wenig nach seinem Ermessen, was für abgewiesene Besucher schwer nachzuvollziehen war. In der Zeit danach war das Verständnis seitens der Familien sehr groß, wohl auch deshalb, weil wir von Anfang an auf Kommunikation setzten. In einem täglichen Newsletter informierten wir über das Tagesprogramm und etwaige Neuigkeiten und beantworteten vor allem die Frage: Sind noch alle gesund? Das Feedback seitens der Angehörigen war sehr positiv.

Was wurde während der Besuchs- und Ausgangsperre unternommen, damit die Heimbewohner den Mut nicht verlieren sollten?

Ensch Durch die Schließung nach außen, aber durch mehr Miteinander im Heim, konnte der soziale Kontakt stets aufrechterhalten werden. Natürlich mussten wir unsere Ausflüge absagen, doch unser hausinternes Programm haben wir wie gewohnt fortgesetzt. Wir konnten überdies unseren Park uneingeschränkt nutzen, da er nicht öffentlich zugänglich ist. Das Essen wurde wie gehabt gemeinsam im Essenssaal serviert. Wir kamen gar in den Genuss von „Social Distance Concerts“ – Akkordeonist Nico Walisch, das Bläserquintett der Militärmusik (auf Initiative des Familienministeriums), das Saxophonensemble RedSax und weitere Musiker spielten für uns, und werden es weiterhin tun. Auch wenn unser auswärtiger Friseur nicht kommen konnte, so mussten die Bewohner nicht auf Haarpflege verzichten: Mitglieder des Personals, die diesen Beruf früher einmal ausgeübt hatten, nahmen sich ihrer an. Und wenn die Messe nicht mehr in unserer Kapelle zelebriert werden durfte, so konnte sie dort im Livestream aus der Kathedrale oder auf bibel.tv verfolgt werden. Alle im Haus – Bewohner und Mitarbeiter – sind in den letzten Wochen stärker zusammengewachsen. Das ist etwas Positives, ein Gefühl, das wir über die Zeit der Beschränkungen hinaus gerne bewahren möchten.

In Frankreich gab es zumindest ein Heim, in dem das Personal sich mit den Bewohnern in Isolation begab, also das Heim nicht mehr verließ. Wäre dies auch bei Ihnen eine Option gewesen?

Ensch Ja, ganz am Anfang der Krise haben wir uns hierauf vorbereitet. Mein Koffer steht immer noch im Büro… Jetzt sind wir ausreichend gewappnet, um nicht auf eine solch drastische Maßnahme zurückgreifen zu müssen.

Bestimmt war die Freude bei Bewohnern und Angehörigen groß, als die Besuchssperre zum 1. Mai aufgehoben wurde, und sie sich wiedersehen konnten?

Ensch Nach sechs Wochen Kommunikation über Facetime, Skype und WhatsApp, verlief das Wiedersehen teilweise recht emotional. Indes darf man nicht vergessen, dass auch jetzt noch kein Körperkontakt möglich ist, und alle auf Distanz bleiben müssen. Bewohner mit Demenz können dies nicht unbedingt verstehen. Trotzdem: Es verläuft alles sehr diszipliniert. Damit niemand das Heim betreten muss, haben wir ein Besucherzelt aufgestellt. Den Besuchern stehen 20 Minuten zur Verfügung, was unter den gegebenen Umständen zufriedenstellend ist.

Wenn pro Tag zwischen 10 und 15 Bewohner Besuch erhalten, so haben sich die Gewohnheiten wieder eingependelt. Wer zuvor oft von den Angehörigen aufgesucht wurde, ist auch jetzt viel gefragt. Wer weniger Besuch hatte, hat weiterhin wenig Besuch, und jene ohne Besuch, sind dies zumeist geblieben.

Würden Sie sagen: Die Krise und die anschließende Besuchssperre trafen uns unerwartet, oder bestanden bereits entsprechende Krisenpläne für den Fall der Fälle?

Ensch Natürlich gibt es „Prozeduren“ in Bezug auf den Umgang mit Infektionen, die eine Reihe Hygienemaßnahmen vorsehen. Eine der Covid-19-ähnliche Krise hat unser Land jedoch noch nicht gekannt – und demnach wir auch nicht.

Wie sah Ihr persönlicher Alltag während der vergangenen zwei Monate aus? Was war anders?

Ensch Das Direktionsteam war von 7.00 bis 19.00 Uhr im Haus präsent, dies sieben Tage die Woche. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, Bewohnern und Mitarbeitern viel Gehör zu schenken und beruhigend auf sie zu wirken. Bei Fragen standen wir sofort zur Verfügung, genau wie wenn es darum ging, Entscheidungen zu fällen. Dies bedeutete natürlich: Überstunden und kein Urlaub. Allgemein wurden alle Weiterbildungen sowohl für das Direktionsteam als auch für alle anderen Mitarbeiter abgesagt. Die Arbeitssitzungen der Verantwortlichen von Hotel, Pflege und Betreuung fielen aus. Lediglich die Direktoren der sechs Franziskanerinnen-Häuser trafen sich zweimal wöchentlich im Rahmen einer kurzen Koordinationsversammlung mit der Generaldirektion. Persönlich war ich angespannter als noch vor Corona, die Lage, und insbesondere die Ungewissheit machten mir zu schaffen. Dies sollte aber nicht auf Andere abfärben.

Fühlten Sie sich in den letzten Wochen von den staatlichen Behörden ausreichend informiert?

Ensch Von Seiten des Gesundheitsministeriums verlief der Kommunikationsfluss gut, es wurden viele Prozeduren und Anweisungen ausgearbeitet. Darüber hinaus wurden wir mit ausreichend Material, wie Masken, Schutzbrillen, Überziehblusen und Desinfektionsmittel beliefert. Auch die Zusammenarbeit mit der COPAS verdient die Note gut. Was nun unser „Ministère de tutelle“ anbelangt, so rief Familienministerin Cahen bei sämtlichen Direktoren an, um sich nach dem Befinden von Bewohnern und Mitarbeitern zu erkundigen. Dass es in den luxemburgischen Alten- und Pflegeheimen im Vergleich zum Ausland nur wenige Fälle gab, ist in meinen Augen u.a. auf das akkurate Krisenmanagement zurückzuführen und auf die rechtzeitige Bereitstellung von oben genanntem Material.

Welche Anweisungen erhielt das Personal, um nicht zum Covid-Vektor zu werden?

Ensch Für jeden gilt Selbstkontrolle und Selbstüberwachung. Sollten Symptome auftreten, bleibt man zuhause und lässt sich testen. Allen wurden die Hygiene-Regeln nochmals in Erinnerung gerufen, die Arbeitskleidung wird jetzt geleast und wird demnach auswärts gereinigt. Und wir tragen seit Anfang der Krise Mundschutz.

Woher stammte dieser denn?

Ensch Wir hatten noch einen kleinen Vorrat an Masken. Andere stammten von Sponsoren, wie beispielsweise den Bauunternehmern.

Waren Menschen im Heim in Redange an Covid-19 erkrankt?

Ensch Nach meinem bisherigen Wissensstand hat sich kein einziger Bewohner infiziert. Ein betroffener Mitarbeiter ging rechtzeitig in Quarantäne. Hospitalisierungen gab es keine.

Wie verliefen die Covid-Tests der letzten 14 Tage? Waren diese nicht mit viel Aufregung für die Bewohner verbunden?

Ensch In unserem Haus wurden Tests bei Bedarf durchgeführt, die systematischen Texts aller Bewohner und Mitarbeiter haben noch nicht stattgefunden. Jetzt werde ich oft gefragt: „Wéini kommen se dann de Virus moossen?“ Im Franziskanerinnenhaus in Grevenmacher verlief die Testphase laut Feedback meines Kollegen problemlos.

Was bereitet Ihnen zurzeit das meiste Kopfzerbrechen?

Ensch Ich bin es gewohnt, vorausschauend zu planen. Im Augenblick hängt aber sehr vieles davon ab, wie sich die Zahlen weiterentwickeln, ob die Pandemie wirklich eingedämmt werden kann, welche Anweisungen wir seitens des Gesundheitsministeriums erhalten usw., so dass sich eine Planung im Voraus auf maximal 14 Tage beschränken muss. Es gilt auch zu bedenken, dass weiterhin – ohne, dass dies auf Corona zurückzuführen ist – Menschen im Heim sterben. Weil zurzeit keine Neuaufnahmen erfolgen, stehen einige der 110 Zimmer leer.

So gefühlskalt das klingen mag, dies bedeutet für uns einen ernstzunehmenden wirtschaftlichen Ausfall.

Wie sehen Sie die nahe Zukunft im Heim?

Ensch Ich denke, wir müssen mit dem Virus leben lernen. Zur Normalität können wir erst dann zurückkehren, wenn wirksame Behandlungsmethoden erprobt wurden oder eine Impfung möglich ist. Allgemein stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft die richtigen Lehren aus der kurzen Entschleunigung ziehen oder gleich wieder ins Hamsterrad springen wird. Sicher scheint mir, dass in Zukunft mehr auf Telearbeit zurückgegriffen werden wird, und die Telemedizin weitere Fortschritte macht. Hoffen tue ich unterdessen, dass die eingangs erwähnte äußerst wichtige Förderung der Pflegeberufe resolut umgesetzt wird.

Alters- und Pflegeheime

Zu den „Homes pour personnes âgées de la Congrégation des Franciscaines de la Miséricorde asbl.“ zählen die Alten- und Pflegeheime:

Home pour personnes âgées Sacré-Coeur
Luxemburg-Stadt

HPPA St François
Clerf

CIPA
Mamer

HPPA St Joseph
Mersch

HPPA St François
Grevenmacher

HAPPA St François
Redange