LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

„Minusines“ setzt große Ideen rund um Leuchten, Sound und Effekte um - seit 93 Jahren

Wenn Laurent Saeul jemandem etwas Gutes will, dann bringt er ihn in den „Darkroom“. Damit ist nicht jener Teil des Internets gemeint, in dem Aktionen im Verborgenen ablaufen, sondern ein ganz speziell eingerichteter Raum am Sitz des Unternehmens „Minusines“ in Gasperich. Hier hängen Lampen und Leuchten in verschiedenen Stärken und Spektren von kalt bis warm, lassen sich Bilder oder eine Beethoven-Büste unterschiedlich ausleuchten und Töne oder Visuelles sowie Lichtszenen vorführen. „Dann verstehen die Kunden gleich, was wir meinen“, lächelt Saeul.

Das mittelständische Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitern ist Installateuren, Architekten und Bauherren ein Begriff, doch das breite Publikum kennt kaum dieses Luxemburger Traditionsunternehmen, das bereits seit 1925 existiert. Dabei hat es von der Dunkelkammer über den Ausstellungsraum, Fertigung, Lager, Dienstleistungen bis hin zu sozialen Projekten viel zu bieten. „Fast 99 Prozent unserer Kunden sind Geschäftskunden“, erklärt Saeul, der genau wie die ersten Gründer Ingenieur ist. Früher hat er bei Siemens Karriere gemacht und lange Zeit international gearbeitet, bevor er sich 2012 entschied, in einen mittelständischen Betrieb einzusteigen. Heute gehören ihm Anteile der Firma und er ist der geschäftsführende Gesellschafter.

Stolz führt der 50-Jährige durch den Showroom in Gasperich, in dem über 400 Schaltkreise Modelle von Marken wie Bega oder Artemide zum Leuchten bringen. Preise gibt es nicht, denn Minusines setzt auf Konzept und Beratung. Nebenan kaufen Profis Material wie Schalter oder LED-Leuchten. „Sie können vorher telefonisch oder online bestellen und die Ware dann an der Profi-Theke abholen. Das geht fix“, erklärt der Geschäftsführer. Kein Wunder, dass viele das Geschäft beim Verlassen mit einem lächelnden Smiley bewerten. Oft arbeiten die Kunden in den neuen Gebäuden, die im Viertel hochwachsen.

Die Minusines-Geschäftsräume in Gasperich wurden in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut. „Wir haben einen eigenen Schulungsraum, in dem wir wöchentlich über Technik, Neuheiten und anderes informieren“, erklärt Saeul. „Demnächst wollen wir noch einen Anbau im Sinne der Kreislaufwirtschaft hinzufügen.“ Denn langfristig wird dieses Denken sein Geschäft verändern, da ist er sich sicher. „Wir werden in Zukunft Licht vermieten und nicht mehr als Leuchten verkaufen. Deshalb ist es wichtig, dass der Kunde sich das genau vorstellen kann.“

Zwei Flüchtlinge eingestellt

Seit mehreren Jahren fertigt Minusines Energieverteiler und Sicherungskästen vor. Von den rund 2.000 Kunden sind etwa 500 Installationsbetriebe. Täglich setzten die Minusines-Mitarbeiter ein bis zwei Verteiler nach komplizierten Plänen zusammen. Unter ihnen sind auch ein sehbehinderter Mitarbeiter und ehemaliger Schüler vom Lycée des Arts et Métiers sowie ein Flüchtling aus Aleppo. „Wir haben mithilfe der Adem insgesamt zwei arbeitslose Flüchtlinge eingestellt und waren sicher eines der ersten Unternehmen im Land“, sagt Saeul. Er ist Mitglied beim Lions-Serviceclub und freut sich, dass sein Aufsichtsrat, in dem auch Raymond Schadeck sitzt, ihn bei der Haltung „Arbeit statt Geld“ unterstützt. „Wir haben eine Kompetenzbewertung gemacht und sind sehr zufrieden mit unserer Entscheidung“, lächelt der Chef. Dann führt er durch das Lager. Hunderte verschiedener Kabelsorten in allen Durchmessern, Varianten und Farben hängen in Rollen an der Wand. Dazwischen arbeiten Mitarbeiter Bestellungen ab. „Wir liefern zweimal täglich mit sechs Lkw im ganzen Land aus. Die Ware wird vorkommissioniert, sodass die Ladezeit nur eine Viertelstunde beträgt“, berichtet Saeul. „Am Tag sind das rund 500 Transaktionen.“ Mit diesem Service will sich Minusines von Mitbewerbern absetzen. Vor allem die Konkurrenz aus Deutschland ist hart. Deshalb geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter und hat ein mehrsprachiges technisches Call Center eingerichtet, in dem Kunden zwischen 7.00 und 17.00 Rat einholen und anschließend bestellen können.

Saeul hat noch mehr vor. Das Programm „Minusines 2020“ soll das Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten. So nimmt es am „Fit4innovation“-Programm von Luxinnovation teil. „Derzeit entwickeln wir in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern das Projekt „Light as a Service“ weiter, um es dann unseren Kunden anzubieten“, erzählt Saeul. Für ihn ist die Zukunft schalterfrei und sensorgesteuert. „Von der Heizung über die Lüftung bis hin zum Licht wird alles mit einer Technik geregelt und automatisiert werden.“ Deshalb ist es ihm von Bedeutung, dass Minusines schon in der Planungsphase mit Architekten und Bauträgern einbezogen wird.

Obwohl der Zuwachs bei Mitarbeitern und Umsatz zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr betrug, will das Unternehmen richtig Gas geben. „Wir wollen von 80 auf 180 Mitarbeiter wachsen und streben 50 Millionen Euro Umsatz an“, erklärt der Geschäftsführer. „In Zukunft werden wir Licht vermieten.“ Der Schritt von der Kippschalterwelt in die Circular Economy ist jedoch mühsam. So muss das Unternehmen alte Technologie noch vorrätig haben und neue anbieten - in einem harten Preiskampf. „1942 hat eine E27 Edison-Glühbirne 3,80 Reichsmark gekostet, heute gibt es das gleiche E27 LED-Modell auf der E-Business Plattform für 3,47 Euro“, seufzt Saeul.

Von Bergwerksware zu Licht

Er ist sich sicher, dass Minusines die gesetzten Ziele erreicht. Schließlich gab es in der Vergangenheit schon so manche Kehrtwende. Als das Unternehmen 1925 vom Ingenieur André Laval und weiteren Industriellen gegründet wurde, hörte es noch auf den Namen „Société d’exportation et d’approvisionnement des mines et des usines“ und belieferte die Bergwerksindustrie. Im Zweiten Weltkrieg erzwangen die Nazis eine Umbenennung in „Elektromontan“, was damals schon eine Elektrogroßhandlung war. Dann erfolgte eine erneute Umbenennung in Minusines. Zu diesem Zeitpunkt verkaufte das Unternehmen schon Staubsauger und Bohnermaschinen. Ende der 50er Jahre war ein Produktschlager die „Astron-Prinzeß-Höhensonne“ für Sonnenbräune. In den 80er Jahren zog das Unternehmen als eines der ersten nach Gasperich, von wo aus weiße und braune Ware sowie Elektromaterial und Leuchten verkauft wurden, bevor das Geschäft sich in Richtung Licht und Steuerung weiterentwickelte. In Gasperich wird der Platz zwar eng. „Aber es geht“, findet

Saeul. Er führt heute ein Unternehmen, das von Mitgliedern bekannter Luxemburger Familien wie Schwall, Laval und Van Werveke gegründet wurde und ein Familienunternehmen ist - aber ohne Familienmitglieder in der Führung.

Das ändert nichts am Erfolg. Als vor kurzem Francine Closener, Staatssekretärin aus dem Wirtschaftsministerium, zu Besuch bei ihm war, zeigte sie sich beeindruckt. Nicht nur von den vielen Ideen, sondern auch vom

„Darkroom“. „Hier ist schon vielen ein Licht aufgegangen“, kommentiert Saeul.

Eisenerz und LED

MINUSINES

Das Unternehmen wurde 1925 als „Société d’exportation et d’approvisionnement des mines et usines“ von André Laval zur Belieferung der Bergbauindustrie gegründet, der jedoch ein Jahr später starb. Seine Witwe beschloss, unter anderem seinen Kollegen, den Ingenieur Joseph Van Werveke dazu zu holen. Auch die Familie Charles Schwall, Emile Thill, Jean Weimerskirch und Herbert Schaefer investierten am Place Winston Churchill. Das Unternehmen zog schnell an den Boulevard de la Pétrusse und kaufte Anfang der 30er Jahre die Elektrogroßhandlung E. Goebbels. Damals hieß sie „Union Electro-Industrielle“ und zog in die Goethestrasse. Fast jeder Umzug wurde von einer Veränderung des Geschäftsfelds begleitet. Die Nazis erzwangen eine Umbenennung in „Elektromontan“ und die Preisausweisung in Reichsmark. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß das Unternehmen wieder „Minusines“ und verkaufte britische Staubsauger, damals der letzte Schrei. Fernand Jacques, der Schwiegersohn von Joseph Van Werveke, übernahm 1949. Sechs Jahre später investierte die Familie Jacques in ein Gebäude in der Rue Adolphe Fischer, das der neue Firmensitz wurde. Von hier aus wurden die ersten Solarien Luxemburgs verkauft. In den siebziger Jahren übernahm Jean-Paul Jacques die Leitung von seinem Onkel für über 20 Jahre. Er verkaufte neben Elektroinstallationsmaterial, Herde, Kühlschränke oder Fernseher. 1982 erfolgt der Umzug nach Gasperich, wo damals noch nichts stand. Vier Jahre später brennt das Unternehmen aus. 1998 übernahm Guy Thill die Geschäfte nach dem Tod von Jean-Paul Jacques, der erstmals nicht aus dem Kreis der Eigner kommt. 2001 weiht er die neuen Gebäude ein, die 2004 vergrößert werden. Als er 2013 in den Ruhestand geht, übernimmt Laurent Saeul. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 80 Mitarbeiter und ist ein Großhändler vor allem für Installateure und den Baubereich, verkauft aber auch an Privatleute und andere. cc