LUXEMBURG
MARCO MENG

Rückblick und Ausblick - ABBL-Präsident Yves Maas im Interview

Niedrige Zinsen, Fintechs, neue Regulierungen: Banken stehen etlichen Herausforderungen gegenüber. Ob die luxemburgischen Kreditinstitute das meistern können, dazu befragte das „Journal“ den Vorsitzenden des luxemburgischen Bankenverbandes ABBL, Yves Maas.

Rückwirkend ab 1. Januar 2016 müssen die Banken Kontodaten an die Finanzbehörde melden. Hat die Branche das Ende des Bankgeheimnisses überwunden?

Yves Maas Ich denke schon, denn es kam ja nicht unerwartet, sondern wir waren längere Zeit darauf vorbereitet. Es hat sicherlich gewisse Auswirkungen gehabt, das ist nicht von der Hand zu weisen, zum Beispiel im Private Banking, ein Bereich, der vielleicht am meisten davon betroffen ist. Dort hat es eine Veränderung in der Kundschaft mit sich gebracht. Von den traditionellen Kleinkunden der Vergangenheit hat es einen Wechsel zu vermögenderen Kunden gegeben, die steuerlich transparent sind.

Der Datenaustausch hat also zu einer Veränderung des Geschäftsmodells geführt?

Maas Bei einigen Banken hat es sicherlich zu einer Veränderung des Geschäftsmodells geführt und zur Verlagerung von bestimmten Geschäftsbereichen, während andere Banken durch den Bankdatenaustausch fast gar nicht betroffen sind.

Immer weniger deutsche, immer mehr chinesische Banken, kann man so den Trend auf dem Bankenplatz Luxemburg zusammenfassen?

Maas Wir sehen einen Trend, der Luxemburg als Hub und als Eingangstor nach Europa verkörpert, indem sich das Land attraktiv für nichteuropäische Firmen und Banken gestaltet, die sich hier niederlassen und von hier aus mit dem „EU-Pass“ ihr Neugeschäft betreiben. Dafür bietet Luxemburg eine gute Plattform. Auf der anderen Seite haben wir wie gesagt das Phänomen, dass sich für einige etablierte Banken das alte Geschäftsmodell ändern musste, wodurch für manche Geschäftsbereiche die Attraktivität Luxemburgs eingebüßt hat. Andere, die im Fondsbereich tätig sind oder stark im Unternehmensgeschäft, für die ist
Luxemburg weiterhin ein Hub, weshalb der Bankenplatz insgesamt immer noch wächst.

Zusätzlich zu dem Niedrigzins könnten noch Fintechs die Einnahmequelle der Banken schmälern, obwohl die Technisierung bislang nicht dazu führte, dass massiv Personal abgebaut wurde.

Maas Fintechs kamen erst in den letzten paar Jahren. Vorher hat es bei den Banken einige Automatisierungen gegeben, was sich nicht negativ auf den Personalbestand auswirkte, weil diese Automatisierung durch das Wachstum des Geschäfts kompensiert wurde. Wir sind aber immer noch ein Sektor, in dem relativ viel manuell gemacht wird. Da sehen wir Chancen im Bereich Fintech: Wenn wir investieren, die richtigen Lösungen haben und unsere Geschäftsmodelle so ändern, dass wir in Zukunft wesentlich produktiver und effizienter arbeiten.

Den Zinssatz können Sie nicht beeinflussen, aber Fintechs...

Maas Ja, mit dem Zinssatz, der uns das Leben derzeit schwer macht, müssen wir leben. Bei Fintechs ist es hingegen wie mit jeder Entwicklung - wenn man sie aktiv begleitet, kann man davon profitieren, wenn man dem ablehnend gegenübersteht, wird man irgendwann unter die Räder kommen. Sicher ist, dass wir die relativ einfachen Tätigkeiten durch die technische Entwicklung verlieren werden. Wir brauchen also Programme, um die Mitarbeiter weiterzubilden, das ist mittlerweile in unserer Branche unabdingbar und sehr wichtig. Wir wollen vom Wandel profitieren, und ich denke, dass wir es auch schaffen, weitere Banken nach Luxemburg zu bringen, die von der hiesigen Finanzinfrastruktur -
der starken Fondsbranche, den Consultants, den IT-Firmen - profitieren können.

Wie sind die ganzen internationalen Verfahren gegen Banken zu beurteilen - und wann hat es ein Ende damit?

Maas Wenn wir uns diese Fälle anschauen - und keiner von denen tut unserer Branche gut - sind innerhalb der Institute immer nur eine sehr kleine Anzahl von Leuten betroffen. Das kann das ganze nicht entschuldigen, aber ich denke, dass wir in den letzten Jahren im Bereich der Regulierung viel weiter gekommen sind und es immer schwieriger wird für Mitarbeiter, sich nicht regelkonform zu verhalten. Darum denke ich, dass wir in Zukunft diese Probleme nicht mehr haben sollten.
Wie sehen Sie allgemein die Zukunft des Finanzplatzes? Europaweit, so heißt es, soll es ja zu viele Banken geben.

Maas Insgesamt ist es so. In einigen Ländern wird das zu Konsolidierungen führen; auch in Luxemburg wird es in den nächsten Jahren auf der einen Seite Konsolidierung geben, auf der anderen Seite versuchen wir, mehr Geschäft in Luxemburg zu haben. Die Digitalisierung wird zu Umstrukturierungen führen, denn Jugendliche nutzen heute lieber das Handy, als dass sie in eine Bankfiliale gehen. Insgesamt denke ich aber, dass wir als Finanzplatz auch nächstes Jahr weiter wachsen werden.

Welche Risiken und Chancen sehen Sie im Brexit?

Maas Die Frage hängt natürlich davon ab, inwiefern die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU dafür sorgen, wie der Marktzugang von London aus in die EU geregelt sein wird. Für Luxemburg sehe ich mehr Chancen als Risiken. Wenn wir uns einigermaßen intelligent anstellten, sollte es uns gelingen, mehr Geschäft nach Luxemburg zu bekommen. Die Strategie, den Firmen zu ermöglichen, in Luxemburg komplementär zu dem Standplatz London zu betreiben, ist die richtige. Aus globaler Sicht betrachtet wird London immer noch ein wichtiger Finanzplatz sein, auch wenn je nach Aktivität Irland, Frankfurt und Luxemburg gut positioniert sind.

Italienische Banken ächzen momentan, so dass manche wieder vom nahen Ende des Euro reden. Wie sehen Sie die Zukunft des Euro?

Maas Ich glaube, dass die meisten Länder immer noch Richtung vereinigtes Europa agieren und auch agieren müssen. Wir haben eine Union, die so weit fortgeschritten ist, dass sie mit den aktuellen Problemen, die wir haben, klarkommen sollte. Es gibt Diskussionen populistischer Natur, die in eine andere Richtung gehen, aber ich bin der Meinung, dass wir uns als eine Union weiterentwickeln können und die Probleme lösen können, indem wir an einem Strang ziehen. Wenn wir das schaffen, hat auch der Euro keine Probleme.

Und wie sieht es mit den Regulierungen aus? Wenn italienische Banken straucheln, könnte es vielleicht aus Brüssel noch weitere Vorschriften geben.

Maas Mittlerweile gibt es in Brüssel zwei Lager. Gab es vor einigen Jahren nur das eine, das mehr Regulierungen forderte, so gibt es mittlerweile auch eines, das sich fragt, was man tun kann, damit die europäischen Banken im internationalen Wettbewerb kompetitiv bleiben. Wir müssen versuchen, den europäischen Finanzplatz zu stärken und unsere Banken so aufstellen, dass sie auch gegen amerikanische Wettbewerber und überhaupt international wettbewerbsfähig sind. Kämen jetzt weitere Regulierungen, dann sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig, und diese Erkenntnis setzt sich auch immer mehr in Brüssel durch.