LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Eine Kritik am Optimismus

Da habe ich ihn wieder. Einen dieser Momente, in denen ich meine beste Freundin anrufe, damit sie mir gut zuredet. Meine beste Freundin ist meine beste Freundin, weil sie ganz genau weiß, was sie jetzt sagen muss. Nämlich alles, außer der Wahrheit. Sie sagt nicht, dass ich mir das alles selbst zuzuschreiben habe. Dass ich eine verdammt blöde Entscheidung getroffen habe und sie zu Recht bedaure. Nein, die beste Freundin sagt natürlich: „Das wird schon wieder.“ Oder: „Jeder Topf findet seinen Deckel.“ Damit endet das Gespräch und zufrieden lege ich auf. Nun ist alles wieder gut. Ich bin wieder happy. Oder etwa nicht?

Glaube vor aktivem Einsatz

Die Wahrheit ist: Eine Freundin, die so etwas sagt, könnte ich auf den Mond schießen. So gut sie es auch meint. Denn ich ertrage diesen Optimismus nicht. Optimismus macht mich aggressiv. Mich stören die oberflächlichen Floskeln. Die bequemen Passepartout-Antworten, hinter denen eher der Wunsch steckt, dass das Gegenüber – in dem Fall ich – schnellstmöglich mit seinem Gejammer aufhört, als dass er sich besser fühlt.

Schön finde ich auch die Aussage: „Man muss es nur wollen!“. Als hätte ich das, was ich nicht erreicht habe, nicht ausreichend gewollt! Und als würde das Wollen allein im Leben ausreichen!

Der Optimist geht genau davon aus. Er setzt mehr auf Wollen und Glück als auf Können. Warum sonst wünscht er vor einer Prüfung „Hals- und Beinbruch“, gefolgt von: „Wird schon schiefgehen“? Im Zentrum steht der Glaube an eine Sache, die Kraft der Gedanken und nicht etwa die Fähigkeiten eines Menschen, die Mühe und die Zeit, die er investiert. Optimismus erhält dadurch fast religiöse Züge, steht synonym für eine passive Erwartungshaltung im Gegensatz zum aktiven Einsatz.

Auffällig ist außerdem, dass ein Beinbruch wohl kaum als etwas Positives gelten kann. Der Optimist ist also nicht nur gläubig, sondern auch noch abergläubisch, indem er etwas Schlechtes wünscht, in der Hoffnung, das Gegenteil möge eintreten.

Versteckte Zweifel?

Jedenfalls lässt sich am Sprachgebrauch, beispielweise an Partikeln und Adverbien wie „bestimmt“ und „vielleicht“ eine gewisse Naivität, aber auch Unsicherheit beim Optimisten detektieren. Jemand, der sich seiner Sache sicher ist, benutzt sie nicht. Der sagt einfach geradeheraus, wie ist es. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Optimisten ihren Optimismus selbst einschränken. Sie betonen, dass sie in dieser oder jener Sache – und nur in ihr – zuversichtlich sind. Gleichzeitig hat ihr Optimismus aber in diesem Sonderfall wohl nicht mehr Legitimität als sonst. Gründe nämlich werden selten angeführt und können auch gar nicht angeführt werden. Optimismus ist nicht das Ergebnis einer mathematischen Berechnung. Er beruht nicht auf einer objektiven Wahrscheinlichkeit, sondern auf Spekulation und bloßem, subjektiven Gefühl. Optimismus hat nichts mit Rationalität zu tun, mit Fakten, weswegen seine Berechtigung hinterfragt werden darf.

Doch nicht nur das, auch die Wahrhaftigkeit des Optimisten ist nicht ohne Zweifel anzunehmen. Ich habe den Verdacht, dass er nicht immer aufrichtig ist. So, wie eben die beste Freundin auch nur das sagt, von dem sie glaubt, dass ich es hören möchte. Das bestätigt sich mir dadurch, dass die positive Sinnstiftung, die der Optimismus eigentlich haben könnte, die da wäre, Lebensfreude und gute Laune zu verbreiten, oftmals nicht die wahren Intentionen desjenigen ist, der vorgibt, Optimist zu sein. Stattdessen will er sich mit seiner vermeintlich positiven Einstellung rühmen. Ein solcher falscher Optimismus kann natürlich nicht anstecken. Zumindest dann nicht, wenn er entlarvt wird.

Zu schön, um wahr zu sein?

Hier kommt die Politik ins Spiel. Denn ist es nicht so, dass dort genau das versucht wird: Optimismus vorzutäuschen und die Menschen dazu zu bringen, Hoffnung in eine bestimmte Partei oder einen bestimmten Politiker zu setzen? Das ist nicht per se verwerflich. Eine Partei, die nicht wenigstens den Anspruch erhebt, Visionen einer „besseren Zukunft“ vorzugeben, würde wohl kaum Wähler finden und ihren Zweck verfehlen. Aber wenn es einen umstrittenen Satz gibt, dann ist es der Inbegriff des Optimismus schlechthin. Dann ist es das blinde Versprechen der deutschen Bundeskanzlerin: „Wir schaffen das!“.

Für mich wird an diesem Beispiel am besten deutlich, wie schmal der Grad zwischen wahrem Optimismus einerseits und Naivität, passivem Vertrauen andererseits ist. Ich denke, hier wurde vorgetäuschter Optimismus bloßgelegt. Ich denke, hier wurde bloßgelegt, dass Optimisten das „Wie“, den Weg zum Ziel, allzu oft ausklammern.

Zudem bin ich ja der Ansicht, dass Optimismus gravierende Probleme und Konflikte bagatellisiert. Optimistisch darf man gerne sein in Bezug auf das „halb volle“ Bierglas. Oder dass die eigene Fußballmannschaft das nächste Spiel gewinnt. Aber lässt sich die Flüchtlingspolitik wirklich mit einem Begriff charakterisieren, der sonst im Kontext solch trivialer Alltagssorgen verwendet wird?

Friede, Freude, Schwarzseherei

Ich würde mir wünschen, wir hätten öfter den Mut, ein „Miesepeter“ zu sein. Denn ich glaube, dass nur der Umstand, Probleme offen anzusprechen, dass nur Realismus mit einem Hauch Pessimismus die nötigen Kräfte mobilisieren kann, Problemen auf den Grund zu gehen und konkrete Lösungen zu finden. Optimismus ist nicht das Optimum. Es ist der Hang, vom Optimum auszugehen. Ich fände es wünschenswert, manchmal etwas weniger optimistisch sein. Und bestimmt, ja, bestimmt schaffen wir das ...