LUXEMBURG
NIC. DICKEN

11. Deutsch-Luxemburgische Wirtschaftskonferenz im Zeichen regionaler Kooperation

Zur 11. Deutsch-Luxemburgischen Wirtschaftskonferenz gestern Vormittag in der Handelskammer auf Kirchberg hatte sich als besonderer Ehrengast, neben dem luxemburgischen Wirtschaftsminister Etienne Schneider, auch dessen rheinland-pfälzische Amtskollegin Eveline Lemke eingefunden, die neben den Ressorts Wirtschaft und Energie auch noch für Klimaschutz, Landesplanung und Europa verantwortlich zeichnet. 200 Teilnehmer hatten sich zu dieser Tagung eingefunden, die im Zeichen gutnachbarlicher Beziehungen und dem Willen zu verstärkter Kooperation stand, Ansprüche, denen die gestrige Veranstaltung gerecht wurde.

Eröffnet wurde die Wirtschaftskonferenz von Pierre Gramegna, Generaldirektor der Handelskammer, und Christine Gläser, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Luxemburg, deren Vorgänger Dr. Hubertus von Morr mit an der Wiege dieser Initiative gestanden hatte und die damit die Fortführung der Tradition bezeugte,
wie Pierre Gramegna unterstrich. Weil Deutschland der erste Wirtschaftspartner des Großherzogtums sei, lege man auf eine gute Zusammenarbeit besonderen Wert, der in zahlreichen Besuchen und Beteiligungen an Messen zum Ausdruck komme.

Dienstleistungssektor beflügelt

Die Thematik der Konferenz „Der Dienstleistungssektor - ein Jobmotor?“ blieb nicht lange mit einem Fragezeichen versehen, weil Pierre Gramegna gleich klarmachte, in welchem Maße dieser Sektor in den letzten Jahrzehnten die wirtschaftliche und beschäftigungspolitische Dynamik in Luxemburg vorangetrieben habe. Luxemburg wolle als eine der EU-Hauptstädte auch das Herz der Großregion bleiben und sich weiter diversifizieren in Bereichen wie Logistik, Umwelt- und Energietechnik, Information und Kommunikation, sowie in der Gesundheitstechnologie.

Für Botschafterin Christine Gläser bietet Luxemburg eine besondere Wirtschaftsstruktur, auf der auch die benachbarten Regionen aufbauen könnten. Voraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik sei vor allem ein gutes Einvernehmen zwischen Politik und Akteuren, was insbesondere zur Schaffung von neuen, zukunftsorientierten Arbeitsplätzen führen müsse.

Der luxemburgische Wirtschaftsminister Etienne Schneider beneidete zunächst die vielfältige Aufgabenstellung seiner rheinland-pfälzischen Amtskollegin, die es auch ihm erlauben würde, „mit einzelnen Projekten schneller voranzukommen“. Trotz des regen Austauschs von Handel, Handwerk und Arbeitskräften gebe es nur wenig politischen Austausch mit Rheinland-Pfalz. Strukturell gebe es zwischen deutscher und luxemburgischer Wirtschaft große Unterschiede, was vor allem für den Finanzsektor zutreffe. Luxemburg stehe in der Pflicht, seine Wirtschaft wieder stärker zu diversifizieren, wofür man vor allem auf den Logistiksektor setze, der auch weniger qualifizierten Arbeitskräften Beschäftigung bieten könne. Auch wenn die Dienstleistungsbranche in Luxemburg der Job- und Wirtschaftsmotor schlechthin sei, so müsse man doch auch auf andere innovative Branchen setzen.

Intersektorielle Kooperation stärken

Für mehr Austausch, eine Weiterentwicklung der Verkehrsanbindungen und eine stärkere Verschränkung der Wirtschaftsbereiche sprach sich die grüne rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke aus, die sich für die Wirtschaftsentwicklung einen stärkeren Dialog wünschte und dabei auch die Frage nach dem Lenk- und Steuerungsbedarf stellte. Am Beispiel Tourismus in ihrem Land illustrierte sie den Bedarf einer stärkeren Kopplung von produktiver Industrie und Dienstleistungssektor. Die von ihr beabsichtigte kurzfristige Energiewende sei ein wesentliches Element, um die Abhängigkeit zu reduzieren. Hoffnung für die Zukunft schöpfte sie aus der Tatsache, dass in den nächsten zehn Jahren rund 50% der Firmenchefs ersetzt werden müssten, was auch bedeute, dass man junge Leute fit machen muss für die Verantwortung.

Vier Unternehmensverantwortliche, zwei aus Luxemburg und zwei aus Deutschland, stellten anschließend ihre jeweiligen Firmen und Aktivitätsbereiche vor, um die Vielseitigkeit der Dienstleistungsbranche unter Beweis zu stellen. Für das luxemburgische Postunternehmen ging der beigeordnete Generaldirektor Jean-Marie Spaus auf den konsequenten Ausbau einer flächendeckenden Internet-Versorgung ein, die mit einem hohen Leistungsvermögen bis 2015 für die ganze Bevölkerung verfügbar sein soll.

Wie ein vergleichsweise kleines Unternehmen mit starker Spezialisierung und neuen Marktnischen wachsen kann, illustrierte Birgit Steil von der gleichnamigen Firma für Kranarbeiten, die ihren Sitz in Trier hat und in den letzten sechs Jahren dank beträchtlicher Investitionen in neue Wachstumssektoren wie Sendeantennen und Windkraftanlagen mit einer Verdoppelung des Umsatzes sowohl regional als auch europaweit zu einem der Marktführer werden konnte, der auch in Luxemburg Präsenz zeigt.

Sinnvolle Diversifizierung

Ein ebenfalls sehr zukunftsträchtiges Konzept, das zudem sehr gut in den Kontext von Finanzplatz und Logistikzentrum passt, stellte anschließend David Arendt mit dem neuen „Freeport“ Luxemburg vor, der in Zusammenarbeit mit einem Schweizer Unternehmen realisiert wurde und der sich aufgrund seiner einzigartigen Ausstattung und der vorteilhaften luxemburgischen Gesetzgebung als Partner für Investoren in Wertgegenstände aufdrängt und damit das Umschlagvermögen des Flughafens Findel erweitert und diversifiziert.

Dirk Pracht vom Kölner Beratungsunternehmen RE/CARBON stellte die spezifischen Dienstleistungen seines Betriebes vor, der sich auf Beratung in Fragen der Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Beratungsbedarf gebe es bei den Unternehmen sowohl hinsichtlich der Kostenreduzierung bei ständig steigenden Energie- und Rohstoffpreisen, bei den gesetzlichen Verpflichtungen, bei den von Kunden gestellten Anforderungen, bei Innovationen in Produkte und Fertigungsprozesse, sowie bei der Differenzierung gegenüber Mitwettbewerbern und bei einer gezielten langfristigen Wertsteigerung für das Unternehmen.

Eine kurze Diskussionsrunde setzte einen Schlussstrich unter eine sehr interessante und vielseitige Veranstaltung, die damit ihrer Rolle einmal mehr in allen Hinsichten gerecht wurde.